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Düngeverordnung

Gülle: Neue Regeln sind Mist – Bauern in Not

Güllle ausbringen
am Mittwoch, 18.09.2019 - 13:45 (4 Kommentare)

Die neue Düngeverordnung erzeugt einen Strukturbruch. Viele kleine Betriebe würden zum Aufhören gezwungen, weil sie bei gleichbleibenden Investitionen nicht mehr den selben Ertrag erwirtschaften könnten.

Das sagt Volker Hahn, Landwirt und Vorsitzender des Landvolks in Hannover. Auch aus anderen Regionen kommen Berichte über die massiven Schwierigkeiten, die viele Landwirte haben, die neuen Regeln umzusetzen – insbesondere bei Lagerung und Ausbringung von Gülle.

„Die Verschärfung der bisherigen Vorgaben von 2017 ist fachlich mit nichts zu begründen, sie schadet der Pflanze und hilft dem Grundwasser nicht“, sagt Volker Hahn.

Das bestätigen die meisten Kollegen aus anderen Regionen - obwohl die Not in den Hochburgen der Viehhaltung offenbar am größten ist. Dort liegen zumeist auch die sogenannten roten Gebiete in denen die Stickstoffdüngung künftig 20 Prozent unter dem Bedarf erfolgen muss.

Verschärfung der Sperrfristen

Ein Kritikpunkt vieler Bauern ist die Verschärfung der Sperrfristen, in denen Gülle und Mist nicht auf Felder und Grünland ausgebracht werden darf. Dies ist nach den neuen Bestimmungen künftig nur noch bis zum 30. September erlaubt. Bisher war der 31. Oktober der Schlusstermin. Bis 31. Januar bleibt die Ausbringung dann verboten.

Die Begründung: Der Dünger könnte in der niederschlagsreichen Zeit abgeschwemmt werden und Gewässer belasten. Viele Landwirte bringt dieser deutlich vorgezogene Termin aber in große terminliche und logistische Schwierigkeiten.

Die Folge ist: Wenn die Gülle nicht mehr rechtzeitig auf alle Flächen ausgebracht werden kann, muss sie bis zum Frühjahr gelagert werden. Dafür braucht man aber deutlich mehr Lagermöglichkeiten. Oder die Gülle wird über weite Strecken in andere Betriebe transportiert.

Gülletourismus ist eine Folge

Gülle tanken

Über einen stark zunehmenden „Gülletourismus“ wurde unter anderem aus Bayern berichtet. Dort werden immerhin 20 Prozent der Flächen als sogenannte rote Gebiete ausgewiesen. Der Landwirt Martin Weber aus dem oberbayerischen Feldkirchen-Westerham berichtete gegenüber dem Bayerischen Rundfunk, dass er seine Gülle bis nach Dachau und noch weiter fahren muss um die Auflagen zu erfüllen.

Weber sagt: „92 Prozent Wasser durch die Gegend fahren, ist das wirklich der Sinn der Düngeverordnung?" Der Grund ist, dass er - wie alle anderen Bauern auch - nur noch 170 Kilogramm organischen Stickstoff pro Hektar und Jahr ausbringen kann. Die Folge: Die Gülle legt immer größere Strecken zurück und kostet den Landwirt immer mehr Geld.

Je nachdem, wo die Abnehmer sitzen und was sie dafür verlangen, die Gülle aufzunehmen, zahlen die Bauern inzwischen bis zu 18 Euro pro Kubikmeter. Weber kommt dadurch auf Kosten von bis zu 6.000 Euro.

Landwirte wurden nicht gefragt

Ein weiteres Problem ist, dass die Obergrenzen auch in Regionen gelten in denen es gar kein Nitratproblem gibt. Das bestätigt auch Michael Höhensteiger vom Maschinenring Irschenberg. Er sagt: "Wir haben in unserer Region aufgrund der Böden und weil wir Grünlandnutzung haben überhaupt kein Nitratproblem. Wir fahren unseren organischen Dünger aber in Ackerbauregionen, die leichtere Böden haben, die weniger Niederschlag haben, die vielleicht sogar noch in einem roten Gebiet sind, wo Nitratprobleme bereits jetzt der Fall sind."

Ein Ausweg für die Betriebe wäre die Schaffung zusätzlicher Lagerkapazitäten. Doch das kostet ein Menge Geld und könnte für viele Landwirte – insbesondere im Nebenerwerb – zum Ausstieg aus Tierproduktion führen. Das befürchtet auch der Landwirt und ehemalige  Chef des hessischen Kreisbauernverbandes Marburg-Kirchhain-Biedenkopf Erwin Koch. In seiner Region sind 80 Prozent der Betriebe im Nebenerwerb tätig.

Koch kritisiert „es sei ein Gesetz, dass von oben nach unten gemacht wurde, und Landwirte nicht einbeziehe.“ Die Folge: Viele Bauern müssten ihre Lager erweitern, modernisieren, neu bauen oder den Wirtschaftsdünger bei Kollegen zwischenlagern, die größere Kapazitäten haben.

Mehr Lagerflächen, neue Technik

Gülle ausbringen

Das die kleineren Betriebe große Summen investieren, um neue Silos zu bauen - zu erwartender Widerstand aus der Bevölkerung mit inbegriffen -, das glaubt Erwin Koch nicht. „Dann machen sie das Buch ganz zu und geben den Betrieb auf“, befürchtet er. Das bestätigen auch die Berichte aus anderen Regionen. Viele Bauern müssten richtig Geld ausgeben. Das betrifft aber nicht nur neue Gülle-Behälter, weil größere Lager-Kapazitäten vorgeschrieben und nötig sind.

Viele Landwirte müssten sich auch neue Technik zulegen. Denn die Art und Weise der Ausbringung wird erheblich strenger reglementiert: So schreibt der Gesetzgeber vor, dass Gülle, und flüssige Gärreste auf nicht mit Kulturpflanzen bewachsenen Flächen, spätestens nach vier Stunden in den Boden eingearbeitet sein müssen. In Regionen mit erhöhten Auflagen ist sogar nur eine Stunde Zeit.

Hinzu kommt: Die neue Düngeverordnung macht den Landwirten auch direkte Vorgaben für die Art der Ausbringung. Diese Vorgaben gelten ab Februar 2020 auf Ackerland und ab Februar 2025 auch auf Grünland. Danach müssen Gülle, Jauche oder flüssige Gärreste mithilfe einer speziellen Technik direkt auf dem Boden abgelegt werden. Das funktioniert jedoch nicht in den Betrieben mit Hanglagen.

Staatliche Hilfe nötig?

Fazit ist: Die neue Regeln bringen eine enorme Einengung des Handlungsspielraums für Landwirte. Das gilt sowohl aus pflanzenbaulicher als auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Hinzu kommt eine kräftige Erhöhung der Kosten. Das dies Auswirkungen auf die Betriebsstrukturen hat, ist angesichts der sich auch sonst drastisch verschlechternden agrarpolitischen Rahmenbedingungen mehr als wahrscheinlich.

Für Volker Hahn aus Hannover ist jedenfalls klar, dass die Landwirte diese enormen Belastungen nicht ohne staatliche Unterstützung überstehen können. Er ist überzeugt, dass kleinere Betriebe die Situation sonst schwer oder gar nicht überleben.

Ganz besonders betroffen sind natürlich die viehintensiven Regionen im Nordwesten. Bereits im Frühjahr hatte der Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV) von einer „dramatischen Situation“ gesprochen und gewarnt, „dass insbesondere kleine und mittlere Betriebe negative Folgen erleiden werden.“

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