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Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Stromausfall und die Folgen

Blackout in der Landwirtschaft – Die Katastrophe

Stallanlage im Winter vor einem Windrad und Strommast
am Mittwoch, 27.01.2021 - 12:30 (2 Kommentare)

Anfang Januar hat sich im europäischen Stromnetz ein Fast-Blackout ereignet. Nur mit Mühe konnte eine Katastrophe abgewendet werden.

Arbeiter bei der Arbeit an einer Stromleitung

Für Wirtschaft und Gesellschaft wären die Folgen dramatisch – wie alle bisherigen Fallbeispiele und Untersuchungen zeigen. Was ein totaler Stromausfall für die Landwirtschaft bedeutet, zeigte der mehrtägige Blackout im landwirtschaftlich geprägten Münsterland im Jahr 2005.

Damals ereignete sich der größte Stromausfall der deutschen Nachkriegsgeschichte. Rund 250.000 Menschen waren mehrere Tage ohne Strom. Vereiste und umgeknickte Stromleitungen in Folge eines Schneesturms hatten den größten Blackout der Bundesrepublik verursacht.

Alfred Kemper war damals freiwilliger Feuerwehrmann. Er kann sich auch nach 15 Jahren noch genau erinnern. Gegenüber dem ZDF sagt Kemper: „Als Feuerwehrmann ist man Katastrophenfälle gewohnt. Aber als Mensch hat mich das sehr beunruhigt. Es war nicht abzuschätzen, wie wir diese Situation unter Kontrolle bekommen würden."

„Viele Landwirte hatten sich damals gemeldet, weil sie Generatoren brauchten, um in irgendeiner Form ihre Melkmaschinen zu betreiben", sagte Kemper. Notstromaggregate aus dem gesamten Bundesgebiet, der Einsatz von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Bundeswehr und die gegenseitige Hilfe von Nachbarn haben am Ende dazu beigetragen, dass der Blackout im Münsterland ohne große Schäden ausgegangen ist.

Der Stromausfall 2005 hat aber auch gezeigt, wie anfällig unser Leben ist. Der damals betroffene Landwirt Thomas Ostendorf aus Ochtrup sagt, dass er die Situation ohne Notstromaggregat und Dieselvorrat nur mit großem Schaden überstanden hätte.

Januar 2021: Nur knapp an der Katastrophe vorbei

Messung der Europäischen Netzfrequenz mit Einbruch am 8. Januar 2021

Was ist aber nun am 08. Januar  2021 passiert – und wie groß war die Gefahr? Der österreichische Blackout- und Energie-Experte Herbert Saurugg erklärt, dass es zu einem gravierenden Vorfall im europäischen Stromversorgungssystem kam. Das Ereignis führte im größten zusammenhängenden Stromnetz der Welt zu einer so genannten Netzauftrennung. Diese konnte durch die europäischen Übertragungsnetzbetreiber erst nach rund einer Stunde behoben werden.

Was war die Ursache? Soweit bisher bekannt ist, kam es in Rumänien zu einer Verkettung von Ereignissen, die zu dieser gravierenden Netzauftrennung führten. Im nordwesteuropäischen Netzteil folgte daraus eine Leistungsunterdeckung, wodurch die Frequenz sehr rasch bis auf 49,746 Hz sank, berichtet der Energieexperte Saurugg. Dieser Frequenzeinbruch führte bei verschiedenen Infrastrukturbetreibern, wie Flughäfen oder Krankenhäusern, zu Folgestörungen, welche die Notstromversorgung auslösten.

Im südosteuropäischen Netz stieg die Frequenz hingegegen durch den Leistungsüberschuss auf bis zu 50,6 Hertz. „In beiden Netzteilen zeigen die extremen Abweichungen von der Sollfrequenz ein deutlich gestörtes Leistungsgleichgewicht. Das kann in einem System, wo permanent die Balance zwischen Verbrauch und Erzeugung sichergestellt werden muss, zu weitreichenden Kaskadeneffekte führen“, erläutert Saurugg.

TAB: Ein Kollaps wäre kaum zu verhindern

Stromtrassen vor einem Himmel im Sonnenuntergang

Die Ereignisse im Münsterland 2005 haben auch die Politik beschäftigt. Im Jahr 2011 hat das Büro für Technikfolgeabschätzung des Deutschen Bundestags (TAB) unter Federführung von Thomas Petermann eine Analyse zu den Folgen eines Blackouts vorgelegt.

Der Bericht kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Ein Kollaps der gesamten Gesellschaft wäre kaum zu verhindern. Einer der Initiatoren des TAB-Berichts war der Energieexperte und damalige Bundestags-Abgeordnete Hans-Josef Fell von den Grünen. Er sagt: „Die Kernaussage  war auch für mich überraschend: Wie scharf das Problem ist, wenn einige Tage lang flächendeckend der Strom ausfällt. Dann haben wir schlimmste Katastrophen-Ergebnisse, weil immens viele Strukturen einfach nicht mehr funktionieren“.

Der TAB-Wissenschaftler Petermann sagt: „Aufgrund der nahezu vollständigen Durchdringung der Lebens- und Arbeitswelt mit  elektrisch betriebenen Geräten würden sich die Folgen eines langandauernden und großflächigen Stromausfalls zu einer Schadenslage von besonderer Qualität summieren. Betroffen wären alle kritischen Infrastrukturen, und ein Kollaps der gesamten Gesellschaft wäre kaum zu verhindern.“

Trotz dieses Gefahren- und Katastrophenpotenzials ist ein diesbezügliches  gesellschaftliches  Risikobewusstsein aber nur in Ansätzen vorhanden, schreiben die Wissenschaftler.

Landwirtschaft: Nach 24 Stunden ohne Strom ist Schluss

Ein Landwirt im Kuhstall

Für die Landwirtschaft stellen Petermann und seine Mitautoren fest: Der Sektor ist das erste Glied in der Kette der Lebensmittelversorgung und ist eng verzahnt mit vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen.

Darüber hinaus existiert häufig eine direkte Abhängigkeit von anderen Sektoren. So sind viele Betriebe auf eine zentrale Wasserver- und Abwasserentsorgung angewiesen. Fazit: „Die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft basiert in nahezu allen Produktionsprozessen auf Strom“.

Entscheidend ist nach Einschätzung der Wissenschaftler, wie lange der Strom ausfällt. Innerhalb der ersten 24 Stunden entstehen nach ihrer Einschätzung nur wenig Beeinträchtigungen in der landwirtschaftlichen Produktion. Vor allem in der gartenbaulichen Unterglasproduktion fallen Klimatisierungs- und Bewässerungsanlagen aus. Ebenso sind Durchlüftungsanlagen in Lagerstätten betroffen, die das Lagergut kühlen, heizen und entfeuchten.

In der Tierproduktion sichern Notstromanlagen die für das Überleben und die Gesundheit der Tiere notwendigen Versorgungsanlagen. Nach 24 Stunden ist der Treibstoffvorrat der dieser Anlagen und der Landmaschinen in Regel aber erschöpft, heißt es.

Versorgung mit Lebensmitteln wird zum Knackpunkt

Leere Regale in einem Supermarkt

Die Studie offenbart die Probleme eines langandauernden Stromausfalls für die Lebensmittelversorgung. Die Schäden an Lagergut und Tierbeständen in der Landwirtschaft, der Ausfall der weiterverarbeitenden Industrie und die unzureichende Versorgung großer Teile der Bevölkerung mit Lebensmitteln reduzieren die Funktionsfähigkeit des gesamten Sektors auf ein Minimum, stellen die Wissenschaftler des TAB fest.

Hinzu kommt noch ein Problem: Aufgrund der geringen privaten Bevorratung ergeben sich schon am Ende der ersten Woche ernsthafte Engpässe in der Lebensmittelversorgung. Besonders weniger zentrale Regionen würden unvollständig versorgt.

Die Autoren kommen deshalb zu dem Schluss: „Eine Stabilisierung der Versorgung mit Lebensmitteln und die Gewährleistung ihrer gerechten Verteilung unter der Bevölkerung entwickeln sich zu vorrangigen Aufgaben der Behörden. Von ihrer erfolgreichen Bewältigung hängen das Überleben zahlreicher Menschen und der Erhalt und die Sicherung der öffentlichen Ordnung ab“.

Kommentare

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