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Landwirtschaftliche Einkommen

Das Hühnermobil: Wirtschaftlich ein Fiasko oder ein Goldesel?

Hühner bei einem mobilen Hühnerstall
am Donnerstag, 22.04.2021 - 11:08 (5 Kommentare)

Hört sich einfach an, ist es aber nicht: Das Betreiben eines Hühnermobils. Vor allem die wirtschaftlichen Fragen werden oft unterschätzt. Lesen Sie, ob mit Hühnermobilen Geld zu verdienen ist oder die Ausgaben den Gewinn fressen.

Aufwand und Kosten sind beim Hühnermobil nämlich deutlich höher als gedacht und müssen erst einmal wieder eingespielt werden. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob das Hühnermobil ökologisch oder konventionell betrieben wird. Fakt ist aber auch: Berater aus Landwirtschaftskammern und Verbänden berichten seit einiger Zeit über einen regelrechten Hühnermobil-Boom.

Der Grund: Viele Landwirte suchen nach möglichst unkomplizierten zusätzlichen Einkommensquellen oder nach einem weiteren Standbein für ihren Betrieb. Untersuchungen über die Wirtschaftlichkeit der unterschiedlichen Haltungssysteme waren bisher jedoch selten.

Mittlerweile gibt es aber auch genug harte wirtschaftliche Fakten – diese liefern unter anderem die Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, die Landwirtschaftskammer in Niedersachen und das Thünen-Institut. Letzteres hat sogar einen umfassenden Vergleich der mobilen Haltung mit anderen ökologischen und konventionellen Haltungssystemen angestellt. So kann man die Daten auch selbst gut einordnen. Aber zurück zum Hühnermobil.

Kosten für Hühnermobile werden oft unterschätzt

Übersicht der Investitionskosten für Hühnerställe für Hennen-Plätze

Derzeit werden verschiedene Varianten von Hühnermobilen angeboten – die einer ganz unterschiedlichen Zahl von Hennen Platz bieten. Möglich ist in den unterschiedlichen Varianten eine Besetzung von gut 200 bis zu 3.000 Tieren. Dabei werden aus verschiedenen Gründen die meisten Mobilställe in der 200er-Varinate ausgeliefert. Außerdem gibt es Ställe auf Rädern oder auf Stahlkufen, die per Traktor versetzt werden können.

Bestandteil ist zudem oft ein sogenannter Kaltscharr-Raum: Dort können die Hühner bei schlechtem Wetter – oder bei Vogelpestauflagen –  scharren und sich aufhalten. Gerade im Osten Deutschlands – etwa in Brandenburg – gibt es auch im Ökobereich etliche Mobilställe mit 1.000 und mehr Tieren. Meist dominiert in Ökobetrieben wegen der dort geltenden strengeren Anforderungen an den Platz aber die 200er-Größe.

Die Investitionskosten für den Kauf eines solchen Mobils liegen derzeit zwischen 35.000 und 40.000 Euro. Pro Hennen-Platz sind das fast doppelt so hohe Kosten wie in der konventionellen Freilandhaltung und auch ein Drittel mehr als in der ökologischen Stallhaltung – sagen jedenfalls die Daten von Petra Thobe vom Thünen-Institut.

Dazu kommt, dass die Hühner in den Mobilställen selektiver fressen und sich ihr Trinkwasser bei sommerlichen Temperaturen oft schnell erwärmt, sodass es häufiger gewechselt werden muss. Insgesamt ist der Arbeitsaufwand deutlich höher als in einem festen Stall. „Etliche Hühnerhalter haben aufgrund dieser Nachteile ihre mobilen Ställe wieder aufgegeben“, sagt der Fachberater für Geflügelhaltung Peter Haible gegenüber dem bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt.

Hühnerhaltung: Mobil macht erheblich mehr Arbeit als Stallhaltung

arbeitsaufwand.

Den deutlich höheren Arbeitsaufwand in Mobilställen bestätigt die Untersuchung von Petra Thobe. Die Wissenschaftlerin hat herausgefunden, dass der Aufwand in einem konventionellen Mobilstall mit 300 Hennen etwa 133 AKh je 100 Stallplätze beträgt. Das ist fast 9mal so viel wie in einem Ökobetrieb mit Stallhaltung und auch als in einem konventionellen Betrieb mit Freilandhaltung mit jeweils 15 AKh.

Am wenigsten Arbeit muss in der konventionellen Bodenhaltung aufgewendet werden – nämlich nur 7 AKh. Schaut man zum Vergleich auch auf den Mobilstall mit Ökohaltung, ist der Aufwand dort mit 208 AKh nochmals fast 60 Prozent höher als in der mobilen konventionellen Haltungsform (siehe Grafik).

Die Gründe für diesen hohen Aufwand in den mobilen Ställen liegen auf der Hand: häufiges ausmisten, Zaun umstecken, das Mobil umsetzen, häufig frisches Wasser und auch Futter auffüllen, einstreuen, täglich Eier abholen und noch einiges mehr. Nicht zu unterschätzen ist  der deutlich höhere Aufwand für Stallreinigung und Hygiene.

Außerdem muss beim Mobilstall genügend Auslauf für die Tiere da sein: Für rund 300 Hennen sind 1.200 qm erforderlich. Das wären etwa 30 mal 40 Meter. Diese Fläche muss entsprechend der Hühnerrasse genügend hoch eigenzäunt werden. Und wenn man das Mobil umsetzt, beginnt alles von vorn.

Interessant ist auch: Die Thünen-Wissenschaftlerin Thobe hat in allen Mobilvarianten höhere Tierverluste gefunden als in der Ökohaltung im Stall – und sogar fast doppelt so hohe Verluste wie in der konventionellen Bodenhaltung.

Dagegen ist die durchschnittliche Legeleistung in der konventionellen Mobilvariante mit 267 Eiern Jahresleistung etwas höher als bei den Hühnern im Ökostall mit 260 Stück - sie erreicht fast das Niveau der konventionellen Freilandhaltung mit 270 Eiern.

Eierpreise: Konventionell 30 Cent und Bio mindestens 40 Cent

Kosten Hühnerhaltung.

Den Ausschlag für oder gegen die Mobilhaltung gibt am Ende die Wirtschaftlichkeit. „Wichtig ist, dass zwischen Daumen und Zeigefinger etwas übrig bleibt, und das geht nur für 30 Cent pro Ei“, sagt Henning Pieper von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in einem Vortrag. Für Biobetriebe sind seiner Ansicht nach mindestens 40 Cent je Ei nötig. Er hat wie die Thünen-Wissenschaftler umfangreiche Berechnungen zur Wirtschaftlichkeit der mobilen Hühnerhaltung angestellt und kommt zu ähnlichen Ergebnissen.

Thobe hat, abzüglich der Schlachterlöse für die Legehennen, in der mobilen Ökohaltung mit 240 Hennen durchschnittliche Produktionskosten von 32,2 Cent je Ei errechnet – davon sind allein 12,2 Cent Arbeitskosten (siehe Grafik). Bei den konventionellen Mobil-Hühnern stehen am Ende Kosten von 23 Cent je Ei auf dem Papier.

Zum Vergleich: Ein Ökoei aus Stallhaltung kostet den Landwirt nur 16 Cent und in der konventionellen Freilandhaltung fallen die Kosten auf 9,3 Cent je Ei – davon sind nur 0,7 Cent Arbeitskosten. Am günstigsten werden die Eier in der Bodenhaltung erzeugt – dort kosten sie gerade einmal 7,5 Cent. Und die Arbeit macht dann nur noch 0,4 Cent je Ei aus.

Diese Rechnung zeigt in jedem Fall, welche Preise der Landwirt verlangen muss, um seine Kosten zu decken – will er am Ende nicht draufzahlen.  

Hühnermobile: Diese Mobilställe bietet der Markt

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