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Tierwohl

Anbindehaltung: Ausstieg kostet bis zu 287 Mio. Euro

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Josef Koch, agrarheute
am
20.12.2018

Der Ausstieg aus der ganzjährigen Anbindehaltung von Rindern kostet viel Geld. Zudem sind sozialverträgliche Übergangsfristen nötig. Den Strukturwandel wird der Ausstieg trotzdem beschleunigen, so eine Thünen-Studie.

Auf Basis von Literaturangaben haben Thünen-Wissenschaftler die anpassungsbedingten Mehrkosten in Cent pro Kilogramm (ct/kg) Milch berechnet. Demnach würde ein Ausstieg aus der ganzjährigen Anbindehaltung die betroffenen Betriebe zwischen 0,26 und 13,42 ct/kg Milch kosten.

Bei einem durchschnittlichen Auszahlungspreis der Molkereien von 27,2 ct/kg Milch im Jahr 2016 und 36,6 ct/kg im Jahr 2017 kann sich ein Verbot somit erheblich auf die Rentabilität der betroffenen Betriebe auswirken.

Mit verschiedenen Fördermaßnahmen, wie tierbezogenen Weideprämien und einer angepassten Investitionsförderung, könnten negative wirtschaftliche Effekte für die Betriebe reduziert werden, so die Agrarökonomen. Bei einem Übergangszeitraum von zehn Jahren müssten dafür schätzungsweise 222 Mio. bis 287 Mio. Euro öffentliche Gelder bereitgestellt werden. Das ist zum Beispiel weniger als die Dürrehilfe 2018. Hier stellten Bund und Länder zusammen 340 Mio. Euro zur Verfügung.

„Diese Ausgaben ließen sich grundsätzlich mit Mitteln finanzieren, die in der zweiten Säule der EU-Agrarpolitik bereits zur Verfügung stehen“, sagt Angela Bergschmidt, Erstautorin der Thünen-Studie.

Übergangsfrist nötig

Es ist allerdings laut Thünen-Institut zu erwarten, dass ein Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung selbst mit einer flankierenden Förderung den Strukturwandel beschleunigen wird.

Um das Verbot möglichst sozialverträglich zu gestalten, sollte den Betrieben nach Auffassung der Ökonomen eine ausreichend lange Übergangsfrist gewährt und das Verbot mit attraktiven Fördermaßnahmen flankiert werden. Gegebenenfalls seien Härtefallregelungen für auslaufende Betriebe zu erwägen, lautet das Ergebnis der Studie.

Bundesrat und Grüne sind für ein Verbot

Bundesrat

Die Anbindehaltung von Rindern wird in Deutschland heftig diskutiert. Der Bundesrat hat sich für ein Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung ausgesprochen. Auch die Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen hat erst vor kurzem ein Verbot gefordert.

Der Grund: Wegen der dauerhaften Fixierung seien die Tiere in ihrem Normalverhalten stark eingeschränkt. Die Anbindehaltung stelle deshalb kein tiergerechtes Haltungsverfahren dar.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hatte das Thünen-Institut beauftragt, die Folgen eines solchen Verbots abzuschätzen.

Starker Strukturwandel bei Anbindehaltern

Bundesweite Daten zur ganzjährigen Anbindehaltung von Rindern existieren zwar nicht, so die Thünen-Wissenschaftler. Ihr Umfang lasse sich jedoch mit Daten aus der Landwirtschaftszählung 2010, in der auch Haltungsverfahren und Weidegang erhoben wurden, abschätzen: Demnach wurden 2010 auf ca. 31.500 Betrieben rund 650.000 Kühe in ganzjähriger Anbindehaltung gehalten. Das entspricht einem Anteil von rund 35 Prozent der Milchviehbetriebe und 15 Prozent aller Milchkühe.

Von diesen Zahlen ausgehend und unter Berücksichtigung des Strukturwandels haben die Wissenschaftler des Thünen-Instituts hochgerechnet, dass bei der vom BMEL vorgeschlagenen Übergangsfrist von zehn Jahren im Jahr 2027 schätzungsweise noch 13.500 Betriebe mit rund 270.000 Milchkühen von einem Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung betroffen wären.

Die Stellungnahme für das BMEL mit dem Titel „Folgenabschätzung eines Verbots der ganzjährigen Anbindehaltung von Milchkühen“ ist als Thünen Working Paper 111 erschienen.

Stellungnahme Thünen-Institut zum Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung

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