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Rinder verendet – Wenn Landwirte in seelische Not geraten

Junger Mann in depressiver Stimmung
am Freitag, 04.06.2021 - 11:30 (12 Kommentare)

Auch die 50 überlebenden Rinder aus einem vernachlässigten Bestand in Franken mussten alle getötet werden. Fachleute warnen: Viele Bauern sind an der Belastungsgrenze. Aus wirtschaftlichem Druck und gesellschaftlicher Hetze erwächst psychische Not.

Die Nachricht von einem Mastbetrieb bei Rothenburg ob der Tauber in Mittelfranken, auf dem 150 Rinder qualvoll verendeten, hat Ende Mai bundesweit Schlagzeilen gemacht. Anfängliche, reflexartige Beschuldigungen erwiesen sich als deplatziert, nachdem bekannt wurde, dass der Landwirt in stationärer ärztlicher Behandlung ist.

Auf der Facebook-Seite von agrarheute haben einige Landwirte von Anfang an besonnen auf den Fall reagiert. Sie verwiesen aus Erfahrung auf die enorme psychische Belastung vor allem vieler Tierhalter, die meist hinter einem solchen Drama steckt.

Auch die überlebenden Rinder mussten getötet werden

Inzwischen wurde bekannt, dass auch die zunächst überlebenden 50 Rinder des Betriebes getötet werden mussten. Einige waren in so schlechtem Zustand, dass sie, zwei Tage nachdem Polizeibeamte die 150 verendeten Mastrinder am Pfingstsonntag in einem Stall abseits des Dorfes entdeckt hatten, eingeschläfert wurden. Später mussten die auch übrigen Tiere des Betriebs im Landkreis Ansbach notgeschlachtet werden, sodass der gesamte Bestand verloren ist.

Ermittlungen wegen des Verdachts auf Tierquälerei

Die Polizei ermittelt gegen den Landwirt wegen des Verdachts der Tierquälerei, weil die Rinder offenbar über einen längeren Zeitraum nicht versorgt wurden. Sie sind elendig eingegangen. Tierquälerei kann nach dem Tierschutzgesetz mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet werden.

Das zuständige Landratsamt strebt nach Angaben des BR ein Tierhaltungsverbot gegen den Landwirt an. Nach Informationen von agrarheute waren auf dem Betrieb bei Kontrollen in den Jahren 2017 und 2018 keine Tierschutzverstöße festgestellt worden.

Wirtschaftlicher Druck und Geringschätzung führen zu seelischen Belastungen

Der Fall im Landkreis Ansbach wirft ein Schlaglicht auf ein häufig übersehenes, sehr ernstes Thema. Die Folgen von

  • ständigem wirtschaftlichem Druck auf die Betriebe,
  • von immer neuen Auflagen und
  • geradezu gesellschaftlicher Ächtung der konventionellen Landwirtschaft und Tierhaltung.

Nicht wenige Landwirte brechen unter diesem Druck emotional zusammen. Eine breit angelegte Gesundheitsumfrage von agriExperts ergab schon 2017, das von den mehr als 1.300 teilnehmenden Landwirten rund ein Viertel Burnout-gefährdet war.

Zwanzig bis dreißig Anrufer wählen die Krisen-Hotline der SVLFG – wöchentlich

Heidi Perzl ist psychologische Beraterin bei der landwirtschaftlichen Sozialversicherung (SVLFG). Sie sagte jetzt gegenüber dem Sender BR, dass bei der zentralen Krisenhotline der SVLFG jede Woche zwanzig bis dreißig Notrufe eingehen. Typische Konfliktthemen, die häufig eng miteinander verwoben sind, lauten Überforderung, Hofnachfolge, Eheprobleme und schlechtes Ansehen bis hin zum Mobbing.

Perzl weiß aus Erfahrung, wenn ein Landwirt seine Tiere nicht gut behandelt, steckt meist ein menschliches Schicksal dahinter.

Depression: "Mein Weg aus der Abwärtsspirale."

Hier finden Betroffene Hilfe

Nach Angaben der SVLFG sind Burnout und Depression die zweithäufigste Ursache für Erwerbsminderungen unter Landwirten. Häufig ist der Burnout das Ergebnis eines länger währenden Prozesses: Große Arbeitsbelastungen gepaart mit Stress, dem Streben nach Hochleistungen und einer starken Identifikation mit der Arbeit.

Wichtig ist, dass Betroffene sich ihre seelische Not eingestehen und sich trauen, Hilfe anzunehmen. Hilfsangebote sind nämlich durchaus vorhanden und können Wege aus der Krise aufzeigen, ehe es zu spät ist. Einen Überblick der verschiedenen Initiativen, Hotlines und Ansprechpartner für Landwirte finden Sie hier auf agrarheute.

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