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Bio wächst aus der Nische – damit wachsen auch die Probleme

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am Donnerstag, 18.11.2021 - 07:00 (4 Kommentare)

„Die Bio-Lüge“, so betitelt die Wochenzeitung Die Zeit ihr aktuelle Dossier. An den Pranger gestellt werden Kontrolleure, Behörden und Handel, vor allem aber diejenigen, die in diesem Spiel am meisten unter Druck stehen - die Landwirte.

Ist meine Bio-Milch wirklich gesund? Warum sieht der Bioapfel viel besser aus als sein konventioneller Nachbar in der Obstabteilung? War mein Schnitzel wirklich glücklich? Das sind Fragen, die sich Verbraucher stellen, besonders wenn die Bio-Produkte im Supermarkt oder Discounter deutlich teurer angeboten werden als ihre konventionell erzeugten Gegenstücke.

Dieselbe Frage stellen sich Verbraucher aber zunehmend auch, wenn die Bio-Produkte sehr günstig angeboten werden. Hält ein billiges Putenschnitzel in Bio-Qualität noch das, was ich mir davon verspreche - Tierschutz, Antibiotikafreiheit, gutes Gewissen?

Bio wächst. Im vergangenen Jahr sogar um rasante 22 Prozent. Längst ist öko raus aus der Nische, was viele begrüßen. Zum Beispiel die Bundesregierung und die EU mit ihren Plänen, bis 2030 auf mindestes 20 Prozent Bio-Anteil an der Fläche zu pushen. Zum Beispiel die Verbraucher, denn für die bedeuten mehr Bio-Produkte, dass Bio im Laden billiger wird. Zum Beispiel aber auch einzelne Landwirte, die es manchmal nicht ganz so genau nehmen mit den Richtlinien. Darüber berichtet nun die Wochenzeitung Die Zeit in ihrem Dossier „Die Bio-Lüge“, das mit der heutigen Ausgabe an den Kiosken ausliegt.

Was sind die Vorwürfe?

Tierrechtler haben sich Zutritt verschafft zu einem großen Legehennenbetrieb. Aber anders als sonst sind sie diesmal eingebrochen bei einem Bio-Landwirt, einem von den „Guten“. Was sie dort finden, überzeugt auf den ersten Blick wirklich nicht: tausende Hennen, Enge und dazwischen auch kranke Tiere. Eben das, was normal ist für eine großangelegte Tierhaltung. Und absolut legal. So wundert sich die Zeit: „Betrachtet man die Bilder, die die Tierrechtler [...] gemacht haben, könnte man denken: Dies ist ein Skandal, weil hier Landwirte gegen das Gesetz verstoßen. Aber das tun sie nicht... Auf den Eierpackungen der beiden Geflügelhöfe ist deshalb, rein juristisch gesehen, vollkommen zu Recht das staatliche Bio-Siegel aufgedruckt.“

Wer 20 Hühner im Garten hält, weiß, eines sieht immer etwas verrupft aus. Bei 30.000 Tieren summiert die die Anzahl der nicht proper aussehenden oder auch kranken Tiere enorm. Jeder Tierhalter weiß das, egal ob konventionell oder bio. Natürlich darf es keine eklatanten Missstände geben. Dass es trotzdem Skandale gibt, größere und kleine, ist bekannt. Je größer eine Branche wird, desto größer wird die Chance, dort auf schwarze Schafe zu treffen. 

Insofern sind die im Zeit-Artikel aufgezählten Beispiele keine Überraschung - ein Abokisten-Anbieter in einer Großstadt, der konventionelles Gemüse beimischte, ein Milchviehhalter aus Baden-Württemberg, der Hormone einsetzte, um den Abkalbezeitpunkt in seiner Herde zu bündeln, oder der vielzitierte Schweinemäster aus Mecklenburg-Vorpommern, der konventionell aufgezogene Schweine als Bioware deklarierte und verkaufte... Je größer eine Branche wächst, umso höher ist die Zahl der Fälle, bei denen Unstimmigkeiten festgestellt werden. 

Das findet auch der Branchenverband Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). "50.000 Bio-Betriebe aus Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel grundsätzlich zu diskreditieren, das ist absolut unangemessen“, sagt Peter Röhrig, geschäftsführender Vorstand des BÖLW. Bio sei der "am strengsten kontrollierte Teil der Land- und Lebensmittelwirtschaft." Wer so engmaschig kontrolliert werde, bei dem gebe es Abweichungen, die natürlich auch sanktioniert würden. Im Schnitt würden Bio-Betriebe 1,3-mal im Jahr kontrolliert.

Druck auf Biobauern wächst und wächst

Ein Trost für diejenigen, die das alles gar nicht so schön finden: Mit der neuen Bioverordnung ab 2022 hat die Kommission die Kontroll-Mechanismen für Bio noch einmal verschärft. Was die Kontrollen aber nicht retten können, ist der zunehmende Druck auf die Biobauern. Bio ist im Markt angekommen - und muss sich damit auch der strengen Preisdiktatur des Handels unterwerfen. Genau wie ihre konventionelle Kollegen müssen Biolandwirte größer, besser, effizienter werden, um sich behaupten zu können.

Und Biobauern sind gleich dreimal dem Konkurrenzdruck ausgeliefert: dem durch konventionellen Produkte, dem durch Bio-Importe aus dem oft günstiger produzierenden (vielleicht weil auch lascher kontrollierten) Ausland, und nicht zuletzt dem durch Berufskollegen, die es mit dem Tierschutz und der Sorgfalt nicht ganz so genau nehmen, weil für sie Bio in erster Linie ein lukratives Geschäft ist. Noch ist die Preisspanne zwischen bio und nicht-bio groß genug, um Anreiz für einen Betrugsversuch zu bieten. „Den großen Supermarktketten fehlt es aktuell an Nachschub, vor allem an Bio-Fleisch. So zieht der boomende Markt auch Unternehmer an, für die offenbar nur der Verdienst im Vordergrund steht“, schreibt auch Die Zeit.

Wer da mithalten will, braucht gute Nerven, unermüdlichen Fleiß und manchmal eine gute Leidensfähigkeit. Nicht alle schaffen das, wie die Statistik zeigt - es gibt immer wieder Rückumsteller.

Umdenken tut Not

Es gibt einiges, was nicht rund läuft in der Bio-Branche. Denn sie musste in den letzten Jahren enorm viel Kraft aufwenden, um den Anforderungen aus Berlin und Brüssel, den Wünschen der landwirtschaftsfernen Kunden und des boomenden Marktes gerecht zu werden. Die Verantwortung dafür überwiegend den Bauern aufzubürden, ist unfair und hilft keinen weiter.

20 Prozent Bio-Anteil in Deutschland, zu günstigen Preisen, regional und in bester Qualität, individuell und doch ausreichend genormt für den großen Handel, mit Sorgfalt und Liebe von glücklichen Biobauern erzeugt - vielleicht ist das möglich, aber es wird kosten. Und zwar nicht nur Geld, sondern auch ein Umdenken in Handel, Politik und nicht zuletzt beim Käufer. Wer viel Bio will, der muss neben kleinen Höfen auch große Betriebe akzeptieren. Bio kommt allmählich aus der Nische, aber der Erfolg hat seinen Preis. Biobauern müssen auch Unternehmer sein dürfen.

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