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Agrarpoltik und Strukturwandel

Höfesterben in Echtzeit: Tierhalter geben massenweise auf

Tierhalter auf seinem Hof vor Kühen
am Montag, 17.08.2020 - 05:00 (25 Kommentare)

Die Folgen der aktuellen Agrarpolitik und der gesellschaftlichen Diskussionen zeigen Wirkung: Die Zahl der Tierhalter nimmt dramatisch ab.

Bauer auf seinem Hof vor Kühen

Das viel diskutierte Höfesterben wird damit zur bitteren Tatsache. Bestätigt wird diese Entwicklung durch die Ergebnisse der letzten Viehzählung vom Mai. Dort wurde unter anderem auch die Zahl der tierhaltenden Betriebe ermittelt.

Dabei fällt auf, dass das Tempo der Betriebsaufgaben in einigen Produktionszweigen besonders hoch ist. Und es wird noch etwas deutlich: Betroffen sind ganz besonders diejenigen Produktionszweige, in denen der ökonomische und politische Anpassungsdruck besonders stark ausgeprägt ist – wie etwa die Sauenhaltung. Doch auch immer mehr Milchbauern und Schweinemäster machen ihre Hoftore dicht.

Hinzu kommt: Auch regional unterscheidet sich das Ausmaß der Betriebsaufgaben zum Teil erheblich. Und es sind offensichtlich nicht nur die Nebenerwerbs- und Kleinbetriebe, die aussteigen. Der zum Teil sehr hohe Investitionsaufwand und die kritische ökonomische Lage nach mehreren Dürrejahren zwingen offenbar auch größere Betriebe zum Ausstieg.

Und nicht zuletzt hat die Corona-Krise den ökonomischen Druck auf die Tierhaltung massiv erhöht: Stockender Absatz, schlechte Preise und ungewisse Zukunftsaussichten sind für die meisten Bauern nicht gerade motivierend.

Sauenhaltung in 10 Jahren halbiert

Die Zahl der Sauenhalter hat sich in 10 Jahren halbiert.

Von den deutschen Schweinehaltern haben allein in den letzten 10 Jahren gut ein Drittel das Handtuch geworfen. Die Zahl der Sauenhalter hat sich im gleichen Zeitraum mehr als halbiert. Den Milchbauern ist es nicht viel besser ergangen – auch von Ihnen hat in den letzten 10 Jahren etwa ein Drittel die Hoftore dicht gemacht. Trotz ständiger politischer Sonntagsreden über das schlimme Höfesterben und die Unterstützung der bäuerlichen Landwirtschaft.

Die heftigen Bauern-Proteste der letzten Monate und die damit verbundenen Forderungen – zeigen jedoch, dass die viele Bauern nicht mehr bereit diese Entwicklung einfach so hinzunehmen. Dennoch scheint es schwer diesen Trend aufzuhalten.

Nimmt man einmal die Sauenhalter als Beispiel: Hier machen die aktuellen Beschlüsse zu Kastenstandhaltung und für mehr Tierwohl neue umfangreiche Investitionen nötig, die viele Bauern auch wegen der angespannten finanziellen Lage nicht mehr stemmen können und wollen. Mehr Geld für Ferkel oder Schweine gibt es deswegen auch nicht – das regelt bisher noch der Markt – also Angebot und Nachfrage – und nicht die Politik.

Die Ferkel für die deutsche Mäster werden dann wohl in noch größerem Umfang als bisher aus dem Ausland kommen – also aus Dänemark und den Niederlanden.

Sauenhaltung: Mehr Auflagen – keine Planungssicherheit

Sauenhalter streicht ein Schwein

Nur noch 7.000 Schweinezuchtbetriebe weist die Viehzählung vom Mai 2020 aus. Zwei Jahre zuvor waren es noch 8.100 und vor 10 Jahren waren es immerhin noch 16.000. Dabei fiel das Tempo der Betriebsaufgaben zuletzt in den ostdeutschen Ländern Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen stärker aus, als beispielsweise in den kleineren Strukturen in Bayern.

Am geringsten war die Abnahmerate in den Hochburgen der Schweinhaltung in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Am stärksten war der Strukturbruch zuletzt in Hessen und Rheinland-Pfalz.

Else Greßmann, Leiterin des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten aus Ingolstadt in Bayern, sagt zu den Betriebsaufgaben in der süddeutschen Schweinehaltung: "Wir haben hier das Phänomen, dass sehr viele Landwirte nur noch im Nebenerwerb tätig sind. Das wirkt sich zuallererst bei der Tierhaltung aus. Gerade die Schweinehalter hätten immer wieder tiefe Täler durchlaufen müssen - Anfang des Jahres war der Preis für Schweinefleisch gar nicht so schlecht, jetzt ist er im Keller".

Gressman sagt weiter: „Die Landwirte brauchen irgendwann mal Planungssicherheit. Es kehrt aber keine Ruhe ein."

Milchbauern: Nächste Hürde Anbindehaltung

Die Zahl der Milchbauern hat zuletzt im Osten am stärksten abgenommen.

Von den deutschen Milchbauern hat in den letzten 10 Jahren etwa ein Drittel die Hoftore dicht gemacht. Dabei ist ihre Zahl im vorigen Herbst erstmals unter die Marke von 60.000 gesunken und – im Mai 2020 hat sich die Abnahmerate auf knapp 3 Prozent beschleunigt. Vor 5 Jahren – im Mai 2015 - lag die Zahl der Milchbauern noch bei fast 75.000 und vor 10 Jahren zählte das Statistikamt 93.500 Höfe mit Milchvieh.

Ähnlich wie die Regelungen zum Kastenstand bei den Sauen, könnte ein Verbot der Anbindehaltung vor allem im Süden, zu einer Beschleunigung der Betriebsaufgaben führen.

Im Mai dieses Jahres hat die Zahl der Milchbauern – ähnlich wie bei den Sauenhaltern – in einigen ostdeutschen Bundesländern mit am stärksten abgenommen. Dabei ist die Anzahl der Tiere und der Flächenbesatz im Osten bereits erheblich niedriger als im Westen oder im Süden.

Fazit: Dann steige ich lieber aus

Für den Stallbau sind hohe Investitionen nötig.

Am höchsten war die Abnahmerate im Mai mit 5,5 Prozent bei den Milchbauern in Thüringen sowie mit 4,6 Prozent in Brandenburg. Auch in Rheinland-Pfalz haben mehr als 4 Prozent der Milchbauern das Handtuch geworfen und in Hessen waren es knapp 4 Prozent.

In den Hochburgen der deutschen Milchproduktion – im kleinstrukturierten Bayern und in Niedersachsen – war die Abnahmerate im Mai mit 2,5 Prozent bzw. 2,1 Prozent hingegen geringer als im Durchschnitt.

Nach Einschätzung des hessischen Milchbauern und Landesbauernpräsidenten Karsten Schmal ist die ökonomische Lage für viele Milchbauern kritisch. "Viele Betriebe mit 80 oder 100 Milchkühen, von denen wir gedacht haben, dass sie eine Zukunft haben, gehen den Weg nicht mehr mit", sagte Schmal. Der Grund: Die zunehmende Verschärfung der Dünge- und Umweltregeln.

„Das Problem sei, dass viele Betriebe neue Lagerstätten oder neue Güllebehälter bauen müssten, sagt Schmal. "Diese Bauern sagen jedoch, wenn das so kommt, dann steige ich lieber aus".

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