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Umfrage

Können wir das Klima retten durch Fleischverzicht und Ökolandbau?

Die aktuellen Ergebnisse von Technikradar 2020 zeigen: Die Mehrheit der Deutschen ist für den Klimaschutz. Am besten sofort. Und umfassend. Weniger Autofahren wollen sie dafür allerdings nicht. Fleischkonsum verringern - naja. Bringt ja eh nichts. Oder? Zumindest sind auffällig viele Männer zwischen 35 und 65 Jahren (die klassische Grill- und Schnitzel-Pommes-Fraktion) der Meinung, dass der persönliche Verzicht auf das tägliche Stück Fleisch rein gar nichts bringt für Umwelt, Welternährung und Klimaschutz.
am Mittwoch, 20.05.2020 - 13:36 (1 Kommentar)

Die Deutschen wollen mehr Klimaschutz, aber sich persönlich dafür möglichst nicht einschränken. Gentechnik und Laborfleisch werden abgelehnt, Fleischverzicht und Biolandbau nicht als Allheilmittel gesehen. Das verrät die Studie "Technikradar 2020", eine bundesweite repräsentative Befragung.

70,2 Prozent der Deutschen finden, Deutschland sollte beim Klimaschutz mit gutem Beispiel vorangehen. Dass der Umweltschutz eine Einschränkung des Konsums erfordert, meinen sogar 74,4 Prozent der Befragten. Das zeigt das "TechnikRadar 2020" von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und Körber-Stiftung.

Während allgemeine Ziele zum Umwelt- oder Klimaschutz in Deutschland Zuspruch finden, sind persönliche Einschränkungen und Verbote unter den Befragten wenig populär: Höhere Steuern auf fossile Brennstoffe würde nur ein Drittel begrüßen (35 Prozent). Ähnlich wenige Menschen befürworten die Einschränkung des privaten Autoverkehrs (33,4 Prozent) – und fast genauso viele Deutsche (29,5 Prozent) lehnen dies ab. 
 

Bio oder konventionell, Gentechnik ja oder nein?

Technikradar 2020

Auf die Frage, wie Landwirtschaft betrieben werden sollte – konventionell oder ökologisch – sowie beim Fleischverzicht und bei der Anwendung gentechnischer Methoden sind ein Drittel oder mehr der Befragten unentschlossen: 57,5 Prozent der Deutschen lehnen Grüne Gentechnik grundsätzlich ab. Den Nutzen solcher gentechnischen Nutzungsverfahren erkennen nur 20,9 Prozent der Befragten an, 66,4 Prozent bewerten die dadurch entstehenden Risiken als hoch oder eher hoch.

Dass die Welternährung am besten gesichert wird, wenn sich die Landwirtschaft am Biolandbau orientiert, befürworten dabei jedoch 40,3 Prozent. Ebenfalls sind 40 Prozent überzeugt, dass wir dafür unsere Ernährung umstellen müssen und auf Fleisch verzichten sollten. Bei möglichen Ursachen für das Ausmaß des Hungers in einigen Regionen der Welt zeigt sich: Die Ursache wird vorrangig im Lebensstil der Industrieländer gesehen.

Vegetarisch? Nein Danke!

Nur vier von zehn Personen (40 Prozent) sind der Ansicht, dass die Welternährung sich sicherstellen lässt, wenn wir auf Fleisch aus der umweltbelastenden industriellen Tierhaltung verzichten. Am stärksten glauben dies Frauen über 65 Jahren (51,3 Prozent), am wenigsten Männer in der mittleren Altersgruppe zwischen 35 und 65 Jahren (32,3 Prozent). Laborfleisch als geeigneten Ansatz, um die globale Ernährung zu sichern, findet nur etwas mehr als die Hälfte (57,8 Prozent) der Befragten sinnvoll. Den Verzehr von solchem Fleisch können sich nur 24,1 Prozent der Deutschen vorstellen. 64,8 Prozent fürchten, dass dieses Verfahren zu einer weiteren Entfremdung der Menschen von der Erzeugung ihrer Nahrungsmittel führt und mit 47,1 Prozent hält fast jede oder jeder Zweite Laborfleisch für risikoreicher als Fleisch aus konventioneller Tierzucht.
 

Umweltschutz gesetzlich vorgeben?

Plakat auf Klimaschutzdemo in München

Geht es um die Rolle der Politik beim Umweltschutz, sind die Befragten geteilter Meinung: Die Frage, ob der Staat die Menschen zu umweltgerechtem Handeln zwingen sollte, wird je zu etwa einem Drittel befürwortet (34,7 Prozent) oder abgelehnt (32,2 Prozent), ein weiteres Drittel (33,1 Prozent) ist ambivalent. 59 Prozent sind der Ansicht, die Politik müsse für den Klimaschutz Maßnahmen ergreifen, auch wenn die Wirtschaft darunter leide. 

Biologische Abfall- und Reststoffe wie Gülle, Restholz, Kompost und Abfälle aus der Gastronomie lassen sich mit Hilfe biotechnischer Verfahren in Kraftstoffe verwandeln – wenn auch bisher nur im kleinen Maßstab. Eine Mehrheit der Deutschen (76,8 Prozent) hält dies für eine gute Sache. 62,8 Prozent sprechen sich für eine staatliche Förderung des vielversprechenden Verfahrens aus. Rund die Hälfte (53,4 Prozent) meint, dass das für die Herstellung notwendige Know-how die Wirtschaft stärken wird.

Eine deutliche Mehrheit der Deutschen (88,4 Prozent) hält es für sinnvoll, herkömmliches Plastik durch Biokunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen zu ersetzen. Durch den Anbau der hierfür erforderlichen Rohstoffe erwartet allerdings mehr als die Hälfte der Befragten (64,2 Prozent) massive Auswirkungen auf das Landschaftsbild, Monokulturen (62,6 Prozent) und den vermehrten Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen (61,1 Prozent).

Kommentar: Klima retten wollen alle, verzichten will niemand

Julia Schürer

Die aktuellen Ergebnisse von Technikradar 2020 zeigen: Die Mehrheit der Deutschen ist für den Klimaschutz. Am besten sofort. Und umfassend. Weniger Autofahren wollen sie dafür allerdings nicht. Fleischkonsum verringern - naja. Bringt ja eh nichts. Oder? Zumindest sind auffällig viele Männer zwischen 35 und 65 Jahren (die klassische Grill- und Schnitzel-Pommes-Fraktion) der Meinung, dass der persönliche Verzicht auf das tägliche Stück Fleisch rein gar nichts bringt für Umwelt, Welternährung und Klimaschutz.  Und dass Biolandbau unser Klima retten kann, glauben zwar über 40 Prozent - beim Kaufverhalten sieht es, das zeigen andere Studien, allerdings ganz anders aus. Die Landwirte sollen doch bitte etwas tun, schnell und effizient - aber bitte unauffällig. Damit der Kunde auch in zukunft sorgenfrei genießen kann.

Klima retten - ja gern. Dafür auf etwas verzichten? Nein danke. Und damit man dabei kein allzu schlechtes Gewissen hat, weist man am besten jeden möglichen Zusammenhang zwischen eigenem Verhalten und Zustand der sonstigen Welt weit von sich. Lass doch mal die anderen machen. Und am besten fangen die Landwirte schon gestern damit an.

Julia Schürer, agrarheute

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