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UBA/FiBL-Studie Entwicklungsperspektiven

„Ökolandbau ist gut, aber nicht optimal“

Weißklee
am Dienstag, 14.04.2020 - 11:30 (Jetzt kommentieren)

Eine Studie des FibL im Auftrag des Umweltbundesamts zeigt Entwicklungsperspektiven für den Ökolandbau auf und schlägt ein neues Modell vor: IP+, die ökologisch optimierte, integrierte Produktion.

Rotklee gemulcht

Hohe Umweltbelastungen und eine wachsende Weltbevölkerung stellen die Landwirtschaft vor große Herausforderungen. Die ökologische Landwirtschaft gilt dabei als besonders umweltfreundlich. Die aktuelle Studie, die das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FibL) für das deutsche Umweltbundesamt (UBA) durchgeführt hat, zeigt: Ökolandbau ist gut, aber nicht optimal.

Die Studie bescheinigt dem ökologischen Landbau noch großes Verbesserungspotenzial. Einige seiner Prinzipien erschwerten es, so das Gutachten, die Ökoeffizienz (Umweltwirkung pro Produkteinheit) zu verbessern. Ein Ökolandbau 4.0, der offener gegenüber Neuerungen wäre, könne hier Abhilfe schaffen. Um die Ökoeffizienz der konventionellen Landwirtschaft zu steigern, wird die Etablierung eines neuen Standards – der ökologisch optimierten, integrierten Produktion (IP+) – vorgeschlagen. 

Vielversprechende Anwendungsmöglichkeiten für den Ökolandbau werden in der Digitalisierung gesehen, beispielsweise eine präzise Unkrautregulierung, eine frühe Krankheitsdiagnostik auf dem Feld und im Stall sowie optimierte Düngung durch Drohnen. Eine große Bedeutung messen die FiBL-Experten zudem Innovationen bei, die die Bewirtschaftung des Stickstoffs optimieren. 

In der Tierhaltung müssten Innovationen im Ökolandbau darauf abzielen, die bestehenden Konflikte zwischen Tierwohl, Produktivität und Nachhaltigkeit zu lösen. Möglichkeiten dafür bestünden in der Aufzucht und Fütterung von Jungtieren, der Lebenstagsleistung von Milchkühen sowie der Weiterentwicklung von Haltungssystemen zur Reduzierung des Nährstoffaustrags. 

Defizite des Ökolandbaus

Die Studie sieht beim Ökolandbau neben seinen Stärken auch verschiedene Schwächen. Diese sind im Überblick:

  1. Schwächen, die durch mehr Forschung ausgeglichen werden könnten:
     
    • Mangelnder Schutz vor Pflanzenkrankheiten bei den Sonderkulturen Obst, Wein, Gemüse und Kartoffeln sowie zu einem geringeren Maße auch bei ackerbaulichen Kulturen;
       
    • mangelnder Schutz vor Schaderregern in einzelnen ackerbaulichen Kulturen;
       
    • Saat- und Pflanzgut, welches nicht optimal auf die Bewirtschaftungsumwelt des Ökolandbaus abgestimmt ist;
       
    • ungenügende Kenntnisse des Nutzens von Ökosystemdienstleistungen;
       
    • Bodenverdichtungen und zur Mineralisierung von Bodenkohlenstoff durch Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel, was tiefes und dauerhaftes Pflügen sowie häufige Überfahrten nötig macht.
  2. Schwächen, die aus Zielkonflikten im Ökolandbau entstehen:

    • ​​​​​​​Der Mangel an natürlichen Quellen von essentiellen Aminosäuren (z.B. Methionin, Lysin) senkt die Futterverwertungseffizienz von Schweinen und Hühnern;

    • die ungenügende Qualität und die mangelhafte Trennung von Wert- und Schadstoffen bei verschiedenen Quellen von organischen Abfallmaterialien;

    • die Grundsätze der Verarbeitung von ökologischen Lebensmitteln können in der Herstellung zu einem höheren Rohstoffverbrauch und zu höheren Kosten führen;

    • die starke Betonung der Natürlichkeit und der Naturbelassenheit als wesentliches Merkmal des Ökolandbaus führt zu einer ablehnenden Einstellung gegenüber technischen und technologischen Innovationen.

  3. Schwächen als Ergebnis mangelnder Mindestvorschriften:

    • In den gesetzlichen und privaten Öko-Richtlinien fehlen Mindestvorschriften für die
      Fruchtfolgegestaltung im ökologischen Landbau;

    • die EU-Öko-Verordnung schreibt keine verbindlichen Mindestanteile von ökologischen
      Vorrangflächen vor;

    • die Nutzungshäufigkeit und die Nutzungstermine des Dauergrünlands – in vielen Ländern
      die wichtigsten Ökoflächen – ist in den Öko-Richtlinien nicht geregelt.

  4. Schwächen, die systemimmanent und deshalb wohl unvermeidbar sind:

    • Die ökologische und dem Tierwohl verpflichtete Erzeugung von Lebensmitteln ist deutlich
      teurer als die konventionelle Landwirtschaft, die sich an den gesetzlichen Mindeststandards
      der Landwirtschaft, des Umweltschutzes und der Lebensmittelsicherheit ausrichtet. 

    • Alle Ökologisierungsstrategien, nicht nur der Ökolandbau, haben eine geringere Produktivität.

Öko 4.0 und IP+

Die beiden in der Studie entwickelten neuen Modelle sind:

  • Öko 4.0: technischer Fortschritt und Innovation führen zu Ertragssteigerungen im ökologischen Landbau, Nachhaltigkeitsdefizite werden vermieden. Dieser Ansatz ersetzt die starke Ausrichtung des bisherigen Ökolandbaus auf Verbote und macht ihn offener für die Nutzung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Gleichzeitig werden die in den Öko-Richtlinien gegenwärtig noch fehlenden Mindestanforderungen vor allem in den Bereichen
    Natur- und Bodenschutz verbindlich gemacht und nicht länger nur in Leitbildern formuliert.
  • IP+: Ökologisch optimierte Integrierte Produktion. Die integrierte Produktion plus ist grundsätzlich technologieoffen und kennt keine Verbote, so lange es sich um von den Behörden zugelassene Maßnahmen handelt. Grundzüge sind eine Verschärfung der Düngervorschriften, verpflichtende Fruchtfolge-Vorschriften sowie Restriktionen bezüglich Pflanzenschutzmitteln. Die Studie erwartet sich dadurch eine beträchtliche Ökologisierung der Landwirtschaft und nur einen verhältnismäßig kleinen Rückgang der Erträge.

Die UBA-Studie zum Download als pdf (3MB)

Kritik zu erwarten

Gespannt wird erwartet, wie die Branche die durchaus kritische Studie aufnimmt. Erste Kritik gab es bereits von den Grünen. Es irritiere, dass die Autoren den Bedarf zur Weiterentwicklung des Ökolandbaus zwar richtig benennen würden, sich dann aber überwiegend mit Fragen zu konventionellen Technologien – unter anderem der Züchtung und Düngung – beschäftigten, monierten die Agrarsprecher der Grünen-Fraktionen im EU-Parlament und im bayerischen Landtag, Martin Häusling und Gisela Sengl, sowie die Europaabgeordnete Sarah Wiener in einem gemeinsamen Statement.

Mit Material von AgE

Was ist eigentlich die Kernkompetenz des Umweltbundesamtes?

Simon Michel-Berger, Chefredakteur agrarheute

"Mit der jüngsten Untersuchung zum Ökolandbau, die auch stark bei Entwicklungszielen für die konventionelle Landwirtschaft mitredet, zeigt die Behörde wieder einmal geschickt, dass es sich lohnt auch bei heißen Themen mitzureden, die nicht eindeutig in die eigene Kernkompetenz fallen."

Lesen Sie hierzu einen Kommentar von agrarheute-Chefredakteur Simon Michel-Berger.

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