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Höfesterben auf amerikanisch – kleine Farmen in Not

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am Mittwoch, 24.06.2020 - 18:07 (Jetzt kommentieren)

Nicht nur in Deutschland kämpfen die kleinen Bauernhöfe ums Überleben. In den USA können ein Drittel der kleinen unabhängigen Farmbetriebe in diesem Jahr bankrott gehen, weil COVID-19 ihnen das Leben zusätzlich massiv erschwert.

Milchfarmer

Dies geht aus einer Umfrage des Stone Barns Center für Ernährung und Landwirtschaft in New York hervor. Die Umfrage ergab, dass mehr als 35 Prozent der kleinen Landwirte im März und April einen durchschnittlichen Umsatzrückgang von über 51 Prozent gegenüber dem keineswegs guten Vorjahr verzeichneten, da keine Verkäufe an Restaurants und auf Bauernmärkten möglich waren.

Doch bereits vor Corona standen die kleinen US-Farmer unter massivem wirtschaftlichem Druck. Denn: Big ist offensichtlich beautiful in Amerika. Als der US-Landwirtschaftsminister Sonny Perdue im vorigen Herbst auf der World Dairy Expo in Madison, Wisconsin, zu Zöllen und niedrigen Preisen vor betroffenen Landwirten sprach, sagte er: "Was wir jetzt sehen, sind Skaleneffekte in Amerika – große Farmen werden immer größer und kleine gehen raus."

Und Perdue fügt hinzu: „Bei hohem Kapitalbedarf und allen Umweltvorschriften ist es sehr schwierig, das Melken von 40, 50, 60 oder sogar 100 Kühen zu überleben, und das haben wir gesehen".

Die Großen schlucken die Kleinen

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Bereits vor dem Ausbruch des Coronavirus waren die Landwirte in den USA von sinkenden Lebensmittelpreisen, schlechtem Wetter und dem Handelskrieg mit China betroffen. "Wir hatten eine Rekordzahl von Insolvenzen bei landwirtschaftlichen Betrieben und die Gesamtverschuldung liegt bei 425 Milliarden US-Dollar – auf einem Rekordstand. Gleichzeitig sind die Einkommen der Landwirte seit 2013 um etwa die Hälfte gesunken", sagte Eric Deeble, politischer Direktor bei National Sustainable Agriculture Coalition (NSAC), einer Organisation, die kleine und mittlere Familienbetriebe unterstützt.

Offenbar hat ein „perfekter Sturm“ von Faktoren zu der jüngsten Krise in der US-Landwirtschaft geführt. Nach den Boomjahren zu Beginn der Jahrtausendwende begannen die Preise für Rohstoffe wie Mais, Sojabohnen, Milch und Fleisch ab 2013 massiv zu fallen. Verantwortlich für diese fallenden Preise sind die nach Einschätzung des NSCA, die gleichen Kräfte, die auch den Großteil der übrigen amerikanischen Wirtschaft belasten: Neue Technologien und die Globalisierung.

Neue Technologien haben die landwirtschaftlichen Betriebe immer effizienter gemacht. Skaleneffekte führten jedoch dazu, dass die meisten Vorteile den Landwirten zugutekamen, die mit dem Aufkauf kleinerer Farmen immer größere Betriebe aufbauten. Obwohl zwischen 1948 und 2015 in den USA vier Millionen landwirtschaftliche Betriebe verschwunden sind, hat sich die gesamte landwirtschaftliche Produktion mehr als verdoppelt.

Hinzu kommt: Die Globalisierung machte die Farmer abhängig vom Export, und überschwemmte den Markt mit einem wachsenden Angebot zu sinkenden Preisen, kritisieren die Bauernorganisationen. Nach Aussagen von John Newton, dem Chefökonom des American Farm Bureau (NFB), ist die weltweite Lebensmittelproduktion in den letzten zehn Jahren um 30 Prozent gestiegen. „Wenn dies eine gute Sache für die Ernährung der Welt ist, reduzierte es aber auch das, was zu den Landwirten zurückkommt, denn deren Kosten fallen nicht mit den Preisen“, heißt es weiter.

Farmer: Mit dem Rücken zur Wand

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Was machst du, wenn du an der Wand stehst und einfach nicht weißt, in welche Richtung du dich wenden sollst?" sagt John Rieckmann, ein Milchbauer aus Wisconsin, mit 45 Kühen. Er hat schon alle Arten von Höhen und Tiefen erlebt - Dürren, Überschwemmungen, Überangebote an Milch, die die Preise fallen ließen. Aber solch eine Krise hat er noch nicht gesehen.

Der Milchbauer hat Schulden in Höhe von etwa 300.000 US-Dollar, um die Farm am Laufen zu halten. Es gibt Wochen, in denen der gesamte Milchscheck für die monatliche Hypothekenzahlung verwendet werden muss. Nach der Vorstellung der Amerikaner existiert die Familienfarm aber noch immer wie auf Urlaubsgrußkarten. Doch diese Farmen nehmen seit Jahren, sagt Riekmann.

Die Insolvenzen von landwirtschaftlichen Betrieben stiegen im Mittleren Westen von Juli 2018 bis Juni 2019 um 12 Prozent. Im Nordwesten sind sie um 50 Prozent gestiegen. Zehntausende haben einfach die Landwirtschaft aufgeben, weil sie wussten, dass eine Umstrukturierung durch Insolvenz sie nicht retten wird.

Das Land verlor zwischen 2011 und 2018 mehr als 100.000 Farmen. Rund 12.000 davon allein zwischen 2017 und 2018. Landwirte sind nicht die einzigen in der amerikanischen Wirtschaft, die durch Technologie vertrieben werden, aber wenn sie ihren Arbeitsplatz verlieren, werden sie auch aus ihren Häusern und dem Land vertrieben, das seit Generationen in ihrer Familie ist.

"Es trifft sehr, wenn du das Gefühl hast, derjenige zu sein, der das Erbe verliert, das deine Urgroßeltern begonnen haben", sagte Randy Roecker, ein Milchviehhalter aus Wisconsin.

Agrarpolitik hilft vor allem den Großen

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Unterstützer der Kleinbauern sagen, dass diese Entwicklung auch auf die Agrarpolitik zurückzuführen ist, die die Landwirte ermutigt hat, immer größere Farmen zu gründen, wenn sie im Geschäft bleiben wollen. Während aber 91 Prozent der US-amerikanischen Farmen klein sind - von der Bundesregierung als Betrieb mit einem Bruttoeinkommen von weniger als 250.000 US-Dollar definiert – erwirtschaften die großen Farmen 85 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion des Landes.

Die Coronakrise hatte bereits verheerende Auswirkungen auf die Landwirtschaft in den USA. In einem Mitte März von der NSAC veröffentlichten Bericht wurde geschätzt, dass kleine Betriebe aufgrund von Covid-19 von März bis Mai dieses Jahres einen Umsatzrückgang von 689 Millionen US-Dollar verzeichnet haben.

Unter dem Druck der NSAC und der National Farmers Union (NFU)  hat der Kongress daran gearbeitet, die Not der Kleinbauern im Rahmen des 2 Billionen US-Dollar teuren Coronavirus Aid Act (CARES) zu lindern. Der Betrag sollte an „Produzenten gehen, die lokale Lebensmittelsysteme beliefern, einschließlich Bauernmärkte, Restaurants und Schulen.“ Kleine Landwirte hatten jedoch Schwierigkeiten, Zugang zu Erleichterungen zu erhalten, da sie für die Notkredite der Small Business Administration offenbar nicht in Frage kamen.

"Rettungsgelder gehen vor allem an die großen Farmen, die Soja und Getreide produzieren und auf Rohstoffmärkten verkaufen", sagte John Peck, Geschäftsführer von Family Farm Defenders, einer Organisation, die kleinere Betriebe unterstützt. "Dies alles ist Teil der Agrarpolitik unseres Landes, in der wir grundsätzlich kapitalintensive, großflächige industrielle Landwirtschaft subventionieren."

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