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Aktualisiert am 17. November 2020, 12 Uhr

Landgard: Genossenschaft ohne Gemeinsinn?

Landgard auf der FRUIT LOGISTICA 2010
am Montag, 16.11.2020 - 15:14 (1 Kommentar)

Während die Verschuldung der Agrargenossenschaft Landgard steigt, sollen sich ihre Führungskräfte auf Kosten der Erzeugergemeinschaft regelmäßig feierliche Eskapaden geleistet haben, berichtet "Der Spiegel". Das Unternehmen weist die Darstellung zurück.

Nach Spiegel-Informationen hätten Manager der Agrargenossenschaft Landgard Gelder aus der gemeinschaftlichen Kasse für Karnevals- und Oktoberfeste ausgegeben. In sieben Jahren sollen außerdem 30 Mio. Euro Beratungskosten angefallen sein. Die Schulden beliefen sich insgesamt auf 141 Mio. Euro.

Teure Geschäftsbeziehungen

Armin Rehberg

Von den Genossenschaftsanteilen seien Restaurantbesuche für mehrere Tausend Euro, Oktoberfest- sowie Karnevalsbesuche bezahlt worden. Allein die Karnevalsveranstaltung habe 2.380 Euro gekostet, berichtet der Spiegel. Diese sei jedoch nicht von der Genossenschaft genehmigt gewesen und habe „zu personellen Konsequenzen geführt“, soll Landgard erklärt haben.  

Darüber hinaus habe der im Frühjahr entlassene Vorstandschef Armin Rehberg Hotelkosten für mehrere Jahre über die Agrargenossenschaft abrechnen lassen. Landgard habe die Kosten erst von Rehberg eingefordert, als dieser die Genossenschaft bereits verlassen hatte. Gegenüber dem Spiegel äußerte Landgard jedoch, dass die Kostenübernahme lediglich für eine kurze Übergangszeit genehmigt worden sei.

Auf die Rechnung der Agrargenossenschaft sollen auch Flugkosten der Ehefrau des Aufsichtsratschefs Bert Schmitz gegangen sein: Landgard habe ihren Flug zur Grünen Woche nach Berlin bezahlt, damit die Ehefrau dort im Namen der Genossenschaft Aufgaben übernehmen konnte.

Landgard habe betont, dass die stattgefundenen Feierlichkeiten wie das Oktoberfest rein geschäftlicher Natur gewesen seien und sich die Erzeugergemeinschaft zu jeder Zeit „genossenschaftskonform“ verhalten habe.

Enorme Beratungskosten, immer weniger Mitglieder

Die 30 Mio. Beratungskosten seien zwischen 2012 und 2018 angefallen. Nach Angaben des Spiegels sei die Beratungsfirma Ebner Stolz mit der Sanierung der Agrargenossenschaft beauftragt worden. Landgard sei der Auffassung, dass es sich bei den 30 Mio. Euro um eine – gemessen an den Jahresumsätzen – „geringe“ Summe handele. Außerdem hätten die Banken die Sanierungsbegleitung durch eine externe Firma gefordert.

Für die Rechtsberatung solle Landgard laut Spiegel-Recherche in den letzten Jahren 3,4 Mio. Euro aufgewendet haben. 

+++ Aktualisiert am 17. November 2020, 11 Uhr +++
Bezüglich der 3,4 Mio. Euro Rechtsberatungskosten habe Landgard geäußert, dass diese Angabe höher sei als der tatsächliche Betrag. In diese Summe seien in "nennenswertem Umfang" auch Fremdleistungen geflossen.  

Das Manager-Gehalt des 2013 eingestellten Armin Rehberg habe jährlich etwa 700.000 bis 800.000 Euro betragen.

Schon viele Betriebe hätten die Genossenschaft wegen der geringen Auszahlungspreise für die Produkte verlassen – mittlerweile gebe es bei Landgard mehr Austritte als Neumitgliedschaften. Auch würde sich wegen des Verhaltens der Führungsriege unter den Mitgliedern Unzufrieden breit machen.

Kredite gegen Liquiditätsengpässe

Landgard plane, erneut Kredite aufzunehmen, informiert der Spiegel. So sei ein Kredit von der staatlichen KfW-Bank in Höhe von 30 Mio. Euro im Gespräch.

Laut Spiegel habe der Aufsichtsrat im August ein sinkendes Eigenkapital bei einer wachsenden Verschuldung festgestellt. Mit den neuen Krediten und reduzierten Tilgungen solle die „erwartete Liquiditätslücke“, die aus der Corona-Krise hervorgegangen sei, bekämpft werden. Dennoch gebe es in der Genossenschaft aber keine Liquiditätsproblem, so Landgard. Das Geschäft entwickle sich „solide“.

Nachdem Landgard nach seiner Gründung im Jahr 2005 bald schnell gewachsen und international aktiv gewesen sei, habe sich der Umsatz nach wenigen Jahren auf zwei Mrd. Euro verdoppelt. Mit den Jahren habe sich jedoch ein kompliziertes Geflecht mit zeitweise über 100 Gesellschaften gebildet. 2011 habe der Verlust 60 Mio. Euro betragen, worauf Nordrhein-Westfalen mit einer Landesbürgschaft ausgeholfen habe.

Als eine der größten Erzeugergemeinschaften in Deutschland mit etwa 3.000 beteiligten Gartenbaubetrieben habe Landgard im letzten Jahr über 6 Mio. Euro EU-Agrarzahlungen erhalten.  

Landgard gibt Stellungnahme zur wirtschaftlichen Situation ab

Mit Darlegung ihrer wirtschaftlichen Situation weist die Agrargenossenschaft Landgard die Vorwürfe aus dem Spiegel-Artikel zurück und erklärt in einer Stellungnahme:

"Trotz der Corona-Krise wird Landgard im Jahr 2020 den Umsatz voraussichtlich um 3 Prozent gegenüber Vorjahr steigern und erneut Gewinne ausweisen. „Wir hatten im Frühjahr einen spürbaren Einbruch durch die Corona-Krise, insbesondere bei Blumen und Pflanzen“, sagt Carsten Bönig, Vorstand der Landgard eG. „Diesen Umsatzeinbruch haben wir inzwischen allerdings aufgeholt und sogar überkompensiert. Hier haben wir davon profitiert, dass viele Verbraucher ihren Urlaub wegen der Corona-Pandemie zu Hause verbracht und in die Verschönerung ihrer Gärten und Balkone investiert haben. Dem bevorstehenden Weihnachtsgeschäft sehen wir trotz der aktuellen Corona-Beschränkungen der Bundesregierung positiv entgegen.“ Damit wird Landgard dieses Geschäftsjahr trotz der Pandemie erfreulich abschließen.

Diese Ist-Situation unterscheidet sich deutlich von einem heute erschienenen Online-Artikel des Spiegels, in dem der Eindruck erweckt wird, Landgard habe aktuell wirtschaftliche Probleme und müsse sich um zusätzliche Kredite bemühen. Tatsächlich verhandelt Landgard derzeit eine Anschlussfinanzierung für bestehende Kredite. Die Verschuldung der Genossenschaft ist von 2011 bis heute um 57,6 Prozent gesunken und wird weiter abgebaut.

Landgard ist nach einer Sanierungsphase in den Jahren 2011 bis 2017 heute wirtschaftlich gesund. Nach einem Verlust von 61,5 Millionen Euro im Krisenjahr 2011 kam Landgard durch Sanierungserfolge im Jahr 2015 wieder in die Gewinnzone und wies in 2019 einen Gewinn vor Steuern von 25,3 Millionen Euro aus. Diese positive Entwicklung wird durch den erfolgreichen Ausbau strategischer Kundenbeziehungen und die kontinuierliche Akquise von großen Neukunden aus den verschiedensten Bereichen des Handels zusätzlich befeuert.

Im Jahr 2015 haben die Genossenschaftsmitglieder die Sanierung von Landgard durch das Bereitstellen von zusätzlichem Eigenkapital unterstützt. Vor diesem Hintergrund ist es für die Genossenschaftsmitglieder besonders bedeutsam, dass das wirtschaftliche Eigenkapital von 2015 bis heute um 82 Prozent auf 77,6 Millionen Euro angewachsen ist. Für die acht Jahre andauernde Sanierung war Landgard durch die finanzierenden Banken verpflichtet worden, Sanierungsberater zu beauftragen. Die Kosten für externe Berater liegen dabei unter zwei Prozent des Umsatzes in dieser Zeit, also durchaus niedrig angesichts der Größe von Landgard.

Die Vorwürfe des Spiegels reichen bis zu fünfzehn Jahre zurück. Auf Verfehlungen hat Landgard jeweils mit personellen Konsequenzen reagiert und dabei entstandene Schäden geheilt.

Der Spiegel-Redakteur hat leider in seiner Berichterstattung einseitig berichtet, obwohl er von der wirtschaftlichen Genesung Landgards und von den gezogenen Konsequenzen aus Compliance-Verfehlungen wusste. Der Berichterstattung ist eine mehrwöchige Recherche des Spiegel-Redakteurs vorweg gegangen, in der Landgard auf alle Vorwürfe transparent die Fakten dargelegt hat. Diese Fakten sind nicht in seinen Bericht eingeflossen – mutmaßlich, weil sie die „Geschichte“ zerstört hätten."

Kommentar

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