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Fleischkonsum und Tierhaltung

Studie: Weniger Fleisch, weniger Tiere, weniger Bauern

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am Freitag, 30.10.2020 - 11:31 (4 Kommentare)

Was würde passieren, wenn man den Fleischkonsum senkt? Die Folgen für die Tierhaltung wären dramatisch. Das zeigt eine Untersuchung des Thünen-Instituts.

schweine.

Umweltverbände machen die Landwirtschaft – insbesondere die Tierhaltung ­– für zahlreiche Umweltschäden verantwortlich. Deshalb wird in Deutschland und Europa über eine deutliche Reduzierung des Fleischverbrauchs diskutiert. Doch die damit verbunden Fragen und Probleme sind sehr komplex - und haben große Auswirkungen.

Das Thünen-Institut weist in einer Untersuchung daraufhin, dass wenig Einigkeit darüber besteht, welche Maßnahmen sinnvoll sind, um den Fleischkonsum und die davon ausgehenden Umwelt- und Klimawirkungen zu reduzieren. Vor dem Hintergrund dieser Diskussion haben die Thünen-Wissenschaftler ein Szenario zu den Auswirkungen einer EU-weiten Verringerung „des Überkonsums von Fleisch“ um 20 Prozent bis zum Jahr 2030 entworfen.

Eine Folge wäre: Die Verbraucher-Nachfrage nach Fleisch in Deutschland, würde in Abhängigkeit von der Fleischart bis zu 14,1 Prozent sinken. Gleichzeitig würde der sich daraus ergebende Nachfrageschock starke Preis- und Mengeneffekte im Fleischsektor auslösen, schreiben die Thünen-Wissenschaftler.

Ganz besonders schlimm betroffen wäre offenbar die spezialisierte Schweinehaltung (Veredlung). Dagegen würden die Effekte in anderen landwirtschaftlichen Sektoren vergleichsweise begrenzt ausfallen, glauben die Thünen-Forscher.

Nachfrageschock sorgt für Preisrutsch und Höfesterben

Eine unmittelbare Folge deutlich reduzierten Konsums wären starke Preis- und Mengeneffekte im Fleischsektor. So würden die Erzeugerpreise für Fleisch im Jahr 2030 in Deutschland nach den Berechnungen der Thünen-Wissenschaftler durchschnittlich um 9 Prozent unter das Niveau in der Baseline-Projektion fallen.

Infolge des scharfen Preisrückgangs würde die deutsche Fleischerzeugung um etwa 10 Prozent zurückgehen und damit weniger stark als die Nachfrage. Der Grund: Nicht mehr in der EU abgesetzte Mengen Fleisch können zum Teil in Drittländer exportiert werden. Mit Blick auf landwirtschaftliche Einkommen trifft der Rückgang der Fleischpreise die schweinehaltenden Betriebe ganz besonders hart, schreiben die Wissenschaftler.

Die sich aus dem Szenario ergebenden sehr hohen Einkommensrückgänge lassen eine Produktionsanpassung mit starkem Strukturwandel und einem deutlichen Anstieg der Betriebsaufgaben erwarten, heißt es weiter. – Andere nennen diese Entwicklung auch Höfesterben.

Es würde auch weniger Futter gebraucht – vor allem Importware

Rindrhaltung.

Darüber hinaus führt die Reduzierung des Fleischkonsums auch zu einem Rückgang der Erzeugerpreise für Futtermittel wie Futter-Getreide und Ölschrote. So sinken die Produzentenpreise für Ölschrote in der EU und in Deutschland um 2,6 Prozent und für Getreide um 1,4 Prozent.

Die Erzeugerpreise für Gemüse und Dauerkulturen, die als Substitutionsprodukte für Fleisch verstärkt nachgefragt werden, erhöhen sich in der EU um 3,2 Prozent und in Deutschland um 3,4 Prozent. Bei den Ölsaaten wirken zudem zwei gegenläufige Faktoren auf die Produktion ein. Einerseits werden zwar mehr Leguminosen von den Verbrauchern zur Ernährung nachgefragt, andererseits werden weniger Ölsaaten (insbesondere Soja) für die Tierfütterung benötigt.

Bei den verarbeiteten Futtermitteln wird als Konsequenz der geringeren Fleischproduktion ein recht deutlicher Rückgang erwartet. Da sich diese zum Großteil aus importierten Sojabohnen und Sojaextraktionsschrot zusammensetzen, spiegeln sich diese Rückgänge aber nicht in der inländischen Produktion wider, sondern in geringeren Ölsaatenimporten, schreiben die Wissenschaftler.

Strukturbruch in der Schweinhaltung

Gewinnermittelung.

Zu guter Letzt haben die Wissenschaftler die Folgen der sehr viel niedrigeren Erzeugerpreise für das landwirtschaftliche Einkommen der verschiedene Betriebstypen in Deutschland ermittelt. Im Schnitt gehen die Einkommen in den landwirtschaftlichen Betrieben durch die Senkung des Fleischkonsums danach um 7 Prozent zurück.

Allerdings sind die Unterschiede zwischen den Betriebsformen ziemlich groß. In Ackerbaubetrieben können die leichten Preisrückgänge bei Getreide durch eine im Vergleich zu den meisten anderen Betriebsformen verbesserte Wettbewerbsposition auf dem Pachtmarkt kompensiert werden, heißt es seitens der Wissenschaftler. Der Grund: die Pachtpreise gehen geringfügig zurück, sodass die Einkommen stabil bleiben.

Bei den Milchbauern würden die Einkommen um etwa 6 Prozent fallen. In den Veredlungsbetrieben ist der Einbruch jedoch am schlimmsten: Hier waren die Margen schon in der Baseline-Projektion (ohne die Reduktion des Fleischverbrauchs) sehr schlecht.

Die im aktuellen Szenario nochmals um 10 Prozent niedrigeren Erzeugerpreise für Schweinefleisch, verursachen danach weitere drastische Einkommensverluste: Im Schnitt sind es 37 Prozent. Die Einkommen in den Veredlungsbetrieben würden damit weit unterhalb des Einkommensniveaus der meisten anderen Betriebsformen liegen.

Einkommensverluste: Am schlimmsten wäre es im Nordwesten

Futterbau.

Allerdings stellen die Forscher auch große regionale Unterschiede in der Betroffenheit fest: Während sich nämlich für die sonstigen Futterbaubetriebe in den nordwestlichen Bundesländern aufgrund ihrer Spezialisierung auf Rindermast mit vergleichsweise hohen Besatzdichten Einkommensrückgänge von 22 Prozent ergeben, fallen die relativen Verluste in den in den östlichen Bundesländern mit erheblich geringeren Besatzdichten weitaus geringer aus, schreiben die Thünen-Wissenschaftler.

Bei den Veredlungsbetrieben sind die stark spezialisierten Betriebe in den nordwestlichen Ländern stark überdurchschnittlich betroffen. Die für diese Szenario von den Forschern ausgewiesenen Einkommensrückgänge bei den Schweinehaltern im Nordwesten von 55 Prozent lassen „eine Produktionsanpassung verbunden mit starkem Strukturwandel und einem deutlichen Anstieg der Betriebsaufgaben erwarten“, stellen die Thünen-Wissenschafter fest.

Die reduzierte Fleischnachfrage in der EU und der daraus resultierende Rückgang der Tierhaltung gehen die THG-Emissionen in Deutschland um zwei Prozent zurück, hat das Thünen-Institut ausgerechnet. Das hört sich nicht gerade viel an, für den hohen Preis, den man dafür bei den landwirtschaftlichen Betriebsaufgaben zahlen muss.

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