Zum Adventsgewinnspiel

Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Landwirtschaft und Klimaschutz

Pfluglos ackern bringt nichts - außer heftige Diskussionen?

Direktsaat.
am Donnerstag, 18.11.2021 - 14:26 (2 Kommentare)

Wieder ist eine heftige Diskussion entbrannt: Über die Vor- und Nachteile des pfluglosen ackerns.

Direktsaat.

Agrarheute hat dazu eine neue und einige nicht ganz so neue Studienergebnisse veröffentlicht. Diese laufen alle auf dasselbe Ergebnis hinaus. Verkürzt gesagt: Pfluglos ackern bringt nichts oder wenig für den Humus-Aufbau im Boden - insbesondere in tieferen Bodenschichten und führt auch nicht zu höheren Erträgen. Und es gibt noch einige andere Auswirkungen, die für Ackerbauen nicht gerade von Vorteil sind - wie etwa Lachgas-Emissionen und stärker verdichte Böden.

Soweit so gut. Natürlich haben viele Landwirte aus ganz unterschiedlichen Gründen auch sehr positive Erfahrungen mit dem pfluglosen ackern und der Direktsaat gemacht. Vor allem was die Erosion betrifft und auch die Bodengare. Doch die meisten als positiv eingeschätzten Folgen des pfluglosen Arbeitens halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht oder nur teilweise stand.

Das ist in der Wissenschaft aber nicht selten der Fall bzw., sogar die Aufgabe der Wissenschaft: Nämlich bestehende Erkenntnisse zu überprüfen und möglicherweise in Frage zu stellen. Vor über 300 Jahren verkündete Galilei das Prinzip der modernen naturwissenschaftlichen Forschung: „Man muß messen, was meßbar ist, und meßbar machen, was zunächst nicht meßbar ist.“

Dafür wurden auch und diesem Fall zahlreiche Untersuchungen und Messungen über lange Zeitreihen durchführt - zum Beispiel vom Thünen-Institut. Außerdem haben die Wissenschaftler aus Bern zahlreich andere Studien ausgewertet und außerdem auch Erfahrungen von Landwirten aus der Schweiz einfließen lassen. Sie haben sogar ausdrücklich darauf hingewiesen, die Erfahrungen der Bauern stärker zu berücksichtigen.

Soweit so gut. Doch die anschließende Diskussion der von Agrarheute veröffentlichen Fakten auf Facebook beschäftigt sich nur teilweise mit den Daten des Thünen-Instituts oder aus Bern und den dort vorgetragenen neuen auf Erkenntnissen. Vielmehr ging es in der Diskussion eher darum, persönliche Überzeugungen vorzutragen und die Auseinandersetzung um die Vor- und Nachteile von den wissenschaftlichen Aussagen wegzuführen oder eher auf einer formalen Ebene zu führen.

Negative Klimabilanz durch Lachgas

Direktsaat.

Am besten noch einmal zurück zu den Fakten: Die Untersuchungen des Thünen Instituts, die das gesamte Bodenprofil berücksichtigen und aus einer Zusammenschau von mehreren 100 Feldversuchsstudien bestehen, ergaben bei Direktsaatverfahren ohne Bodenbearbeitung im Mittel eine Speicherung von nur 150 kg/ha a Kohlenstoff. Bei vielen Studien kam es auch zu Humusverlusten, so dass insgesamt keine signifikante Humusakkumulation mehr gefunden wurde.

Gleiches gilt auch für die reduzierte Bodenbearbeitung, denn auch in sehr langjährigen Versuchen ergab sich im Mittel nur eine geringe Erhöhung der Humusvorräte, die auch nach mehreren Jahrzehnten nicht sicher nachweisbar war. Die Klimawirksamkeit pflugloser Bodenbearbeitung wird aber auch durch weitere Faktoren bestimmt.

Neben Kohlendioxid ist Lachgas (N2O) ein Treibhausgas mit fast 300-mal größerer Klimawirksamkeit. Lachgas wird im Boden durch mikrobielle Prozesse gebildet, insbesondere unter Sauerstoffmangel und wenn ausreichend mineralischer Stickstoff im Boden vorhanden ist. Bei ausbleibender Lockerung mit der Bodenbearbeitung können in bestimmten Bodentypen vermehrt sauerstoffarme Bedingungen auftreten, die durch mikrobiellen Nitratabbau (Denitrifikation) zu erhöhten Lachgasemissionen führen können.

Berechnungen des Thünen Instituts aus fast 50 Feldversuchen zeigen, dass die Lachgasemissionen bei Direktsaat um 86 % und bei reduzierter Bodenbearbeitung um 63 Prozent erhöht sind. Diese erhöhten Lachgasemissionen kompensieren nicht nur die mittlere Humus-Akkumulation sondern sie führen auch zu einer negativen Klimabilanz der pfluglosen Bearbeitungsverfahren.

Weniger Treibstoff, weniger Erosion, weniger Arbeitszeit

direktsaat.

Neben Lachgas wird bei der Denitrifikation in der Regel eine vielfach höhere Menge an molekularem Stickstoff emittiert. Dadurch ergibt sich ein bedeutender Verlust an pflanzenverfügbarem Stickstoff. Wegen des Energiebedarfs der Mineraldüngerherstellung, die zum Ersatz dieser Verluste anzurechnen ist, verschlechtert sich die Treibhausgasbilanz noch weiter.

Direktsaat ist außerdem nur in Kombination mit einem erhöhten Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln möglich, da die Bodenbearbeitung eine wichtige Maßnahme zur Unkrautbekämpfung ist. Mindestens ein zusätzlicher Einsatz eines Totalherbizids (z.B. Glyphosat) ist bei Direktsaatverfahren nötig.

Positiv ist hingegen der geringere Verbrauch an Dieselkraftstoff bei pfluglosen Verfahren durch weniger benötigte Zugkraft. Sowohl die Herstellung und der Transport von Pflanzenschutzmitteln als auch der Dieselverbrauch erzeugen Treibhausgase, die in der Bilanz mit zu berücksichtigen sind.

Ohne wendende Bodenbearbeitung mit dem Pflug bleibt der neu gebildete Humus nahe der Bodenoberfläche und wird nicht mehr gleichmäßig in die Ackerkrume eingemischt, wodurch weniger Humus in den unteren Teil der Ackerkrume gelangt. Im gesamten Bodenprofil unterscheiden sich die Humusvorräte deshalb oft kaum zwischen den verschiedenen Bodenbearbeitungsvarianten.

Klimawirksam ist aber nur eine Veränderung des gesamten Humusvorrats. Es ist also fraglich, ob der Verzicht auf den Pflug dem Klimaschutz dient. Die Vorteile der pfluglosen Bodenbearbeitung liegen beim Erosionsschutz und der Einsparung von Arbeitszeit.

Mit Material von Thünen Institut

Kommentare

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...