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Wirtschaftskrise und die Folgen

Corona: Mehr Farmer-Selbstmorde in Krisenzeiten

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am Freitag, 19.06.2020 - 05:00 (1 Kommentar)

In wirtschaftlich schweren Zeiten nehmen die Selbstmorde unter US-Landwirten zu. Viele Betroffene sehen darin den letzten Ausweg – aus einer eigentlich ausweglosen Lage

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In den USA hatte die Zahl der registrierten Selbsttötungen von Landwirten auch vor Corona schon besorgniserregend zugenommen, berichten Hilfsorganisationen. Die Dunkelziffer lag nach Einschätzung von Ärzten und Berufsverbänden sogar noch weitaus höher.

Hauptgrund für die rasant ansteigende Zahl der Farmer-Selbstmorde ist die katastrophale wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre – etwa seit 2013. Auch aus Europa – unter anderem aus Frankreich - hatte es ähnliche Berichte und im Prinzip eine Bestätigung der auch in den USA bestehenden Ursachen gegeben.

Nun scheint die Corona-Krise die schwierige Situation weiter zu verschärfen, denn sie ist mit massiven wirtschaftlichen Problemen verbunden – deren Auswirkungen für viele Landwirte wohl auch mit den staatlichen Hilfen schwer zu verkraften sind.

"Wenn Sie auf die letzten Jahre der US-Landwirtschaft zurückblicken, hätten die Ereignisse der letzten Monate nicht zu einem schlechteren Zeitpunkt kommen können", sagte David Widmar, Agrarökonom bei der Branchenanalysefirma Agricultural Economic. "Alle in der Wirtschaft sind derzeit mit Gegenwind konfrontiert. Es ist nur so, dass der Agrar-Bereich wirklich hinterherhinkt. Die Produzenten hatten schon sieben schlechte Jahre mit schlechten Nachrichten."

Sehr hohe Selbstmordrate unter Farmern

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In einer Branche, die im vergangenen Jahr von Rekordraten bei Insolvenzen, Selbstmorden und psychischen Gesundheitskrisen erschüttert wurde, die durch Wetterextreme, Handelskriege und schlechte Preise ausgelöst wurden, hat COVID-19 noch mehr Unsicherheit für die Zukunft der amerikanischen Farmer gebracht. Die Pandemie hat bereits die Agrarmärkte massiv infiziert.

Die Anrufe bei den Hotlines für die Unterstützung von Landwirten haben stark zugenommen, seit die COVID-19-Pandemie dazu führte, dass Unternehmen und Schulen landesweit geschlossen wurden, sagte Jennifer Fahy, Sprecherin von Farm Aid, einer US-Hilfsorganisation, die eigens eine Hotline betreibt. Die Landwirte äußern sich zunehmend besorgt darüber, ob sie ihre Produkte verkaufen können, zu welchem ​​Preis und wie sich dies auswirken wird.

Natürlich hat die globale Pandemie die psychische Gesundheit der Menschen in allen Branchen beeinträchtigt. Aber die Landwirtschaft kämpfte schon vor der Krise mit hohen Selbstmordraten. Beispielsweise hatten männliche Farmer in Missouri mit 35,6 pro 100.000 Einwohner im Jahr 2017 die höchste Selbstmordrate unter allen Berufsgruppen - fast doppelt so hoch wie die landesweite Rate von 18,8. Die US-Rate betrug zu diesem Zeitpunkt 14. Dies geht aus einem Bericht der Missouri Hospital Association hervor.

Krise spitzt sich weiter zu

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Selbstmord ist in den USA die zehnthäufigste Todesursache, ergab eine kürzlich von der University of Iowa veröffentlichte Studie: Die Selbstmordrate für Landwirte und Landarbeiter war indessen mehr als dreimal höher als die nationale Rate aus den 1990er Jahren und Anfang der 2000er Jahre.

Obwohl die letzten zwei Jahre noch nicht ausgewertet wurden, erwarten Experten für psychische Gesundheit, dass die Zahlen für 2018 und 2019 noch höher sein werden, da Selbstmord-Hotlines in ländlichen Gebieten erheblich mehr Anrufe erhalten haben.

Dies hat bereits zu einer Reaktion von Bundes- und Landesbehörden geführt, darunter eine Initiative des US-Landwirtschaftsministeriums. Dort wurden 1,9 Millionen US-Dollar zur Einrichtung von Selbsthilfegruppen für Farmen und Ranches und 450.000 US-Dollar zur Schulung von USDA-Mitarbeitern in Bezug auf die Erkennung gefährdeten Landwirten.

Mike Rosmann, ein klinischer Psychologe und Landwirt aus Iowa, berichte dass er zuletzt zahlreiche Anrufe von Landwirten mit psychischen Problemen erhielt, die meist aus den aktuellen finanziellen Schwierigkeiten resultierten.

Schlechte Preise und rekordhohe Schulden

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Für die Farmer im ganzen Land und die verbundenen Unternehmen, steigt nun die die Sorge, dass die Corona-Krise die Probleme der Farmer noch verschärfen wird. Die Verschuldung der landwirtschaftlichen Betriebe in den USA beläuft sich auf 416 Milliarden US-Dollar. Dies ist ein Allzeithoch. Seit 2013 hat mehr als die Hälfte aller Landwirte jedes Jahr Geld verloren.

Wie in Europa auch werden jährlich viele kleine Farmer aus dem Markt gedrängt und müssen ihre Bertriebe aufgeben. Sie können sich die technologischen Fortschritte, die von den großen landwirtschaftlichen Betrieben umgesetzt werden oft nicht leisten. So haben in den USA von 2011 bis 2018 fast 100.000 Farmer aufgegeben, gleichzeitig hat die Anzahl der großen Farmen mit über 2000 Acres (größer als 810 Hektar) stetig zugenommen.

Es gibt keine einfache Erklärung dafür, warum immer mehr Bauern an Selbstmord sterben. Die Faktoren sind gleichzeitig wirtschaftlich, sozial und kulturell. "Wir identifizieren gerne etwas als Ursache", sagte der Psychologe Ted Matthews.

"Im Moment reden sie davon, dass niedrigen Agrarpreise die Ursache sind, und es ist definitiv eine Ursache, aber es ist keineswegs die einzige." Die Preise für die häufigsten Kulturen - Sojabohnen, Mais und Weizen - erreichten 2012 ihren Höchststand, haben jedoch seitdem etwa die Hälfte ihres Wertes verloren.

Mit den Problemen überfordert – Stigma überwinden

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Obwohl die Landwirte mit beispiellosen wirtschaftlichen Schwierigkeiten konfrontiert sind, haben sie große Schwierigkeiten, psychologische Unterstützung zu erhalten. Eine Ursache dürfte in der schlechteren Versorgung der ländlichen Räume liegen. In ländlichen Gebieten gibt es insgesamt weniger Anbieter von psychiatrischer Versorgung pro Person - 63 pro 100.000 Einwohner im Vergleich zu 146 in städtischen Regionen.

Die andere Herausforderung für die Landwirte ist offenbar das Stigma der psychischen Gesundheit und die Suche nach Hilfe. Experten beschreiben vor allem die Schwierigkeiten männlicher Landwirte sich mit Angstzuständen, Depressionen oder anderen Problemen auseinanderzusetzen.

Der Farmer Richard Oswald, ein Landwirt der fünften Generation, sagt dazu: „Es ist eine Kultur, in der Bauern, hauptsächlich Männer, ihre Gefühle nicht leicht ausdrücken können. Das verschärft die Probleme. Von den Landwirten wird erwartet, dass sie sich jeder Herausforderung stellen - oft allein. Wenn es stürmt, müssen sie sich um ihre Tiere oder Ernten kümmern. Wenn die Ausrüstung ausfällt, führen sie die Reparatur durch. Wenn die Ernten vertrocknen, müssen sie immer noch die Rechnungen bezahlen“.

"Wenn Sie es anerkennen, ist es ein Zeichen der Schwäche", sagte Oswald. "Du zeigst deine Schwäche nicht. Du darfst nicht schwach sein. Du musst stark sein. Und wenn du an einen Punkt kommst, an dem du nicht mehr stark sein kannst, dann hast du alle betrogen." „Wir müssen das Stigma des Selbstmordes überwinden, das die Menschen davon abhält, darüber zu sprechen, sagen die Milchbauern Phil und Julie Henneman, die ihren erwachsenen Sohn Keith durch Selbstmord verloren haben.

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Tel.: 0561 785 – 10101
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