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Landwirtschaft und Umwelt

Ökolandbau nicht besser für die Artenvielfalt – aber kleine Bauernhöfe

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am Mittwoch, 11.08.2021 - 11:09 (3 Kommentare)

Eine Studie der Universität Göttingen kommt zu dem Ergebnis: Nicht der Ökolandbau verbessert die Artenvielfalt – sondern kleine Bauernhöfe.

Kernaussage der Wissenschaftler ist: „Ein Mosaik aus natürlichen Lebensräumen und kleinräumigen und vielfältigen Anbauflächen sorgt für Artenvielfalt, egal ob konventionell oder ökologisch bewirtschaftet.“

Politische Entscheidungsträger sollten dies anerkennen, um einen entsprechenden Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft zu erreichen, so die Feststellung der Wissenschaftler, die ihre Erkenntnisse im August in der Fachzeitschrift Trends in Ecology and Evolution veröffentlicht haben.

"Die Zertifizierung der ökologischen Produktion beschränke sich weitgehend auf das Verbot synthetischer Agrochemikalien, schreibt das Forscherteam. Dies führe zwar zu begrenzten Vorteilen für die Biodiversität, gelichzeitig aber zu hohen Ertragsverlusten, obwohl die Landwirtschaft intensiver und spezialisierter wird", heißt es weiter.

Hoher Flächenbedarf beim Ökolandbau

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„Mit Öko-Zertifizierung bewirtschaftete Flächen haben zwar ein Drittel mehr Arten, erreichen aber nicht das Ertragsniveau konventionellen Anbaus, so dass für den gleichen Ertrag mehr Fläche benötigt wird“, erläutert Erstautor Teja Tscharntke, von Abteilung Agrarökologie der Universität Göttingen. Mit dem größeren Flächenbedarf verschwinde aber der Vorteil für die Artenvielfalt. Zudem sei es ein Mythos, dass Öko-Landbau keine Pestizide einsetzt.

„Pestizide sind erlaubt, solange sie als natürlich gelten. Beispielsweise im Weinbau, bei Obstplantagen und auch bei Gemüse wird großflächig und wiederholt gespritzt, wobei Kupfermittel die zentrale Rolle spielen, obwohl sie sich im Boden anreichern“, sagt Tscharntke. Zudem habe sich ein Großteil des Öko-Landbaus weit entfernt vom Idealismus der Gründerjahre. „Öko-Landbau erfolgt nicht immer in idyllischen Familienbetrieben.

Öko-Monokulturen sind oft ähnlich groß wie bei konventionellen Betrieben, und Gemüse wird oft unter Glas angebaut, auf Kosten der Artenvielfalt.“ Im mediterranen Raum würden ganze Landschaften für den Gemüseanbau mit Plastikplanen abgedeckt und damit zerstört – mit einem stark ansteigenden Anteil an Öko-Zertifizierung, schreiben die Wissenschaftler.

Kleinere Felder und naturnahe Lebensräume

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„Landschaften mit Anbau-Vielfalt, kleinen Feldern und zumindest einem Fünftel naturnaher Lebensräume können sehr viel stärker die Biodiversität fördern als die reine Öko-Zertifizierung“, haben die Wissenschaftler herausgefunden. „Landschaften mit kleinen Feldern und langen Rändern weisen ein Vielfaches an Arten auf als Landschaften mit großen Feldern, und sind in der ökologischen wie konventionellen Landwirtschaft gleichermaßen zu realisieren.“

Als Beispiel führt Tscharntke Landschaften an, deren Felder einen Hektar statt sechs Hektar groß sind: „Diese können sechs Mal so viele Pflanzen- und Insektenarten beheimaten. Abwechslung beim Anbau kann zudem die Artenzahl verdoppeln und die biologische Schädlingskontrolle wie auch die Bestäubungsleistung stark erhöhen.“

Auch wenn der Green Deal der EU bis 2030 einen Anteil von 25 % ökologischer Landwirtschaft vorsieht, sei immer noch notwendig, die 75 Prozent konventionelle Landwirtschaft in die Biodiversitäts-Strategie mit einzubeziehen, lautet ein weiteres Fazit der Göttinger Forscher.

Art der Bewirtschaftung ist entscheidend

Bereits im Jahr 2019 waren die Wissenschaftler aus Göttingen in einer groß angelegten internationalen Studie in acht Regionen Europas und Nordamerikas zu ähnlichen Erkenntnissen gekommen. Im Rahmen eines EU-Projekts hatten die Wissenschaftler zusammen mit Kollegen aus Frankreich, Spanien, England und Kanada untersucht, ob sich die Artenvielfalt durch eine ökologische Aufwertung landwirtschaftlicher Flächen unabhängig vom Anteil naturnaher Lebensräume fördern lässt.

Danach hat eine Verkleinerung der durchschnittlichen Feldgröße von rund fünf Hektar auf 2,8 Hektar den gleichen Effekt auf die Biodiversität wie die Erhöhung des Anteils naturnaher Lebensräume von 0,5 Prozent auf elf Prozent. Mehr Kulturartenvielfalt führte zu einem ähnlichen Ergebnis, aber nur, wenn die Agrarlandschaften auch einen höheren Anteil naturnaher Lebensräume aufwiesen.

„Die Ergebnisse zeigen, dass die Art der Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Betriebe einen wesentlichen, bisher unterschätzten Beitrag zur Erhaltung und Förderung der Artenvielfalt in unseren Agrarlandschaften leisten kann“, sagt TejaTscharntke dazu.

Mit Material von Georg-August-Universität Göttingen
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