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Aufreger: Rekordverdächtiger Bio-Boom im Corona-Jahr 2020

Mann mit Maske beim Kauf von Obst im Supermarkt
am Freitag, 19.02.2021 - 12:50 (3 Kommentare)

Beim Branchentreff BioFach 2021 gab der Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) in seinem Branchenreport Zahlen zum Umsatz mit Bio-Lebensmitteln bekannt. Auf die gestiegenen Zahlen reagierten einige agrarheute-Leser in unserer Facebook-Gruppe mit Skepsis und Ironie.

Wie der BÖLW berichtete, ist der Umsatz an Bio-Lebensmitteln im Corona-Jahr 2020 um 22 Prozent gestiegen. Mit knapp 15 Mrd. Euro betrug der Bio-Anteil am Gesamtumsatz bei Lebensmitteln 6,4 Prozent. Jeder achte Betrieb wirtschaftete im letzten Jahr ökologisch – auf etwa 10,2 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen.

Zu den Ursachen der Entwicklung führte der BÖLW das pandemiebedingt veränderte Konsumverhalten der Verbraucher und den Wandel im Nachhaltigkeitsdenken – angestoßen durch die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg – an.

Facebook-User vermissen Gesamtbetrachtung

Von vielen Facebook-Usern wird die Umsatzsteigerung bei Bio-Lebensmitteln von 22 Prozent als gering empfunden. Da der Bio-Anteil im gesamten Lebensmittelgeschäft sich noch immer auf einem niedrigen Niveau befinde, kämen größere Umsatzsteigerungen auch viel schneller zustande. So bewertete Bernhard T. das Tempo in der Branche mit Ironie: „Wau! In 94 Jahren gibt es nur noch Bio! Boah, ein echter Trend!“

Klaus-Peter W. brachte die Einschätzung einiger User auf den Punkt: „22 Prozent in einem Marktanteil von acht Prozent ordnet das wieder realistisch ein.“

Einige User erinnern außerdem daran, dass während der Pandemie der Umsatz schließlich bei allen Lebensmitteln gestiegen sei – und nicht nur bei Bio-Produkten. Heike W. macht darauf aufmerksam, dass 2020 für den Lebensmittelsektor ohnehin kein gewöhnliches Jahr war: „Meiner Meinung kam die Absatzsteigerung dadurch zustande, daß die Leute weniger unterwegs essen und die Ersparnis in die teureren Bioprodukte investierten. Nach Corona sollte man sich auf eine Umsatzminderung einstellen.“

Bio-Importe stoßen auf harte Kritik

Dass die Zahlen aus dem vom BÖLW vorgestellten Branchenreport sich auch aus den Bio-Importen zusammensetzen, wird in Community vielfach kritisiert. „6,4 Prozent Marktanteil am Gesamtlebensmittelmarkt. In den 6,4 Prozent sind noch Importe enthalten. Deutsches Bio verkauft sich also sehr viel schlechter“, schreibt Alina W.

Auch Birgit E. sieht den Marktanteil wegen der Importe von Bio-Lebensmitteln kritisch. „Und von diesen 6,4 Prozent sind wieviel dann auch aus hiesiger, kontrollierter Produktion? Bei Zutaten zu Bioprodukten, die tausende Kilometer hergekarrt werden, sehe ich keinen Gewinn für die Umwelt“, kommentiert sie.

Wo die Bio-Lebensmittel denn auf einmal herkommen, hinterfragt Uwe T. „Das zu produzieren braucht wenigstens ein Jahr Vorlauf!“ Dazu schreibt Rebrev N.: „Ja, schlagt ein Prospekt auf. Bio-Ingwer aus China, Bio-Heidelbeeren aus Chile, Bio-Kartoffeln aus Ägypten usw.“

Lebensmittelverschwendung und Überproduktion auch bei Bio-Produkten

Dass der Bio-Boom auch Risiken in sich bergen kann, kommentierte Facebook-User Ralf L.: „Beim deutschen Bio-Apfelsaft hat der Umsatz so gut zugelegt, dass sämtlichen Zulieferern/Erzeugern in Süddeutschland die Verträge gekündigt wurden“, so Ralf L., der das „Aldi- und Lidl-billig-Bio aus dem Ausland“ ebenfalls kritisiert.

„Und in den Abfällen, die wir montags und freitags von unserem Supermarkt abholen, ist 80 Prozent Bioabfall“, berichtet der Betrieb Gut Bergfeld aus Mecklenburg-Vorpommern.

Aufrufe zu Gemeinsamkeit und Mut

Vor einem gegenseitigen Aufreiben von „Bio“ und „Konventionell“ warnt Frank J. in seinem Kommentar. „Zieht viel besser mal an einem Strang und setzt euch gemeinsam für die Zukunft der Landwirtschaft ein. Spaltet nicht mit euren Kommentaren immer wieder die Gesellschaft“, appelliert Frank J.

Ein Miteinander – insbesondere von politischer Seite – forderte auch BÖLW-Vorstandsvorsitzender Felix Prinz zu Löwenstein bei der BioFach 2021: „Es ist wichtig, dass vom Bauernverband bis zur Bundesministerin alle Verantwortlichen diese Alternative nicht kleinreden, sondern den Bäuerinnen und Bauern sowie der gesamten Wertschöpfungskette Mut für neue Wege machen – und diese auch entsprechend politisch bahnen mit allen verfügbaren Stellschrauben, an denen die Entscheiderinnen und Entscheider gemeinsam Richtung Bio drehen müssen.“ Löwenstein betonte, es sei erstaunlich, dass laut Umfragen etwa 20 Prozent der Landwirte sich eine Umstellung auf Bio vorstellen könnten, aber nur wenige sich tatsächlich trauten, den Schritt zu gehen.

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