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Neuzulassung Glyphosat

So teuer wird es ohne Glyphosat

Michael Schulte, Georg-August-Universität Göttingen
am
19.05.2016

Heute soll entschieden werden, ob die Zulassung des herbiziden Wirkstoffs Glyphosat verlängert wird oder nicht. In der Bunderegierung gibt es aber keine Einigung. Das dlz-agrarmagazin rechnet vor, welche ökonomischen Folgen ein Verbot je nach Betrieb hätte.

Viele Ackerbauern machen sich Sorgen über die weitere Neuzulassung von Glyphosat. Wie die Deutsche Presseagentur dpa mitteilt, rechnet Bundeslandwirtschaftminister Christian Schmidt (CSU) für diesen Donnerstag mit keiner Entscheidung in Brüssel. Sollte es wider Erwarten doch zu einer Abstimmung kommen, "müssten wir uns mangels Einigkeit in der Bundesregierung enthalten", sagte Schmidt am Donnerstag im Deutschlandfunk. Neben einer Kostenerhöhung wären auch zahlreiche ökologische Nachteile zu erwarten.

Ökonomische Bewertung

Bei der öffentlichen Diskussion stehen die vermeintlich negativen toxikologischen Eigenschaften im Vordergrund. Die Bedeutung für die Landwirte wird weitgehend ausgeblendet. Diese Lücke schließt eine Arbeit der Universität Göttingen zur ökonomischen Bewertung von Glyphosat, in der die Anpassungskosten der Landwirtschaft an einen möglichen Verzicht darin aufgezeigt werden. Um betriebsindividuelle und standortbedingte Besonderheiten zu berücksichtigen, wurden die Berechnungen regionsspezifisch für Süd-, Ost-, und Nordwestdeutschland durchgeführt. Folgende Bewirtschaftungsformen wurden untersucht:

  1. Pflugregime: Betriebe, die regelmäßig pflügen und nur teilweise in Mulch säen,
  2. Mulchsaatregime: Betriebe, die den Boden nur konservierend bearbeiten und voll auf den Pflug verzichten.

Da sich die Frage nach der ökonomischen Bedeutung des Wirkstoffs nicht pauschal beantworten lässt, wurden die Anpassungsreaktionen unter verschiedenen Bedingungen simuliert:

  • Günstige Anpassungen liegen auf guten Ackerbaustandorten bei optimaler Witterung und einem geringen Vorkommen resistenter Unkräuter vor.
  • Ungünstige Bedingungen hingegen bestehen auf schwierig zu bearbeitenden Standorten, etwa mit hohem Tongehalt, bei ungünstiger, mehrheitlich feuchter Witterung und einem hohen Anteil an resistenten Unkräutern.

Folgende drei Szenarien zur Anpassung kommen für Pflug- und Mulchsaatbetriebe in Betracht, sofern sie kein Glyphosat mehr einsetzen können:

Betrieb 1: Weiter Pflügen ohne viel Glyphosat

Betriebe, die regelmäßig pflügen, setzen auch heute schon wesentlich weniger Glyphosat ein als Mulchsaatbetriebe. Folglich wären die Umstellungskosten recht überschaubar. Das allgemeine Ertragsniveau der Kulturen wird ohne den Wirkstoff nicht gemindert; jedoch würde der Wegfall der Vorerntebehandlung zu Ertragsrückgängen auf Teilflächen führen. Ferner könnten zusätzliche Trocknungskosten anfallen.

Darüber hinaus ist mit erhöhten Arbeitserledigungs- und Maschinenkosten sowie einem leicht erhöhten Einsatz von selektiv wirkenden Herbiziden zu rechnen. In der Fruchtfolge Raps–Weizen–Gerste entspricht das einem Rückgang der direkt- und arbeitserledigungskostenfreien Leistung (DAL) von 29 bis 32 Euro/ha/Jahr.

Betrieb 2: Nach Mulchsaat nun wendende Bearbeitung

Betriebe, die auf die reine Mulchsaat setzen, nutzen in regelmäßigen Abständen Glyphosat. Eine Option bei einem Glyphosatverzicht wäre die Umstellung auf wendende Bodenbearbeitung. Inwiefern sich das auf das allgemeine Ertragsniveau auswirkt, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Je nach Standort und Frucht können sowohl die Mulchsaat als auch die wendende Bodenbearbeitung vorteilhafter sein. Tendenziell liegt bei intensiver Bodenbearbeitung, sprich mit Pflug, etwa bei Raps nach Winterweizen ohne Strohabfuhr, eine höhere Ertragssicherheit vor.

Der Wegfall der Vorerntebehandlung würde auch hier teilflächenspezifisch zu Ertragsrückgängen und zusätzlichen Trocknungskosten führen. Zusätzlich wären die Betriebe durch deutlich höhere Personal- und Maschinenkosten betroffen. Neben der Grundbodenbearbeitung mit dem Pflug könnten bei starker Klutenbildung auch andere Bearbeitungsgeräte nötig sein, etwa Walze oder Kreiselegge.

Besonders der erhöhte Zeitbedarf in Arbeitsspitzen kann einzelbetrieblich für hohe Kosten sorgen, da unter Umständen weiteres Personal rekrutiert oder zusätzliche Maschinen angeschafft werden müssen. Der Rückgang der DAL würde in der Fruchtfolge Raps–Weizen–Gerste ungefähr 56 bis 89 Euro/ha im Jahr betragen.Sollte die Intensivierung der Bodenbearbeitung jedoch zu einem Ertragszuwachs oder geringeren Aufwendungen für andere Pflanzenschutzmittel, etwa Fungizide oder Schneckenkorn, führen, könnten die Mehrkosten zumindest teilweise kompensiert werden.

Betrieb 3: Sät weiter in Mulch

Das Beibehalten der Mulchsaat ohne Glyphosat ist für die Betriebe schwierig. Das allgemeine Ertragsniveau wird unter Optimalbedingungen zwar nur geringfügig beeinflusst, unter ungünstigen Bedingungen hingegen ist bei Winterungen ein Rückgang von bis zu 5 Prozent anzunehmen, bei Mais und Zuckerrüben sogar von etwa bis zu 10 Prozent.

Das ist auf den verstärkten Unkrautbesatz sowie die höhere Wasserverdunstung durch intensivere Bodenbearbeitung im Frühjahr zurückzuführen. Der Wegfall der Vorerntebehandlung wirkt sich genauso wie in den Betrieben 1 und 2 in Form von teilflächenspezifisch zu erwartenden Ertragsrückgängen und zusätzlichen Trocknungskosten aus. Die zusätzliche Bodenbearbeitung würde in ein bis zwei Bearbeitungsgängen erfolgen. Analog zu Betrieb 2 mit Rückkehr zum Pflug würde auch das zu erhöhten Maschinen- und Arbeitserledigungskosten führen. Zusätzlich führte der Wegfall von Glyphosat zu einem deutlichen Kostenanstieg für selektivwirkende Herbizide von etwa 8 bis 40 Euro/ha.

Nicht abfrierende Zwischenfrüchte würde der Mulcher beseitigen. In der Fruchtfolge Raps-Weizen-Gerste wird erkennbar, dass der Rückgang der DAL unter optimalen Bedingungen zwar geringer ist als bei der Umstellung auf die wendende Bodenbearbeitung mit 43 bis 61 Euro/ha im Jahr. Bei ungünstigen Bedingungen ist aber mit einem Rückgang der DAL um etwa 107 bis 191 Euro/ha zu rechnen.

Ökonomisches Fazit:

Die Ergebnisse zeigen, dass die Politik im Hinblick auf die Neuzulassung gefordert ist, auf der Grundlage belastbarer ­wissenschaftlicher Erkenntnisse eine Ent­scheidung zu fällen. Die liegt im Spannungsfeld verschiedener Ziele, etwa dem Erosionsschutz und einem verminderten Einsatz von Glyphosat. Sollte die Unbedenklichkeit des Wirkstoffs bescheinigt werden, würden zahl­reiche Argumente gegen ein vollständiges Verbot sprechen. Für den Fall einer Neuzulassung könnten im Anschluss Anwendungsbestimmungen auf nationaler Ebene definiert werden, die den Einsatz des Wirkstoffs auf das nötige Maß reduzieren.

Ein Dossier mit umfangreichen Artikeln zum Thema Glyphosat im dlz agrarmagazin Mai 2016 erschienen.

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