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Strukturwandel und Agrarpolitik

Nebenerwerb: Darum kämpfen kleine Höfe ums Überleben

Landwirt
am Freitag, 29.11.2019 - 13:52 (Jetzt kommentieren)

Die Hälfte aller Bauern arbeitet im Nebenerwerb. Ihnen steht das Wasser oft bis zum Hals.

Nach der Arbeit aufs Feld oder in den Stall. Mehr als die Hälfte der Bauernhöfe wird in Deutschland im Nebenerwerb bewirtschaftet. Im Süden des Landes sind es sogar zwei Drittel der Betriebe – oder mehr. 

Das heißt: Die Landwirte verdienen ihre Geld nicht hauptsächlich in der Landwirtschaft – sondern im Büro oder in der Fabrik. Den Betrieb wollen sie jedoch trotzdem nicht aufgeben - doch dass wird unter den gegenwärtigen politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen immer schwerer.

Der Grund ist: Gerade die kleinen Betriebe leiden besonders unter den massiven Auflagen und Restriktionen des Agrarpakets, der Düngeverordnung, der Insektenschutz-Programme oder beim Tierwohl. Denn: Ihnen fehlt einfach das Geld für immer neue Investitionen und die Anpassung an die sich immer schneller ändernden Rahmenbedingungen.

Das bedeutet: Gerade diese kleinen Betriebe bleiben – trotz gegenteiliger Beteuerungen der Politik - auf der Strecke – mit fatalen Folgen für die ländlichen Räume und die Agrarstruktur.

Im Süden zwei Drittel im Nebenerwerb

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Das Höfesterben betrifft also auch die Bauern im Nebenerwerb. Das bestätigt auch der nordhessische Nebenerwerbs-Landwirt Martin Zwingmann. Er sagt: „Es kommen immer strengere Auflagen im immer schnelleren Takt, ob es nun um Düngemittel, Tierhaltung oder Feldrandstreifen geht.“

Fakt ist: „Nebenerwerbsbetriebe unterliegen in etwa demselben Strukturwandel wie Betriebe im Haupterwerb. Sie werden also zahlenmäßig weniger und dabei größer“. Das hat Rainer Doluschitz von der Universität Hohenheim herausgefunden. Das heißt auch: Ihre Bedeutung für die Agrarstruktur und die Agrarproduktion ist und bleibt sehr hoch.

Rainer Doluschitz erklärt: In Deutschland arbeiten mehr Bauern im Nebenerwerb als im Haupterwerb - nämlich 52 Prozent, in Baden Württemberg sind es sogar 63 Prozent, in Schleswig-Holstein und Niedersachsen etwa 40 Prozent“. Doluschitz weist auch auf die hohen Anteile an wichtigen landwirtschaftlichen Produktionsfaktoren hin, die in den Nebenerwerbshöfen gebunden sind.

Für Baden-Württemberg ergeben sich beispielsweise Anteile von 30 Prozent der Ackerfläche, 35 Prozent des Grünlands, 13 bis 15 Prozent der Milchkühe und Mastschweine und etwa 30 Prozent der gesamten Arbeitsleistung der Landwirtschaft. Deutschlandweit bewirtschaften die Bauern im Nebenerwerb ein Fünftel der Fläche und sie produzieren etwa 10 Prozent aller landwirtschaftlichen Güter und Dienstleistungen.

Nebenerwerbs-Bauern mit vielen Funktionen

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"Die dominanten Motive von Nebenerwerbs-Landwirten lassen auf ein langfristiges Bestehen dieser Erwerbsform schließen“, glaubt Reiner Doluschitz. Doch das könnte angesichts der großen Probleme vieler kleinen Höfe schwer werden. Hinzu kommt: Besonders in Süddeutschland arbeiten Nebenerwerbs-Landwirte  häufig auf Flächen, die ohnehin nicht so einfach zu bewirtschaften sind und keine hohen Erträge bringen. Beispielsweise auf der Schwäbischen Alb oder im Schwarzwald.

Aus diesem Grund ist es für viele kleinen Bauernhöfe im Nebenwerb aber auch besonders schwer, ein einigermaßen vernünftiges Einkommen zu erwirtschaften – auch ohne immer neue Auflagen. Außerdem werden solche schwierigen Flächen oft nur durch die Nebenerwerbslandwirte erhalten. Das gilt auch für große Teile der dörflichen Infrastruktur. Die kleinen Höfe sichern zudem Arbeitsplätze und verhindert Abwanderung. Außerdem sind sie Steuerzahler und stützen die wirtschaftliche und soziale Entwicklung auf dem Land.

Fakt ist aber auch: Bauern im Nebenerwerb haben – aus der Landwirtschaft - ein wesentlich geringeres Einkommen als die Haupterwerbsbetriebe – und sie bekommen mehr als 90 Prozent ihres Einkommens über Beihilfen. Dennoch formuliert der Fachanwalt für Agrarrecht und Nebenerwerbslandwirt Bernd von Garmissen seine Nebentätigkeit so: „Nebenerwerbslandwirt ist, wer aktiv und mit Gewinnerbringung Landwirt ist.“

Noch eine Generation – dann ist Schluss

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Der Agrarwissenschaftler Doluschitz sieht den Nebenerwerb grundsätzlich als eine „dauerhafte und zukunftsfähige Betriebsform“ an. Das Problem ist jedoch: Landwirte im Nebenerwerb leiden – wie alle kleinen Höfe - ganz besonders stark unter dem derzeitigen ökonomischen und politischen Anpassungsdruck. Wenn sich dann unter den Kindern kein Hofnachfolger findet – dann werden in den nächsten Jahren wohl deutlich mehr Betriebe die Hoftore schließen als bisher.

Das geht auch Ottmar Bechteler aus dem Allgäu so. Er bewirtschaftet mit seiner Frau einen kleinen Hof im Nebenerwerb, wie mittlerweile zwei Drittel der Landwirte seiner Gemeinde. Er sagt: Im Jahr 2000 gab es hier im Ort noch gut 60 landwirtschaftliche Betriebe, 2016 waren es noch 38. Sein Arbeitstag beginnt um fünf Uhr und endet um 21 Uhr. Seine Söhne gehen wahrscheinlich nicht in die Landwirtschaft. Fazit Bechtlers ist: „So wie wir wirtschaften, macht das noch unsere Generation. Dann ist Schluss.“

Die Gefahr der Hofaufgabe nimmt also derzeit für viele kleine Betriebe rapide zu – insbesondere in der Tierproduktion. Der Hauptgrund sind die sehr hohen Investitionen, die das Agrarpaket und andere Auflagen von den Bauern erfordern. Und diese können von den kleinen Höfen meist nicht gestemmt werden.

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