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Mit Ausgleichsflächen nach dem Naturschutzgesetz Geld verdienen

Blühfläche
am Dienstag, 15.06.2021 - 05:45 (1 Kommentar)

Ausgleichsflächen nach dem Bundesnaturschutzgesetz (BNatschG) müssen für die Landwirtschaft nicht verloren sein. Produktionsintegrierte Maßnahmen schaffen den Spagat.

Ausgerechnet der Naturschutz ist ein wesentlicher Grund für den Flächenfraß, unter dem die Landwirtschaft seit Jahren leidet. Das klingt zunächst absurd, aber jeder Landwirt kennt das Dilemma: Gehen Äcker, Weiden oder Wälder für den Straßenbau oder neue Gewerbegebiete verloren, muss der Eingriff gemäß Bundesnaturschutzgesetz ausgeglichen werden. Erfolgt der Ausgleich auf festen Flächen, bedeutet das für die betroffenen Landwirte einen doppelten Verlust: erstens für den Eingriff und zweitens für den Ausgleich. Doch das muss nicht so sein. Die Alternative heißt: produktionsintegrierte Kompensation auf wechselnden Flächen, abgekürzt PIK.
Bei einer rotierenden PIK-Maßnahme erfolgt der Ausgleich nicht auf einer festen Fläche, zum Beispiel durch Aufforstung. Sondern er wird auf wechselnden Flächen in die landwirtschaftliche Nutzung aufgenommen, daher der Begriff produktionsintegriert. Mögliche PIK-Maßnahmen sind zum Beispiel Blühstreifen, ein extensiver Getreideanbau oder Brachefenster für Bodenbrüter. „Gerade für den Schutz von typischen Arten des Offenlandes wie Kiebitz, Feldlerche und Rebhuhn sind PIK-Maßnahmen auf wechselnden Flächen ideal geeignet“, sagt Dominik Himmler, Geschäftsführer der Bayerischen Kulturlandstiftung.

Ausgleichsflächen können weiter genutzt werden

Wildblumen auf dem Feld

Das bestätigt Matthias Herbert, Abteilungsleiter im Bundesamt für Naturschutz (BfN) – mit gewissen Einschränkungen. „PIK-Maßnahmen können ein guter Ausgleich vor allem für Eingriffe in Offenlandbiotope sein“, sagt Herbert. Aber es kommt auf den Einzelfall an: Wie gut wird die Ausgleichsmaßnahme geplant? Und wird sie zuverlässig umgesetzt?

Eine Maßnahme auf rotierenden Flächen zu kontrollieren, ist zwangsläufig aufwendiger als auf einer festen Fläche. Das bringt Kritiker auf den Plan. Sie sagen: PIK werden zu häufig nicht über die gesamte Laufzeit sorgfältig umgesetzt. Vertraglich vereinbarte Ausgleichsmaßnahmen würden im Laufe der Zeit „verschwinden“. Die Wirkung von Ausgleichsmaßnahmen auf Wechselflächen für den Naturschutz sei gering.

Fakt ist: Es gibt keine bundesweit systematische Erfassung oder Untersuchung der naturschutzfachlichen Wirksamkeit von PIK-Maßnahmen. Doch BfN-Experte Herbert kennt viele Positivbeispiele wie etwa das Thüringer Modellprojekt „100 Äcker für die Vielfalt“ oder das sächsische Kulturlandschaftsvorhaben „Stadt Parthe Land“. Es kommt also auf den Einzelfall an.
Was aber genau sind PIK-Maßnahmen? Und was hat der Landwirt davon? Typische PIK-Maßnahmen sind zum Beispiel Blühstreifen am Ackerrand für Insekten, Brachen, Lerchen- und Kiebitzfenster im Getreide oder extensiver Getreideanbau mit mehrfachem Saatreihenabstand. Solche Naturschutzmaßnahmen auf wechselnden Flächen haben viele Vorteile: Sie lassen sich flexibel in die Bewirtschaftung integrieren. Der Landwirt kann sie weiterhin für den Ackerbau oder als Grünland nutzen.

Betriebsprämie durch Naturschutzmaßnahmen nicht in Gefahr

Kiebitz

Den Ausgleich für den niedrigeren Ertrag zahlt der Urheber des Eingriffs an den Landwirt. Das gilt auch für den zusätzlichen Aufwand durch Bewirtschaftungsauflagen. Der Ausgleich muss dabei attraktiv sein, denn die Teilnahme ist für Landwirte freiwillig.

„Die Höhe des Ausgleichs wird individuell festgelegt“, erklärt Markus Reinders, der stellvertretende Geschäftsführer der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft. Einflussfaktoren sind unter anderem das Ertragsniveau und die Fruchtfolge. Für PIK-Maßnahmen an einem zuckerrübenfähigen Standort muss der Verursacher des Eingriffs tiefer in die Tasche greifen als in einer extensiven Grünlandregion.

Wichtig ist: Eigentumsfragen bleiben unberührt. Bei Pachtflächen werden Pächter und Eigentümer in die Entscheidung eingebunden. Die Betriebsprämie gerät nicht in Gefahr, denn die Fläche wird weiterhin landwirtschaftlich genutzt. Zudem können PIK-Maßnahmen in manchen Bundesländern im Einzelfall auf ökologischen Vorrangflächen (ÖVF) zur Erfüllung des Greenings herangezogen werden.
Eine Kombination von Agrarumwelt- und PIK-Maßnahmen auf einer Fläche sind aufgrund des grundsätzlichen Verbots von Doppelförderung allerdings nicht erlaubt. Wie die neuen Öko-Regelungen, die mit der EU-Agrarreform ab 2023 eingeführt werden, mit PIK-Vorhaben zusammengehen werden, ist noch nicht absehbar.

So werden Ausgleichsflächen für den Auftragggeber abgesichert

Weil PIK-Maßnahmen auf wechselnden Flächen umgesetzt werden, ist es unabdingbar, einen institutionellen Mittler wie etwa die Flächenagenturen oder Kulturlandstiftungen einzubinden. Sie sichern für den Verursacher des Eingriffs die Flächen, entweder durch eine institutionelle Sicherung wie in Bayern oder eine „Faustpfandfläche“ wie in Nordrhein-Westfalen. Die Stiftung geht gegenüber dem Ausgleichspflichtigen eine langfristige Vereinbarung beispielsweise über 30 Jahre ein. Zugleich schließt sie mit interessierten Landwirten entsprechende PIK-Verträge. Diese haben kürzere Laufzeiten, in der Regel fünf Jahre.

Die Agenturen entwickeln die Maßnahmen und berechnen den Ausgleich. Sie beraten die Landwirte bei der Umsetzung und kontrollieren mindestens einmal im Jahr, ob der Landwirt die Auflagen erfüllt. Das Ergebnis der Kontrollen wird dokumentiert. Die Flächen sind einschließlich der Kontrollergebnisse in einem Kataster verzeichnet, auf das die zuständigen Naturschutzbehörden Zugriff haben.

Naturschutz wird für den Landwirt zum Betriebszweig

Durch dieses Modell haben beide Seiten Sicherheit: Der Landwirt hat einen fachlich versierten Ansprechpartner und der Verursacher eines ausgleichspflichtigen Eingriffs kann sich darauf verlassen, dass die naturschutzrechtlich geforderte Kompensation zuverlässig erfolgt. Das schließt vertraglich vereinbarte Sanktionen ein. „In der Praxis sind Sanktionen aber fast nie nötig“, sagt Markus Reinders.

Für ihn ist die produktionsintegrierte Kompensation eine klassische Win-Win-Situation: Zum einen kann die landwirtschaftliche Nutzung der Flächen trotz Ausgleichsmaßnahmen aufrechterhalten werden. Für einige Landwirte wird der Naturschutz gar zum Betriebszweig. Zum anderen wird die Landschaft für den Naturschutz beträchtlich aufgewertet, sodass dort, wo PIK fachlich richtig geplant und umgesetzt werden, spürbar mehr Arten und Individuen gezählt werden können. Das hat dazu geführt, dass Ausgleichsmaßnahmen immer häufiger durch PIK auf Wechselflächen erfolgen.

Kommentar

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