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Dürreversicherung

Alles verdorrt, nichts versichert

staubige Rapsaussaat
am Mittwoch, 23.01.2019 - 09:57 (Jetzt kommentieren)

Wer das Katastrophenjahr 2018 überstanden hat , hatte gut vorgesorgt. Das gilt für Ackerbauen ebenso wie für Tierhalter. Eine schadensbasierte Versicherung gegen die extremen Dürreschäden gibt es hierzulande nicht. Ob sich dies trotz zunehmender Wetterextreme ändert, ist ungewiss.

Verdorrte Felder. Vertrocknete Wiesen und Weiden. Eine katastrophale Getreideernte und extremer Futtermangel. Viele Landwirte sind in Existenznot geraten. Verantwortlich war das Dürrejahr 2018. Die Bundesländer meldeten bis Ende August 2018 Dürreschäden von mehr als 3 Mrd. Euro nach Berlin. Mit dieser Schadenshöhe wurden die schlimmen Jahre 2003 und 1992 noch weit übertroffen.

Im Vergleich zum üblichen Durchschnitt sei dieses Jahr „ein krasser Ausreißer nach oben“ bestätigte auch der Chef der Vereinigten Hagelversicherung Rainer Langner. Ende August stufte der Bund die Dürre deshalb „als Schadensereignis von nationalem Ausmaß“ ein. So konnte gemeinsam mit den Bundesländern ein Hilfsprogramm von insgesamt 340 Mio. Euro aufgelegt werden. Das entspricht etwa 10 Prozent der aus den Ländern gemeldeten Schäden.

Die bürokratischen Hürden für die Landwirte, die staatliche Unterstützung zu erhalten, waren jedoch hoch. Zum einen mussten die Schäden mindestens 30 Prozent der betrieblichen Jahreserzeugung erreichen. Zum anderen werden bei der Beurteilung des Schadens und der Hilfen private Vermögen und Einkünfte der Betriebsinhaber berücksichtigt.

Viele Bauern dürften also auf immensen Schäden sitzen bleiben. Ohnehin kann die Landwirtschaft vor dem Hintergrund sich häufender extremer Wettereignisse nicht mit regelmäßigen staatlichen Nothilfen rechnen. Deutsche Agrarökonomen verweisen zudem in einem Gutachten darauf, „dass die staatlichen Hilfszahlungen falsche Anreize setzen.“ Die Landwirte selbst stehen den staatlichen Hilfen in dieser Form ebenfalls häufig kritisch gegenüber.

Gegen Dürre versichern

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In vielen europäischen Ländern und in Nordamerika gibt es schon seit geraumer Zeit schadensbezogene staatlich bezuschusste Ernteversicherungen. Diese schützen die Landwirte vor existenzbedrohenden Dürreschäden und ermöglichen eine hinreichende Risikovorsorge. Wegen der zunehmenden Witterungsrisiken„ ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Landwirte in Deutschland nicht als Bittsteller gegenüber dem Staat auftreten wollen,“ sagt dazu Thomas Gehrke von der Vereinigten Hagel. Er fordert ein aktives Risikomanagement mit Unterstützung des Staates, wie es in fast allen EU-Ländern üblich ist.

In Deutschland ist dies aus verschiedenen Gründen bisher nicht der Fall. „Während eine Dürre ganze Landstriche heimsucht, kommen Gefahren wie Hagel regional, manchmal auch nur lokal vor. Der Prämiensatz bei einer Dürreversicherung ist wegen des sogenannten Kumulrisikos also sehr hoch. Deshalb können Landwirte eine derartige Versicherung wirtschaftlich allein nicht aufbringen,“ erläutert Gehrke.

Kein Geld und hohe Steuern

Ernte in Thüringen

In der EU gibt es derzeit in 17 von 28 Mitgliedsländern staatlich geförderte Ernteversicherungen. Ähnliche Modelle existieren in den USA und Kanada. Immerhin 10 EU-Länder subventionieren die Versicherung über Mittel aus der zweiten Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), einschließlich einer staatlichen Kofinanzierung. Zu diesen Ländern gehören Frankreich, die Niederlande und Italien. Ausschließlich staatliche Zuschüsse fließen in Polen, Österreich, Spanien und Tschechien. Die Höhe der Prämiensubventionen bewegt sich zwischen 50 und 70 Prozent.

In Deutschland ist neben der fehlenden staatlichen Unterstützung auch die hohe Versicherungssteuer ein Problem. Während diese für Ernteversicherungen in den meisten europäischen Ländern bei Null liegt, werden bei uns 19 Prozent verlangt. „Das macht die Risikoabsicherung bei Dürre hierzulande absolut unattraktiv“, meint Daniel Rittershaus von der Vereinigten Hagel.

Für das von Landwirten häufig versicherte Hagelrisiko sowie für Schäden bei Frost, Starkregen oder Überschwemmung wird auch in Deutschland nur eine Versicherungssteuer von 0,03 Prozent erhoben. Meist werden diese Risiken über eine Mehrgefahrenversicherung abgedeckt. Gegen Dürre sind in Deutschland nur rund 5.000 Hektar versichert. Hier wird eine nicht schadensbasierte Indexversicherung genutzt.

BMEL will keine Versicherung

AF_Rüben-Dürre-Bestand

Noch ist keine Entscheidung gefallen, wie es in Deutschland mit der Risikovorsorge bei Dürre weitergeht. Im Herbst 2018 hat die Agrarministerkonferenz (AMK) festgestellt, „dass für eine Reihe von Risiken keine annehmbaren Versichehrungsangebote am Markt bestehen.“ Deshalb hat man den Bund aufgefordert, „Modelle der Risikoabsicherung zu entwickeln und in einer Kosten-Nutzen-Analyse gegenüberzustellen“. Ergebnisse sollen im Herbst 2019 vorliegen.

Das Landwirtschaftsministerium (BMEL) sieht die Verantwortung der Risikovorsorge hauptsächlich als Aufgabe der landwirtschaftlichen Unternehmen. In einem Gespräch mit der Vereinigten Hagelversicherung sagte Staatssekretär Hermann Aeikens, dass das „derzeit eingesetzte Instrumentarium bis 2020 als ausreichend erachtet wird.“ Angesichts der regionalen und strukturellen Unterschiede der Anbaugebiete und Betriebe sowie der unterschiedlichen Verteilung und des Auftretens extremer Wetterereignisse sind nach seiner Einschätzung „regional differenzierte Lösungen erforderlich“. 

Aeikens führte weiter aus: „Wir sehen zudem eine Finanzierung von Versicherungen auf Bundesebene kritisch. Insbesondere wenn sie zu Lasten der Einkommenswirkung der Direktzahlungen gehen würde.“ Allerdings kann sich das BMEL vorstellen, dass der reduzierte Versicherungssteuersatz von 0,03 Prozent auf Dürreversicherungen erweitert wird. Außerdem sollen die Betriebe durch eine „steuerliche Tarifglättung“ unterstützt werden. „Dies schafft Liquidität, die zur Risikoabsicherung verwendet werden kann,“ ist Aeikens sicher.

Die Versicherungswirtschaft selbst ist jedoch überzeugt, dass die Bereitschaft in den Bundesländern größer geworden ist, eine Mehrgefahrenversicherung zu bezuschussen. Rainer Langer von der Vereinigten Hagel meint aber auch, „dass der Bund einen Teil der Kosten übernehmen muss.“ Zu hoch seien sonst die Risiken für Landwirte und Versicherer.

Dieser Text ist zuvor in der Januar-Ausgabe von Agrarheute erschienen.

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