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Krieg in der Ukraine

Das leistet die Ukraine auf den weltweiten Agrarmärkten

Weizenernte in der Ukraine
am Freitag, 25.02.2022 - 14:00 (1 Kommentar)

Noch sind die genauen Folgen des russischen Angriffs auf die Kornkammer Europas für die Agrarmärkte nicht absehbar. Fest steht, dass die Ukraine durch ihre erheblichen landwirtschaftlichen Potenziale in den letzten Jahren Importländer mit immer mehr Erzeugnissen versorgte und auf den Agrarsektor gesetzt hat.

Sehr günstige Bedingungen für den Ackerbau, viele freie Flächen zu niedrigen Preisen und der hohe Stellenwert der Landwirtschaft in Politik und Bevölkerung haben der Branche in der Ukraine über die letzten Jahrzehnte zu einer festen Größe auf den internationalen Agrarmärkten verholfen. Wie und wo sich der Krieg auf dem Globus künftig auswirken und welche Rolle der Agrarbereich dabei einnehmen wird, darüber können im Moment nur Prognosen abgegeben werden.

So wurden nach dem gestern (24.02.) von Russland begonnenen Angriffskrieg gegen die Ukraine für den Agrarsektor zunächst Engpässe auf dem Weizenmarkt befürchtet. Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) wies anschließend auf den hohen Eigenversorgungsanteil beim Weizen in der EU hin. Gleichzeitig schloss er weitere Preisanstiege – insbesondere für Düngemittel und die Energieversorgung – nicht aus. Noch teurere Lebensmittel und eine weiter steigende Inflationsrate könnten sich laut Özdemir auf die Verbraucher auswirken.

Ein Blick auf die agrarwirtschaftliche Leistung der Ukraine der letzten Jahre soll hier helfen, die Ereignisse aus dieser Perspektive heraus einzuordnen.

Knappheiten bei Mais, Raps und Sonnenblumen zu befürchten

USDA-Statistik über die Exporte der Ukraine

Es ist aber längst nicht nur der globale Weizenmarkt, der durch den Krieg in der Ukraine auf den Kopf gestellt werden wird. So befand sich die Ukraine im letzten Jahr mit einer Exportmenge von 33,5 Mio. Tonnen – wie auch beim Weizen – auf Platz vier der Liste mit den wichtigsten Exporteuren der Welt. Das haben die Auswertungen des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums USDA ergeben. Die Gesamtmenge des in der Ukraine produzierten Maises belief sich auf 42 Mio. Tonnen. Auch beim Weizen gingen von 33 Mio. erzeugten Tonnen mehr als 70 Prozent in den Export.

Darüber hinaus ist die Ukraine der weltweit wichtigste Produzent von Sonnenblumen (17,5 Mio. Tonnen in 2021) und Sonnenblumenschrot (7 Mio. Tonnen in 2021). Beim Sonnenblumenschrot war das Land laut USDA im vergangenen Jahr mit einem Weltmarktanteil von fast 61 Prozent führend unter den Exporteuren. Die 2021 exportierte Menge von 6 Mio. Tonnen Gerste machte die Ukraine auch auf diesem Markt zum drittgrößten Lieferanten in der Welt. Beim Roggen gingen 40 Prozent des globalen Handels auf die Ukraine zurück, was sie an die Spitzenposition brachte – wie beim Sonnenblumenschrot.

Nicht zu unterschätzen ist außerdem die Rapsproduktion in der Ukraine: Auf sie gingen 20 Prozent des Welthandels zurück, was 2021 einer Menge von 2,7 Mio. Tonnen entsprach. Bei Butter, Käse und Vollmilchpulver rangierte das Land auf Platz 9 und 10 der Exporteursliste des USDA.

Große Bedeutung des Agrarbereichs für die Gesamtwirtschaft der Ukraine

Übersicht zu Importen und Exporten der Ukraine

Im Gegensatz zu den Ergebnissen für den ukrainischen Agrarhandel zeigen die Zahlen des von UN Comtrade, dass die Ukraine im Außenhandel insgesamt mehr Waren importiert als exportiert. So erreichten die Einfuhren im Jahr 2020 einen Wert von 53,7 Mrd. US-Dollar. Die Ausfuhren bezifferte die UN Comtrade-Datenbank auf 49,2 Mrd. US-Dollar.

Sowohl für die Exporte als auch für die Importe ist China der wichtigste Handelspartner der Ukraine – jeweils etwa 15 Prozent des Handels gehen auf Geschäfte mit China zurück. Mit einigem Abstand folgten im Jahr 2020 bei den Exporten laut UN Comtrade Polen, Russland, die Türkei und Deutschland als wichtigste Handelspartner. Exportiert wurden hauptsächlich Getreide, Eisen, Stahl, Fette, Öle, Erze, Schlacke und Asche. Importe bezog die Ukraine nach China vor allem aus Deutschland, Russland, Polen und den USA. Eingefahren wurden unter anderem mineralische Brennstoffe, Mineralöle, Maschinen, Fahrzeugteile und elektronische Erzeugnisse.

Dass in dem Land mit etwa 44 Mio. Einwohnern der Landwirtschaft eine besondere Rolle zukommt, macht insbesondere auch der längerfristige Blick über die letzten Jahre deutlich. So ist der Verlauf der landwirtschaftlichen Produktion in der Ukraine nach FAO-Angaben mindestens seit dem Jahr 2000 – mit einzelnen rückläufigen Entwicklungen – steigend. Ausgehend vom Jahr 2000 hat die Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse im Jahr 2019 um 77 Prozent zugenommen. Auch in den letzten Jahren hielt das Wachstum an.

Die Nutzung der ukrainischen Landesfläche unterstreicht ebenfalls den Stellenwert der Landwirtschaft im Land: Etwa 71,3 Prozent der Landesfläche steht laut FAO für die landwirtschaftliche Nutzung zur Verfügung. Das entspricht einer Fläche von etwa 43 Mio. Hektar.

BMEL hält direkte Auswirkungen auf deutsche Agrarmärkte für unwahrscheinlich

Wie das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) gestern (24.02.) mitteilte, seien die EU-Mitgliedstaaten auf Herausforderungen wie extremen Wetterereignissen, aber auch auf Engpässe bei wichtigen Produktionsfaktoren wie Düngemitteln, Energie und Arbeitskräften vorbereitet. Dazu sei in der EU ein Notfallplan für Lebensmittelversorgung und Ernährungssicherheit ausgearbeitet worden.

Darüber hinaus schätzte das BMEL Russland und die Ukraine als weltweit bedeutende Exporteure auf dem Weizenmarkt ein. Während die EU auf eine hohe Eigenversorgung zurückgreifen könne, würden Länder außerhalb Europas die Krise möglicherweise eher zu spüren bekommen. Besonders die Länder Nordafrikas, die Türkei und asiatische Länder seien die Hauptimporteure von russischem und ukrainischem Weizen.

Auch auf dem Ölsaatenmarkt müsse Deutschland nicht mit direkten Auswirkungen des Kriegs rechnen. Bei den übrigen Agrarprodukten sei das Handelsvolumen nur gering, weshalb diese Märkte ebenfalls nicht betroffen sein dürften, so das BMEL.

Jedoch könnten unterbrochene Exportketten zu Unsicherheiten, Preisanstiegen und erhöhter Preisvolatilität auf den internationalen Märkten führen. Insgesamt sei die Ernährungsindustrie durch Preissteigerungen auch bei Düngemitteln und Energie betroffen. Deshalb schließe das Ministerium eine weitere Verteuerung von Lebensmitteln sowie eine Steigerung der Inflationsrate nicht aus.

DBV-Präsident Joachim Rukwied besorgt

Die zu erwartenden Turbulenzen an den Agrarmärkten betrachtet Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), mit Sorge. „Wir befinden uns derzeit in einem Blindflug, da keiner weiß, wie sich die Preise für Betriebsmittel und Getreide entwickeln werden“, sagt Rukwied.

Schon jetzt sei der Stickstoffdünger exorbitant teuer und knapp. Der DBV-Präsident warnt vor den weiteren Entwicklungen auf dem Düngermarkt: „Wir gehen davon aus, dass weniger gedüngt wird, was negative Auswirkungen auf die Erntemenge und in Teilen auch auf die Qualität der Erzeugnisse haben wird.“

Mit Material von dpa

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