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Landwirtschaft und Gesellschaft

Landwirtschaft: Öko ist nicht nachhaltiger als Konventionell

Bauern auf Getreidefeld
am Freitag, 08.11.2019 - 18:46 (3 Kommentare)

Eine nachhaltige Landwirtschaft: Das wollen Bauern, Verbraucher und Politik. Doch eine einfache Antwort gibt es nicht.

Im Zentrum der Debatte steht dabei die Ökologie. Und damit auch der ökologische Landbau. Die Ökolandwirtschaft erfüllt nach Meinung vieler Verbraucher - und auch großer Teile der Politik –  die Kriterien der Nachhaltigkeit am besten. Doch die Sache ist komplizierter, wie zahlreiche nationale und auch internationale Studien belegen – wenn man nicht nur das Kriterium der Ökologie zu Grunde legt und die Auswirkungen des Ökolandbaus nicht auf Deutschland beschränkt.

Der Landwirt und Vizepräsident des niedersächsischen Landvolks Ulrich Löhr betont deshalb: „Nachhaltigkeit wird von drei Säulen getragen. Die ökologische, die ökonomische und die soziale Nachhaltigkeit gehören untrennbar zusammen“. Und dann sieht die Sache schon anders aus. Das sehen auch die Göttinger Wissenschaftler Eva-Marie Meemken und Matin Quiam so. Das Fazit ihrer Studien ist eindeutig: „Nur die Kombination von ökologischen und konventionellen Anbautechniken kann eine global nachhaltige Landwirtschaft garantieren.“

Und es gibt noch ein weiteres Problem: „Einige Ziele der Nachhaltigkeit können nämlich in einem Zielkonflikt zueinander stehen“, sagt der Ökonom Rainer Maurer von der Hochschule Pforzheim. Hier kommt die Politik ins Spiel. Sie müsste diese Konflikte auflösen und die Ziele wichten. Das scheint aber nicht so einfach zu sein.

Die Ertragslücke ist entscheidend

Haferfeld

Auch der Agrarökonom Christian Lippert von der Universität Hohenheim warnt davor, „Landwirtschaft anhand einfacher Kategorien in gut und schlecht einzuteilen, wie etwa in Biolandwirte und Konventionelle. Man kann auch im konventionellen Landbau sehr ressourcenschonend wirtschaften, wenn man Pflanzenschutz und Dünger sachgerecht einsetzt", sagt der Wissenschaftler.

Der Knackppunkt für die inhaltlichen Differenzen  zwischen Ökolandbau und Konventionell ist die sogenannte Ertragslücke: "Der Ökolandbau hat nämlich den Nachteil, dass pro erzeugter Einheit mehr Fläche gebraucht wird", erläutert Christian Lippert das Problem.

Verantwortlich hierfür sind die deutlich niedrigeren Erträge. Diese ergeben sich durch den völligen Verzicht auf mineralische Dünger und chemischen Pflanzenschutz. Verschiedene Studien zeigen: Der Flächenverbrauch je Ertragsmenge ist deshalb im Ökolandbau im globalen Maßstab rund 25 Prozent höher als in der konventionellen Produktion. In Deutschland ist der Abstand wegen der hohen konventionellen Erträge sogar noch weitaus größer.

Hanna Treu vom Thünen-Institut in Braunschweig fand heraus: „Eine überwiegend ökologische Ernährung in Deutschland bräuchte rund 40 Prozent mehr Fläche als die konventionelle Produktion“ – allerdings bei gleichem Konsum. Beispiel Getreideerträge: Diese sind hierzulande im Ökolandbau etwa halb so hoch wie in der konventionellen Produktion. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommt eine aktuelle Untersuchung aus England. Die Auswirkungen der Ertragslücke auf die anderen Bereiche der Nachhaltigkeit sind also enorm – werden aber meist ausgeblendet.

Umweltschutz global betrachten

Blumenwiese

Das Hauptargument für den biologischen Landbau ist die Ökologie. Hier besteht auch weitergehend Konsens in der Wissenschaft: Fast alle Studien zeigen, dass auf ökologisch bewirtschafteten Flächen eine höhere Biodiversität und eine geringere Schadstoffbelastung herrscht. Auch das Thünen-Institut hat Anfang 2019 in einer großen Studie ein sehr positives Bild von den Umweltleistungen des Ökolandbaus gezeichnet. Das gilt aber nur, wenn man alle Umweltleistungen auf die Fläche bezieht. Und wenn man die Folgen auf Deutschland beschränkt. 

Internationale Studien zeigen: „Die Zugewinne an Biodiversität und Umweltschutz reichen nicht aus, um die Verluste durch den höheren Flächenverbrauch zu kompensieren“, kritisiert Rainer Maurer. Aber es gibt noch ein anderes Problem: Wegen des höheren Flächenbedarfs ergeben sich im Ökolandbau auch höhere Netto-Emissionen von Treibhausgasen. Diese würden ohne eine massive Senkung des Verbrauchs kräftig steigen.

Grund: Die Produktion verlagert sich auf weniger produktive Standorte ins Ausland oder es würden neue Flächen genutzt. „Indirekt führt dies zu höheren CO2-Emissionen", erläutert der schwedische Forscher Stefan Wirsenius. "Wenn wir mehr Land für die gleiche Nahrungsmittelmenge benötigen, tragen wir zu einer größeren Entwaldung anderswo auf der Welt bei“, sagt der Schwede. Und: „Die Ertragsunterschiede müssen auch deshalb berücksichtigt werden, weil die globale Nachfrage nach Lebensmitteln weiter wächst“, fügt der Göttinger Agrarökonom Matin Qaim ein wichtiges Argument hinzu.

Produktiv und ökologisch

anbaufläche

Was ist aber nun der richtige Weg für mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft? Vielleicht ein Kompromiss. Die Göttinger Wissenschaftler Meemken und Quiam kommen jedenfalls zu dem Schluss: Der Ökolandbau ist zwar in bestimmten Situationen vorteilhaft, aber er kann nicht als Leitbild für eine global nachhaltige Landwirtschaft und Ernährungssicherung gelten.

Eben so wenig ist jedoch die konventionelle Landwirtschaft mit einem hohen Einsatz von Chemikalien ein Modell für Nachhaltigkeit. Das Fazit von Matin Quaim ist deshalb: „Benötigt werden produktive und zugleich umweltfreundliche Systeme. Solche Systeme standörtlich angepasst zu entwickeln, erfordert die intelligente Kombination von Methoden des Ökolandbaus und der konventionellen Landwirtschaft – auch unter Berücksichtigung ganz neuer Technologien“.

Das wäre sicher auch ein Weg mit dem sich viele Bauern anfreunden könnten und der nicht zu einer ideologischen Trennung von Bio und konventionell bzw. guter und schlechter Landwirtschaft führt. Auch den “Erfinder der Nachhaltigkeit“, den Forstwirt Carl von Carlowitz hätte das sicherlich gefreut.

Die ausführliche Analyse zur Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft - einschließlich ökonomischer und sozialer Aspekte - können Sie in der nächsten Ausgabe von agarheute nachlesen.

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