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Corona, die Fleischindustrie und das Tierwohl

Wer war Schuld am Schweinestau? Tönnies-Schließung geht vor Gericht

Clemens Tönnies
am Donnerstag, 11.03.2021 - 11:29 (1 Kommentar)

Clemens Tönnies will es wissen: War die wochenlange Schließung des Schlachtbetriebs in Rheda-Wiedenbrück im Frühjahr 2020 rechtens? Oder wurde Deutschlands größter Fleischkonzern nur zum stellvertretenden Sündenbock einer Systemfrage gemacht?

Stoppschild am Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück

Die gerichtliche Aufarbeitung läuft. Am Ende geht es dabei auch um die Frage, wer war Schuld am Schweinestau mit dem daraus folgenden beispiellosen Verfall der Schweinepreise? Die Ermittlungen der Polizei Gütersloh und der Staatsanwaltschaft Bielefeld gegen die Tönnies-Gruppe wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Körperverletzung und Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz dauern an. Am Verwaltungsgericht Minden läuft aber auch eine von Tönnies eingereichte Klage gegen die wochenlange Schließung im Frühjahr 2020.

„Hätte man uns, so wie andere Betriebe, nur für 7 bis 10 Tage geschlossen, hätte es diesen Schweinestau nicht gegeben. Aber die Stimmung war so aufgeheizt, das war behördlich nicht durchzusetzen“, sagt Tönnies.

Die Geduld der Politik ist am Ende

Offen war, warum weltweit Schlachtbetriebe von positiven Corona-Tests betroffen waren. Wissenschaftler wie die Virologin Melanie Brinkmann fanden heraus, dass das Virus durch die extreme Kühlung über die Umluft über 8 Meter verteilt wird.

Die Behörden schlossen den Betrieb in Rheda-Wiedenbrück für Wochen - nachdem es zuvor das Westfleisch-Werk in Coesfeld erwischt hatte. Die Geduld der Politik war nach Infektionen unter Werkvertragsarbeitern auch bei Tönnies-Konkurrenten Westfleisch oder Vion am Ende. In der Folge wurden zum 1. Januar 2021 Werkverträge bei Großbetrieben der Fleischindustrie untersagt. 

"Tönnies steht stellvertretend für ein kaputtes System"

Fakt ist: Seit dem Corona-Ausbruch bei Tönnies im Frühjahr 2020 ist die Politik nicht mehr gut zu sprechen auf die Firma, die von Mitgesellschafter Clemens Tönnies (64) repräsentiert wird. „Das Jahr hat Narben hinterlassen, ganz eindeutig. Es hat sich ein bisschen verheilt dadurch, dass erkannt ist, dass wir einen Unfall hatten“, sagte der gelernte Metzger Clemens Tönnies der Deutschen Presse-Agentur.

Wer ihn kennt, weiß, dass sich der ehemalige Schalke-Präsident als ehrbarer Kaufmann versteht, dessen Handschlag zählt.

Doch seinen Kritikern geht es um das große Ganze. „Tönnies steht im Grunde stellvertretend für ein kaputtes Fleischsystem, das vor die Wand gefahren ist“, kritisiert der Deutsche Tierschutzbund. Die Probleme aber seien überall vorhanden: Schweine und Rinder werden im Akkord geschlachtet, jeder Handgriff ist durchgetaktet. Das birgt Tierschutzprobleme, so der Tierschutzbund. 

Borchert-Kommission zeigt Wege in die Zukunft

Zugleich betont der Tierschutzbund, dass sich das Unternehmen mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück immer offen für Gespräche gezeigt habe. Aber leider sei es nicht zu tiefergreifenden Veränderungen im Sinne des Tierschutzes gekommen. Klar sei, dass es keine „Tönnies-Frage“, sondern eine Systemfrage gebe. Und die müsse von der Politik endlich geklärt werden.

In die Debatte ist Bewegung gekommen, seit das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung unter Leitung des früheren Agrarministers Jochen Borchert (CDU) vor einem Jahr ein Konzept vorgelegt hat - samt der favorisierten Idee einer „Tierwohlabgabe“, um den Umbau der Nutztierhaltung für mehr Platz, Luft und Licht im Stall zu finanzieren. 

Deutsche Landwirte sind führend in der Nachhaltigkeit

Westfleisch-Vorstand Schruck

Tönnies-Konkurrent Vion aus den Niederlanden begrüßt das Borchert-Papier, „weil es deutlich macht, dass die Weiterentwicklung der Nutztierhaltung staatliche Unterstützung braucht“, wie eine Sprecherin sagt. Den Plan umsetzen könnten aber nur Landwirte. Als Aufforderung an die Branche und Selbstverpflichtung zugleich sieht Vion den Aufbau von Lieferketten, die die Fleischproduktion aus einem angebotsgetriebenen in einen nachfragegetriebenen Markt überführen.

Carsten Schruck, geschäftsführender Vorstand bei Westfleisch, sieht das ähnlich: „Klar ist: Themen wie Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Tierschutz werden weiter an Bedeutung gewinnen. Hier gilt es, Lösungen zu entwickeln und zu etablieren, die von Konsumenten, Handel und Landwirtschaft getragen und gesamtgesellschaftlich akzeptiert werden.“ Bereits heute seien deutsche Landwirte weltweit führend bei Nachhaltigkeitsfaktoren wie Tierhaltung, Futtermittel oder Energie. 

Beringmeier rechnet mit Rückgang der Tierzahlen

Hubertus Beringmeier, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes, liefert selbst Schweine an Tönnies. „Ich bin mir sicher, dass sich im Laufe der nächsten Jahre die Zahl der gehaltenen Tiere verringern wird. Es wird weniger Nutztiere, auch weniger Schweine geben“, prognostiziert Beringmeier.

Bei der Größe der Schlachtbetriebe ist er hin und her gerissen: „Als Gegenpole zu den großen Betrieben sind die kleineren Schlachthöfe wichtig. Und für das Tierwohl – Stichwort Transportzeiten - sind Schlachthöfe in der Fläche auch besser.“

Die Deutsche Umwelthilfe wirft Schlachtbetrieben vor, „dass den Landwirten seit Jahren versprochen wird, dass der Weltmarkt immer weiter wächst. Aber Arbeit und Boden in Deutschland sind teuer.“ Wenn Schlachthöfe mithalten wollten, hätten sie nur eine Chance, wenn Bauern unter Preis lieferten und praktisch Eigenkapital abbauten.

Tönnies: Die Romantik muss aufhören

Clemens Tönnies

Clemens Tönnies will klarer definieren, worüber geredet wird. „Was bedeutet Massentierhaltung? Es geht doch darum: Wie geht es dem Schwein in seiner Bucht und nicht, wie viele Buchten gibt es in dem Stall.“ Diese Romantik müsse einfach aufhören: „Wenn wir nicht wollen, dass Schweine im geschlossenen Stall sind, dann müssen wir die gesetzlichen Rahmenbedingungen bieten und müssen dem Landwirt fairerweise vergüten, was er an Abriss- oder Umbaukosten hat.“

Der Tierschutzbund will kleinere Betriebe und mehr regionale Strukturen. „Und natürlich muss das Fleisch teurer werden, der Mehrerlös zweckgebunden zur Stärkung des Tierschutzes eingesetzt werden - zum Nulltarif werden weder mehr Tierschutz noch bessere Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen und im gesamten Tiernutzersystem realisierbar sein“, sagt Sprecherin Lea Schmitz. Der Bund für Umwelt und Naturschutz stellt vergleichbare Forderungen und versucht, mit Hilfe des Umweltrechts, Werksvergrößerungen zu verhindern.

Wie auch immer die juristische Klärung der Werksschließung ausgeht, an der Causa Tönnies reibt sich die gesellschaftliche Debatte um die Nutztierhaltung an sich und um das Tierwohl intensiv. Als Branchenführer steht das Unternehmen unweigerlich im Fokus. Vom Ausgang der Debatte hängt viel ab, nicht nur für die Tönnies-Gruppe, sondern für die gesamte deutsche Veredlungswirtschaft – vom Landwirt angefangen.

Mit Material von dpa

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