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Landwirtschaft und Gesellschaft

Bauer oder Landwirt – eine Frage der Ehre?

Ein Mann mit rot-schwarzer Jacke steht vor einem Feld
am Freitag, 02.10.2020 - 05:00 (5 Kommentare)

Die Frage klingt nur im ersten Moment harmlos. Dahinter verbirgt sich eine überraschend heftig geführte Debatte – innerhalb der Bauernschaft - und auch in der Gesellschaft.

Dabei stehen beide Begriffe ganz offensichtlich für ein ganz bestimmtes Bild von der Landwirtschaft und von ihrer Zukunft. Dennoch ist es nicht einfach, die Begriffe und ihre Inhalte scharf gegeneinander abzugrenzen.

Vor allem, weil es „den typischen Landwirt“ gar nicht gibt. Zu groß sind die Unterschiede zwischen den Betriebsformen, den Betriebsgrößen, den Regionen und auch dem Selbstverständnis der Bauern/Landwirte. Umso wichtiger scheint es deshalb, dieser Frage einmal nachzugehen und vielleicht etwas zur Aufklärung beizutragen.

Vielleicht ist es nicht schlecht zunächst einmal im Duden nachzuschlagen – wie das vielleicht viele Menschen tun würden. Dort steht unter Bauer: jemand, der berufsmäßig Landwirtschaft betreibt; 1b. ein grober, ungehobelter Mensch; 2a. die niedrigste Figur beim Schachspiel.

Da haben wir schon das erste Problem (1b, 2a), weshalb ein Teil der Landwirte das Wort Bauer ablehnt: Die häufig ziemlich negativen Assoziationen in der Gesellschaft.

Landwirt ist laut Wikipedia hingegen die moderne Bezeichnung für einen Beruf, gebildet aus Landbau und Wirt, als Lehrberuf mit Meisterausbildung und der Möglichkeit eines Fachschulbesuchs oder eines Hochschulstudiums.

Doch so einfach ist die Sache offenbar nicht.

Modern oder nur ein Kunstbegriff?

Ein Mann und Kind stehen vor einer Weide mit gefleckten Kühen

In einem Onlineforum sagt ein Teilnehmer zur Definition des Begriffs Landwirt: „Ich finde, dass die Verwendung des Wortes Landwirt kurze Zeit ein Versuch war, dem Berufsstand ein moderneres Image zu geben, aber dass man heute wieder mehr zu Bauer steht und eigentlich diese Bezeichnung verwendet. Ich empfinde Bauer jedenfalls absolut nicht als Schimpfwort und finde Landwirt nicht ganz so passend.“

Diesen Ansatz unterstützt auch ein anderer Diskutant, der sogar noch weiter geht. Er sagt: Der Begriff Landwirt ist so ein Versuch Dinge umzudeuten, durch Veränderung von Sprache auch Realitäten zu ändern und stammt aus demselben Arsenal entseelter Kunstbegriffe wie Azubi anstatt Lehrling und Kita anstatt Kindergarten.“

Und noch ein Ansatz taucht in der Diskussion immer wieder auf. Dort heißt es: „Ein Bauer bewirtschaftet sein eigenes Land. Ein Landwirt ist jemand der kein eigenes Land bewirtschaftet. Entweder ist der Pächter auf fremden Boden oder er sitzt hinter dem Schreibtisch irgendeiner Behörde.“

Und es gibt noch eine Aussage, die in der Diskussion immer wieder vorkommt. Dort heißt es: „Ich sehe mich als Bauer der Landwirtschaft betreibt. Das Wort Bauer drückt für mich vor allem Bodenständigkeit, Leben mit der Natur und Rücksichtnahme aus. Landwirt klingt hingegen irgendwie technisch“.

Begriffe verfolgen politische Ziele

Zwei Männer begutachten Getreide auf einem Feld

Die studierte Landwirtin und Agrarpolitikerin Carin Konrad aus Bickenbach in Rheinland-Pfalz sagt: Uns allen muss klar sein, dass jeder mit seiner Sprache, seinem „Wording“ eigene politische Ziele verfolgt. Manche Leute sagen beispielsweise „Gentechnik“, wenn sie „neue Züchtungsmethoden“ meinen.

Es macht auch einen Unterschied, ob ich von „Pestizid“ oder "Pflanzenschutzmittel" spreche. Auch die gern kritisierte "Massentierhaltung" ist ein Beispiel für negatives Wording: Der Begriff "Masse" suggeriert, dass Tiere als Ware betrachtet werden und die Qualität der Haltung mit ihrer Anzahl nachlässt. Und Konrad weist darauf hin, dass fast das gesamte Umfeld des Begriffs Bauer negativ besetzt ist.

Aus ihrer Sicht prägt das unbewusst die Wahrnehmung der Menschen und etabliert auf Dauer ein negatives Bild des Berufsstands. Da hätten wir den „Bauerntölpel“, der als ungebildet und ungeschickt gilt. In die gleiche Kerbe haut die Redewendung vom „dümmsten Bauern“, der „die dicksten Kartoffeln“ erntet. Diese Wendung impliziert, dass in der Landwirtschaft mangelnde Intelligenz kein Hinderungsgrund ist, um Erfolg zu haben, und ignoriert, dass Landwirte eine intensive Ausbildung oder ein Studium absolvieren.

Landwirte müssen sich ein umfassendes Wissen über Tiere, Pflanzen, Bodenbearbeitung, Umweltschutz, Klimaschutz und Technik aneignen, sagt Konrad. Sonst können sie ökonomisch gar nicht überleben. Trotzdem sind Bauern/Landwirte heftiger gesellschaftlicher Kritik aussetzt. Sie werden für viele Dinge verantwortlich gemacht – und es wird oft über ihre Köpfe hinweg entschieden. Dass der Berufstand sich das nicht klaglos gefallen lässt, zeigten die massiven Bauernproteste des vorigen Jahres.

Bauernbashing und Agrarwende

Eine Frau lehnt gegen einen türkisfarbenen Traktor

Beeinflusst wird das Selbstverständnis der Landwirte/Bauern aber vor allem auch durch die kontroverse gesellschaftliche Diskussion über die Landwirtschaft in den letzten Jahren. Carin Konrad sagt dazu: „Bauern-Bashing scheint geradezu in Mode zu sein“.

Die Vorwürfe sind vielfältig und austauschbar: Tierquäler, Luftverpester, Boden- und Brunnenvergifter usw. Viele Landwirte fühlen sich als Sündenböcke – für gesellschaftliche Entwicklungen. Das gehe teilweise schon an die Substanz, sagt Junglandwirt Johannes Siebert aus dem hessischen Vogelsbergkreis. „In Zusammenhang mit Nitrat und Insektensterben hört man immer nur – Die Bauern sind schuld – und man fragt sich schon: Sind wir in der Gesellschaft überhaupt noch gewollt? Da kann man schon die Lust am Beruf verlieren.“

Der Agrarökonom Alfons Balmann vom Leibniz-Institut für Agrarentwicklung sieht ein „Diskursversagen“ zwischen den Landwirten auf der einen Seite und Umwelt- und Tierwohlverbänden auf der anderen. Wenn beispielsweise die Initiative „Wir haben es satt" zur Grünen Woche demonstriert und fordert, die „Agrarwende anzupacken“ und das „Klima zu schützen“, dann sind es vor allem Umweltverbände und Verbraucher, die demonstrieren und (fast) keine Landwirte.

Balmann sieht das Schlagwort von der Agrarwende deshalb kritisch: „Mit diesem Begriff werden viele diffuse Dinge vermischt, etwa, dass es nur noch Ökolandbau oder Kleinbetriebe geben soll.“

Bauer aus Leidenschaft und Tradition

Junger Bauer.

Die Frage „Bauer oder Landwirt“ ist im Grund also ein Teil der gesellschaftlichen Debatte über Landwirtschaft. Eine abschließende Klärung scheint vor diesem Hintergrund ebenso wenig möglich, wie die rasche Lösung der Wahrnehmungs-Probleme, die die Gesellschaft mit der Landwirtschaft hat.

Der Bund der deutschen Landjugend schrieb im vorigen Herbst anlässlich der Bauernproteste: „Nicht der Unmut treibt die Landwirte auf die Straße, sondern die Sorge, dass die Landwirtschaft in Deutschland keine Zukunft mehr hat."

Viele jüngere Landwirte bekennen sich jedenfalls offensiv zu ihrem Berufstand - ob sie sich nun selbst als Bauer fühlen oder als Landwirt. So sagt etwa Henry Robert, der gemeinsam mit seinen Eltern einen Familienbetrieb im ostsächsischen Fischbach betreibt: „Er sei Bauer aus Tradition und Leidenschaft“.

Dennoch fühlt sich Robert als Sündenbock für viele Sachen, für die er eigentlich gar nicht verantwortlich ist. Der junge Bauer sieht einen großen Teil der Verantwortung für diese Schieflage auch in der Medienberichterstattung. Diese sei oftmals nicht sachkundig, sagt er, und aus seiner Sicht eher ideologisch motiviert. Deshalb hat er einen eigenen Youtube-Kanal gegründet, den er nutzt, um seinen Berufsalltag in dem kleinen Drei-Mann-Familienbetrieb zu erklären.

Eine Klärung der Frage Landwirt oder Bauer war in diesem Text natürlich nicht möglich – aber vielleicht diskutieren Sie einfach mit!

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