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Strukturwandel und Agrarpolitik

Die Heuchelei vom Höfesterben

Landwirt
am Freitag, 04.10.2019 - 15:00 (2 Kommentare)

Politik und Medien beklagen das Höfesterben. Gemacht wird das Gegenteil. Die Folge: Ein Strukturbruch.

Jedes Jahr machen in Deutschland mehrere Tausend Bauernhöfe die Tore dicht. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Höfe halbiert. Von den noch verbliebenen Betrieben wirtschaftet die Hälfte im Nebenerwerb – weil das Einkommen aus der Agrarproduktion nicht mehr ausreicht.

Erklärungen für diese Entwicklung gibt es viele: Auf der einen Seite zwingen schrumpfende Einkommen und steigende Kosten die Bauern zum Ausstieg. Auf der anderen Seite befördern Politik und Gesellschaft mit immer neuen Auflagen das Höfesterben – obwohl sie immer wieder das Gegenteil behaupten.Hinzu kommt noch ein anderes Problem: Wegen der sich rasant verschlechternden Aussichten, finden nämlich immer weniger Bauern einen Hofnachfolger.

Eine Gruppe ist ganz besonders von dieser Entwicklung betroffen: Das sind die kleinen Bauernhöfe und die Nebenerwerbsbetriebe. Ihnen fehlt ganz einfach das Geld, um in neue Maschinen, Ställe oder Technologien zu investieren.

Das Verrückte an der Situation ist aber: Fast alle Umfragen und Untersuchungen zeigen, die deutsche Bevölkerung wünscht sich überwiegend eine bäuerlich strukturierte Landwirtschaft. Gleichzeitig unterstützt die Mehrheit der Politiker und Verbraucher aber eine Agrarpolitik, die genau das Gegenteil bewirkt.

Politik erzwingt Strukturbruch

Landwirt

In den letzten Wochen und Monaten haben die Auflagen und Forderungen an die deutschen Bauern einen neuen Höhepunkt erreicht. Beispiele sind: Die neue Düngeverordnung, das Klimapaket, die Kürzung der Direktzahlungen, das Glyphosatverbot ab 2023, höhere Auflagen beim Tierwohl und beim Insektenschutz und noch einiges mehr. Diese Maßnahmen treffen zwar alle Landwirte - aber eben besonders heftig die kleinen Betriebe.

Allein die neue Düngeverordnung werde „tausenden Betrieben die wirtschaftliche Basis entziehen, sagte der niedersächsische Landvolkpräsident Albert Schulte to Brinke. Mit Gewalt würde „ein Strukturbruch“ erzeugt, der die kleinen Bauern zum Aufhören zwinge, weil sie bei gleichbleibenden Investitionen nicht mehr denselben Ertrag erwirtschaften können, ergänzt Volker Hahn, Landwirt und Vorsitzender des Landvolks in Hannover.

Zuletzt haben Landwirte versucht mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie den grünen Kreuzen auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Ob die Aktionen an der prekären Situation der Bauer etwas ändern ist jedoch fraglich. Denn: das Klimapaket, die Düngeverordnung und etliche andere Maßnahmen sind längst beschlossen und politischer und gesellschaftlicher Konsens.

Wachsen oder weichen

Tierhalter

Das Höfesterben dürfte sich – allen Sonntagsreden der Politik zum Trotz – also beschleunigen. Um so seltsamer mutet es an, wenn Agrarpolitiker – wie Friedrich Ostendorff von den Grünen - denen das beschlossene Klimapaket und die Düngeverordnung nicht weit genug gehen, behaupten: "Wir müssen jetzt alle Register ziehen, um unsere bäuerlichen Strukturen und die bäuerliche Landwirtschaft zu erhalten".

Der Agrarökonom Dr. Sebastian Rahbauer kennt die Probleme der Bauern sehr gut. Sein Vater hat einen Hof in der Nähe von Landshut. Wenn das Höfesterben so weiter geht, sagt er, wird das bald auch Auswirkungen auf die Verbraucher haben. "Ja, es ist ja heute schon so, dass ein Großteil der Produkte, die sie im Supermarkt kaufen können, nicht mehr aus Deutschland kommt, sondern Importware ist, sagt Rahbauer gegenüber der ARD.

Und diese Entwicklung wird sich in Zukunft fortsetzen. "Und mit diesen Importen geben wir auch die Kontrolle darüber ab, wie die Nahrungsmittel dann produziert werden", sagt Rahbauer. Der Strukturwandel und der massive ökonomische Druck haben jedenfalls ein Ergebnis: Die Betriebe müssen immer größer werden, um ökonomisch überhaupt mithalten zu können. Damit nimmt auch der Wettbewerb um die verfügbaren Flächen zu und es steigen die Preise für Boden und Pacht – also die Kosten.

Zahlen sagen mehr als Worte

Landwirte

Besonders dramatisch ist das Höfesterben bei den Tierhaltern. Gerade in diesem Bereich wirtschaften sehr viele kleine Betriebe und Nebenerwerbslandwirte. Außerdem stammen fast zwei Drittel des gesamten landwirtschaftlichen Einkommens in Deutschland aus den Erlösen der Tierhaltung. 

Zahlen sagen manchmal mehr als Worte: So ist die Zahl der Betriebe mit Rinderhaltung von 2005 bis 2018 um knapp ein Viertel geschrumpft. Die Betriebe mit Milchkühen nahmen sogar um mehr als 40 Prozent ab. Bei den Schweinehaltern war der Rückgang noch dramatischer: Hier hat sich die Anzahl der Betriebe im gleichen Zeitraum um 75 Prozent (!!) verringert. 

Die letzte offizielle Betriebszählung aus dem Jahr 2016 meldet für Deutschland noch 275.000 Landwirtschaftsbetriebe. Die Wachstumsschwelle – also die Größe ab der die Zahl der Betriebe zunimmt und nicht schrumpft - lag zu diesem Zeitpunkt bei über 200 ha. Und sie wird sich angesichts der derzeitigen agrarpolitischen Entwicklung wohl rasch weiter nach oben verschieben.

Und es kommt noch schlimmer: Laut einer Studie der DZ Bank könnten im Jahr 2040 in Deutschland bloß noch 100.000 Höfe existieren. Das wäre ein weiterer Rückgang um zwei Drittel. Politik und Gesellschaft tun derzeit jedenfalls alles dafür, dass es auch so kommt - auch wenn sie das Gegenteil sagen.

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