Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Update vom 4. März 2022, 10:30 Uhr

Ein Bauer im Ukraine-Krieg – „Zum Glück können wir noch melken“

Milchkühe in der Ukraine
am Freitag, 04.03.2022 - 10:30 (4 Kommentare)

Mitten in der Ukraine, rund 200 km südlich von Kiew, bewirtschaftet der Landwirt Kees Huizinga einen großen Betrieb mit Milchvieh, Ackerbau und Sauen. Im Gespräch mit agrarheute schildert der Niederländer die Lage auf seinem Hof, die ihm bis heute schwer fällt zu verstehen. „Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in der Ukraine passieren wird“, sagt Huizinga am Telefon. „So einen Angriffskrieg, das gab es doch in Europa seit 80 Jahren nicht.“

Update vom 4. März 2022, 10:30 Uhr: 

Am Morgen des 4. März 2022 teilte Kees Huizinga auf der Plattform Twitter mit, dass er die Ukraine vorerst verlassen habe, um sich in den Niederlanden unter anderem am Montag (07.03.) bei einer landesweiten Spendenaktion für die Ukraine zu engagieren. Zuvor sei Huizinga von der ukrainischen Verwaltung gebeten worden, für eine Unterstützung der Landwirte im Land zu werben. 

Huizinga hoffe, schnell wieder in die Ukraine zurückkehren zu können, nachdem er sich in den Niederlanden für eine Unterstützung der ukrainischen Landwirte stark gemacht hat.

Ukrainische Bauern richten tägliche Morgenlage ein

Kees Huizinga

Kees Huizinga ist seit 20 Jahren in der Ukraine. Zu seinem Betrieb gehören rund 15.000 Hektar Ackerland, davon 350 Hektar Gemüse, sowie 2.000 Milchkühe und 450 Sauen.

Normalerweise beschäftigt er etwa 400 Mitarbeiter. Aber normal ist in der Ukraine seit dem 24. Februar 2022, dem Tag der russischen Invasion nichts mehr.

„Einige meiner Mitarbeiter kämpfen jetzt in der ukrainischen Armee“, berichtet der Niederländer. „Andererseits haben wir Flüchtlinge aufgenommen aus den heftig umkämpften Städten Sumy und Charkiw im Osten.“ Die verbliebenen Arbeitskräfte wurden neu eingeteilt. Auf der Baustelle für einen neuen Milchviehstall ruht die Arbeit. Irgendwie geht es weiter.

Auf den Feldern hat die Frühjahrsaussaat in dieser Region der Ukraine noch nicht begonnen. Die Startdüngung steht an, aber die Aussaat erfolgt üblicherweise erst in etwa vier Wochen. „Weiter im Süden, in der Gegend um Cherson, nahe der Schwarzmeerküste, mussten die Kollegen die Frühjahraussaat aber stoppen“, berichtet Huizinga.

Wie es in den anderen Landesteilen aussieht, darüber tauscht er sich jeden Morgen in einer Videokonferenz mit einer größeren Gruppe von Landwirten aus der ganzen Ukraine aus. So halten sich die Bauern gegenseitig auf dem Laufenden.

Die Situation auf seinem Betrieb beschreibt er als „den Umständen entsprechend gut“. Denn tief im Landesinneren, irgendwo Mitten zwischen Kiew und Odessa, fanden noch keine größeren Kämpfe statt. Bombardiert wurden Militärstützpunkte und Flughäfen.

Das Sojaschrot reicht noch für einen Monat

Melkkarussell

„Die Stimmung hier ist angespannt, teilweise auch ängstlich, aber die Menschen sind entschlossen“, sagt Kees Huizinga. Der Betrieb läuft noch. „Wir haben Strom und Internet. Zum Glück können wir noch melken.“

Einen Teil der laufenden Milchproduktion gibt der Betrieb nun täglich zur Weiterverarbeitung und Lieferung an die ukrainischen Streitkräfte ab. Auch Zucker, Getreide und Zwiebeln hat der Betrieb bereits zur Verfügung gestellt, ebenso wie zwei Autos und Diesel für lokale Einheiten.

Wie steht es um die Futtervorräte? „Da sich die Spannungen über eine gewisse Zeit aufgebaut haben, haben wir vorgesorgt“, berichtet der Betriebsleiter. „Wir haben Stroh, Heu und Mais für eineinhalb Jahre. Aber das Sojaschrot für die Schweine reicht vielleicht noch für einen Monat.“

Nachschub ist schwer zu bekommen. Transporte über Land sind gefährlich wegen möglicher Angriffe durch russische Kampfjets.

Ausfall der Ukraine reißt riesige Lücke auf dem Weltmarkt

Dass die ukrainische Landwirtschaft in anderen Landesteilen sehr viel stärker unter dem Krieg leidet und die Exporte zum Erliegen gekommen sind, treibt Huizinga um.

„Es ist wichtig, dass sich die Politiker in Europa darüber im Klaren sind: Der Ausfall der Ukraine als Exporteur von Getreide, Ölsaaten und pflanzlichem Öl wird auf dem Weltmarkt eine riesige Lücke reißen“, warnt der Niederländer.

Wenn dann noch Missernten oder eine Trockenheit in anderen Teilen der Welt hinzukommen, könnte Weizen schnell noch drei- oder fünfmal so teuer werden wie jetzt. Die Folgen für die Nahrungsmittelversorgung in Importländern wären dramatisch.

"Die Ukraine verteidigt die Demokratie gegen Putin"

Welche Zukunft sieht Huizinga für die Ukraine? „Das Land war auf einem sehr guten Weg. Die Demokratie war zwar noch nicht perfekt, aber wir hatten ehrliche und freie Wahlen. Es herrscht Meinungs- und Pressefreiheit. Das Internet wird nicht zensiert. Jetzt müssen wir all das gegen Putins Russland verteidigen“, sagt Huizinga.

Und was, wenn Putin die Ukraine dauerhaft besetzt? „Darüber will ich überhaupt nicht nachdenken“, sagt der Niederländer. Aber er ist sicher: „Die Ukraine ist ein so großes Land und die Ukrainer sind so kämpferisch, dass Russland die Ukraine niemals ganz besetzen können wird. Jeder Bürger wird der Feind eines jeden russischen Soldaten sein."

Kommentare

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...