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Alternative Wirtschaftsformen

Solidarische Landwirtschaft: Das Paradies für Bauern und Verbraucher?

Gemüseernte.
am Freitag, 24.09.2021 - 13:42 (1 Kommentar)

Hört sich gut an. Ein bisschen wie Sozialismus. Aber was steckt genau dahinter? Können die Bauern, die sich dafür entschiedene haben, gut davon leben?

Gemüse.

Ein bisschen ist es wie beim Fußball: Nur wenige haben  wirklich Ahnung , aber alle reden mit. Was also ist nun solidarische Landwirtschaft – neudeutsch: SoLaWi? Gesa Maschkowski von der Uni Bonn und zwei andere Wissenschaftler haben sich von einiger Zeit intensiver mit allen Fragen zur SoLaWi beschäftigt. Sie sagen: „Bei diesem Modell übernimmt eine Verbrauchergemeinschaft für ein Wirtschaftsjahr die Betriebskosten und teilt sich die Ernte. Den Landwirten bietet das Modell Einkommens- und Planungssicherheit und einen direkten Bezug zu ihren Kunden.“

Der große Vorteil für die Bauern ist: Egal wie der Markt und die Markpreise sich entwickeln – man kann immer mit dem gleichen Erlös rechnen. Im Gegenzug erhalten die Verbraucher einen festen Anteil an der Ernte.

Und wie viele Landwirte hat das Konzept bisher überzeugt? Offenbar sprechen mehr Menschen über diese Wirtschaftsform als am Ende wirklich mitmachen. Denn: Die Zahl der solidarisch wirtschaftenden Bauern ist klein. Auch wenn die Zuwachsraten hoch sind. Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft weist für das Jahr 2009 erst 11 Betriebe aus, im Jahr 2017 waren 147 Höfe dabei und 2020 machten 308  Landwirte mit.

Das hört sich ziemlich dynamisch an. Doch von den 2020 insgesamt gezählten landwirtschaftlichen Betrieben von 263.5000 sind es nur 0,1 Prozent. Hinzu kommt, dass ein Teil der Mitglieder – mehr oder weniger enttäuscht von der Realität – wieder aussteigt, haben jedenfalls die Wissenschaftler herausgefunden. Sie sagen: Die Begeisterung für SoLawi schlägt in solchen Fällen in Enttäuschung um, in denen die Umsetzung im Alltag zu kompliziert und aufwendig ist. Doch die meisten Verbraucher und auch Landwirte bleiben dabei. Letztere sind offenbar oft Biobauern.

Alle müssen mitmachen und sich engagieren

SoLaWi.

Um den Dingen auf den Grund zu gehen, haben die Wissenschaftler eine Befragung unter Mitgliedern der Solidarischen Landwirtschaft durchgegführt. Auffallend ist zunächst das überdurchschnittlich hohe Bildungsniveau der Mitglieder, von denen 90 % mindestens Abitur haben. Gleichzeitig sind Einkommen und auch die Altersgruppen breit gestreut.  Austritte aus der SoLaWi erfolgen überwiegend im ersten Jahr der Mitgliedschaft. Dabei haben die Verbrauchern offenbar mit den saisonalen Angebotsschwankungen Probleme.

Nach Aussagen der Wissenschaftler um Gesa Maschkowski haben die Verbraucher vor allem Schwierigkeiten „mit Ernteschwemmen oder fühlen sich durch das stark saisonale Angebot eingeschränkt“. In einigen SoLaWi-Betrieben gab es auch Kritik an der Logistik und Verteilung, an der Kommunikation oder auch an der internen Organisationsstruktur.

Dennoch: Die meisten Teilnehmer sind offenbar zufrieden: Man muss halt selber anpacken“, sagt Peter Ostenrieder, Hofkoordinator einer fränkischen SoLaWi gegenüber der bayerischen Staatszeitung. In Mittelfranken muss beispielsweise jeder „Ernteteiler“ auch den sogenannten Depotdienst machen. Auch bei der jährlichen Festlegung der Preise sollte man möglichst mit dabei sein. „Schmierstoffe oder auch die Versicherung des Bauern, alles ist drin in der Kalkulation. Die Summe wird durch 12 Monate und die Abnehmer geteilt, so ist der Bauer finanziert“, sagt Ostenrieder. Diesmal beträgt die Monatssumme 83 Euro für jeweils wöchentliche Lieferungen.

Ostenrieder bringt sich als Hofkoordinator ehrenamtlich ein. Das bedeutet: Er ist mit verantwortlich, dass alle Ernteteiler die ihnen zustehende Menge bekommen. Geliefert wird offiziell ab Hof. So steht es im Vertrag zwischen dem Lieferanten und den Kunden. Doch die Leute brauchen nicht jede Woche auf den Hof zu fahren: In mehreren Depots können sie die ihnen zustehenden Lebensmittel abholen.

Jeder zahlt, was er kann – der Bauer bekommt sein Geld

SoLaWi.

In anderen SoLaWis läuft es ähnlich. Wer mitmacht, entscheidet selbst, wie viel er oder sie im Monat zahlen kann und will. „Ich zahle etwas mehr, damit alle daran teilhaben können, auch die, die es finanziell nicht können. Das ist halt das Solidarische“, sagt Monika Sass, eine Verbraucherin, gegenüber dem NDR. "

Der dort vorgestellte Hof von Dennis Wachholz versorgt 200 Haushalte mit Bio-Gemüse. Die Kunden, die hier Anteilseigner heißen, kaufen sich jedoch nicht etwa in den landwirtschaftlichen Betrieb ein. Auch sie leisten ihren monatlichen Beitrag. Sie binden sich damit ebenfalls für ein ganzes Jahr. Biobauer Dennis Wachholz sagt dem NDR: „Manche zahlen mehr, manche weniger, Hauptsache, die monatlichen Kosten werden gedeckt. So wird unter den Mitgliedern ein finanzieller Ausgleich erreicht.

Konkret heißt das: Einer gibt mehr, und der andere weniger. Vieles läuft bei der Solidarischen Landwirtschaft offenbar auf Vertrauensbasis. Nicht nur, wie viel jeder zahlt. Auch, wie viel Gemüse die Anteilseigner wirklich abholen. Kontrolliert wird das nicht.

Aus einer Studie der Wissenschaftlerin Annette Piorr vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg geht außerdem hervor, dass Menschen, die bei der Solidarischen Landwirtschaft mitmachen, weniger Essen wegschmeißen. Sie wertschätzen Lebensmittel mehr und sicher auch den Beruf des Landwirts, denn sie wissen, wie viel Arbeit es macht, Gemüse anzubauen oder Kühe zu halten.

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