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Landwirtschaft und Umweltschutz

Phosphat-Belastung: Bauern sind die falschen Adressaten

Fluss und Felder
am Freitag, 25.10.2019 - 16:30 (1 Kommentar)

Die Phosphatbelastung der Gewässer ist ein Problem. Die Hauptschuldigen sind aber nicht die Bauern – sondern Kläranlagen. Das zeigen langjährige Messergebnisse aus Hessen. Getan hat sich seitdem jedoch wenig.

Die Bauern sind für die Hälfte der Phosphatbelastung der Gewässer verantwortlich - sagt das Umweltbundesamt. Doch Messungen in Hessen kommen zu einem anderen Schluss. Diese neuen Erkenntnisse werden aber bisher kaum überregional diskutiert. Und sie haben offenbar auch kaum Auswirkungen auf die Messung in anderen Bundesländern.

Die meisten Länder ermitteln ihre Daten nämlich auf der Grundlage von Modellrechnungen und nicht auf der Basis von exakten Messungen. Das wäre offensichtlich aber nötig, um zu genauen Ergebnissen zu kommen. Scheinbar passen diese neuen Daten aber nicht in das bisherige Bild von den Bauern als „Umweltsünder“.

Im vorigen Herbst hatte zuerst die Stuttgarter Zeitung über die neuen Erkenntnisse berichtet: Danach stammt der Phosphorbelastung der Gewässer in Hessen eben nicht hauptsächlich aus der Landwirtschaft – sondern zum größten Teil aus Kläranlagen.  

Gemessen statt Modellrechnungen

Kläranlage

Herausgefunden hatte das der Wissenschaftler Peter Seel. Er arbeitet beim hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Er beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Phosphoreintrag in Gewässer. Anstelle von Modellrechnungen, wie sie in anderen Bundesländern üblich sind, führte Seel zahlreiche Messungen durch.

Das Ergebnis: Der Phosphor in den Gewässern stammt in Hessen „weit überwiegend“ aus kommunalen Kläranlagen. Dagegen war der Anteil der bisher als Hauptverursacher angesehenen Landwirte „relativ gering“. Nach den seit 2010 in Hessen durchgeführten Messungen stammen etwa zwei Drittel aller Phosphor-Einträge aus Kläranlagen - und nur ein Drittel aus der Landwirtschaft und anderen Quellen.

Zur Senkung der Phosphorbelastung hat Hessen deshalb die technischen Auflagen für seine Kläranlagen verschärft. Und das hat sich bereits ausgezahlt. Die Konzentration in den Gewässern ist „signifikant niedriger“, berichtet ein Ministeriumssprecher. Teilweise seien die Orientierungswerte schon vorzeitig erreicht worden.

Sind die Ergebnisse übertragbar?

Fluss und Felder

Die Ergebnisse des Landesumweltamtes beziehen sich zunächst nur auf Hessen. Doch die hessischen Umweltexperten glauben, dass sich die Messungen wohl auch auf andere deutsche Mittelgebirgsregionen übertragen lassen. Dort sind die landschaftlichen Verhältnisse jedenfalls ähnlich und gut miteinander vergleichbar.

Solche Bundesländer wären etwa Rheinland-Pfalz, das Saarland oder Thüringen. In Teilen von Nordrhein-Westfalen, Sachsen und auch Sachsen-Anhalt gibt es ebenfalls Mittelgebirge mit ähnlichen Bedingungen. Möglicherweise trifft das Problem auch auf Bundesländer ohne größere Gebirgslandschaften zu. Doch um das zu überprüfen, müsste man messen. Und dazu ist man offenbar nicht überall bereit.

Das Umweltministerium in Stuttgart hatte der Stuttgarter Zeitung jedenfalls mitgeteilt, sich die Erkenntnisse aus Hessen „nur begrenzt“ auf Baden-Württemberg übertragen lassen. Danach lassen sich „diffuse Einträge wie aus der Landwirtschaft nur schwer durch Messungen erfassen, ohne Modellrechnungen komme man nicht aus“, heißt es. Unabhängig von den hessischen Befunden wolle man die Einträge aus der Landwirtschaft aber besser erfassen. Erste Ergebnisse sollen Ende 2019 vorliegen.

UBA: Bauern sorgen für 50 Prozent des P-Eintrags

Kläranlage

Das Umweltbundesamt (UBA) geht weiterhin davon aus, dass Kläranlagen und Landwirtschaft gleichermaßen Verursacher von Phosphoreinträgen sind. „Die Bauern tragen etwa zur Hälfte zur Phosphatbelastung in den deutschen Gewässern bei“, ist die Meinung. Volker Mohaupt, UBA-Fachgebietsleiter für die Binnengewässer sagt „Wir haben nie gesagt, dass die Landwirtschaft Haupteinträger von Phosphor ist, sondern das Landwirtschaft und kommunale Kläranlagen etwa gleich groß sind. Und daran ändern die neuen Informationen auch nichts.“

Das die Messungen in Hessen die Bedeutung der Kläranlagen bei der Phosphor-Belastung höher einstufen als die der Landwirtschaft, erklärt das Umweltbundesamt mit der unterschiedlichen „Bioverfügbarkeit“ des Phosphors. Das soll heißen: Chemische Verbindungen, die aus Kläranlagen in die vergleichsweise kleinen Gewässer in Hessen gelangen, lösen sich schneller auf als die Stoffe, die großflächig aus der Landwirtschaft in die Flüsse und Ströme gespült werden.

DBV: Genaue Überprüfung nötig

Dennoch: Sichere Erkenntnisse werden wohl nur regelmäßige Messungen in allen Bundesländern bringen. Modellrechnungen helfen eher nicht weiter. Offenbar ist es nämlich schwierig, die unterschiedlichen Eintragsquellen über Modellrechnungen exakt zu quantifizieren. Deshalb könnte das Ergebnis der Modellrechnungen aus Sicht einiger Experten durchaus auf methodischen Fehlern beruhen.

Auch in den Wasserwirtschaftsbehörden gibt nach den Erkenntnissen der Stuttgarter Zeitung offenbar Vorbehalte hinsichtlich der bisherigen Ursachen und Ergebnisse des Phosphoreintrags. Das betrifft auch die Rolle der Landwirtschaft.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) hatte vor dem Hintergrund der Messergebnisse aus Hessen darauf hingewiesen, dass der Anteil der Kläranlagen bisher „deutlich unterschätzt“ worden sei. DBV-Präsident Joachim Rukwied hatte gesagt: Es zeige sich, „dass reflexartige Schuldzuweisungen bei Verfehlungen von Umweltnormen Richtung Landwirtschaft nicht zielführend sind, sondern einer genauen Überprüfung bedürfen“.

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