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Interview

Darum verlangt Tönnies für Tierwohl-Schweine einen Liefervertrag

Schweine im Wartestall
am Sonntag, 02.05.2021 - 06:30 (Jetzt kommentieren)

Den Tierwohl-Bonus der Initiative Tierwohl (ITW) erhalten Schweinemäster, die an den Schlachtkonzern Tönnies liefern, künftig nur dann sicher, wenn sie einen Jahresvertrag schließen. Warum der Marktführer die Vertragsbindung fordert und was das für die Schweinehalter bedeutet, haben wir Dr. Robert Elmerhaus gefragt. Er leitet den Lebendeinkauf von Schweinen bei der Tönnies Holding.

agrarheute hat bei Dr. Robert Elmerhaus, dem Leiter des Lebensvieheinkaufs Schwein der Tönnies Holding, nachgefragt, warum der Marktführer Tönnies eine Vertragsbindung fordert und welche Auswirkungen das für Schweinehalter hat. 

Erfahren Sie außerdem auf agrarheute, was sich beim Tierwohl-Bonus der Initiative Tierwohl für Schweinehalter ändert.

Tönnies und der ITW-Bonus: Warum diese Vertragsbindung?

Dr. Robert Elmerhaus, Tönnies Holding

Ab dem 1. Juli 2021 ist ein Liefervertrag Voraussetzung dafür, dass ein Schweinemäster von Tönnies den ITW-Bonus von 5,28 Euro pro Tier erhält. Warum diese Vertragsbindung?

Zu diesem Stichtag wird der ITW-Bonus vom bisherigen Fonds- auf das Marktmodell umgestellt. Das bedeutet, die Schlachtunternehmen zahlen den Bonus direkt an den Tierhalter. Gleichzeitig wird für ITW-Schweinefleisch die Nämlichkeit eingeführt. Jedes einzelne Stück Tierwohl-Fleisch muss dann innerhalb der Kette eindeutig zu identifizieren sein. Das stellt deutlich höhere Anforderungen an die Planbarkeit vom Einkauf bis zum Vertrieb. Die notwendige Planungssicherheit ist nur durch vertragliche Vereinbarungen zu erreichen.

Wie lange muss sich der Schweinemäster in der Liefer- und Abnahmevereinbarung verpflichten, an Tönnies zu liefern?

Die Vereinbarungen sind Jahresverträge mit 3-monatiger Kündigungsfrist zum Ende der Laufzeit. Sollte nicht gekündigt werden, verlängert sich die Vereinbarung fortlaufend. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass Lieferverträge für viele Schweinehalter nicht ganz neu sind. Wir haben im November 2019 die Partnervereinbarung eingeführt. Rund zwei Drittel der Schweine, die Tönnies schlachtet, werden schon jetzt im Rahmen einer Vereinbarung angeliefert.

Wie werden die bestehenden Verträge auf das ITW-Marktmodell umgestellt?

Wenn der Landwirt das wünscht, wird die bestehende Partnervereinbarung um einen entsprechenden Anhang ergänzt.

Vertragsbindung: Was passiert, wenn der Landwirt nicht liefern kann?

Sieht der Vertrag künftig eine Ausschließlichkeit vor, oder darf der Landwirt gleichzeitig an andere Unternehmen liefern?

Die Vereinbarungen basieren auf den VVVO-Nummern der Lieferbetriebe. Der Landwirt gibt an, wie viele Schweine pro Jahr mit welchen Lieferrhythmus über welchen Betrieb zu uns geliefert werden. Eine Ausschließlichkeit gibt es nicht. Sollte der Wunsch bestehen, an verschiedene Unternehmen zu liefern, raten wir den Lieferbetrieben – soweit möglich – die Stückzahlen nach Betriebsnummern aufzuteilen.

Was passiert, wenn der Landwirt die vereinbarte Tierzahl nicht liefern kann?

Die Schweinehalter wissen in der Regel ziemlich genau, wie viele Tiere sie pro Jahr erzeugen. Läuft einmal nicht alles nach Plan, sieht unsere Vereinbarung eine Toleranz von ± 5 Prozent vor. Davon ausgenommen sind gravierende Vorkommnisse wie ein Stallbrand oder Seuchen. Dann entfällt die Lieferpflicht.

Aber im Regelfall gilt eine Andienungspflicht?

Einer der Vorteile der Vereinbarung für den Landwirt ist, dass er eine Abnahmegarantie für die vereinbarte Tierzahl erhält. Diese Garantie haben wir auch in der Corona-Krise durchgehalten. Nur vereinzelt mussten Lieferungen um ein paar Tage geschoben werden. Die Schweine der Vertragspartner werden aber immer bevorzugt abgeholt. Im Umkehrschluss erwarten wir, dass die avisierten Stückzahlen auch geliefert werden.

Abgerechnet wird nach der VEZG-Notierung

Wie werden die Schweine abgerechnet?

Basis ist immer die wöchentliche Preisempfehlung der VEZG. Der Landwirt hat die Wahl zwischen drei Modellen. Entweder es gilt die VEZG-Notierung für Donnerstag bis Mittwoch für Lieferungen in diesem Zeitraum oder der am Mittwoch festgelegte VEZG-Preis gilt für Lieferungen von Montag bis Samstag. Beim dritten Modell wird ein gleitender Dreiwochen-Durchschnitt der VEZG-Notierung angewandt. Hauspreise gelten für Vertragspartner nicht.

Gibt es einen Treuebonus?

Wer die vereinbarte Stückzahl liefert, erhält am Jahresende einen Aufschlag pro Tier. Den Bonus erhalten unsere Partnerbetriebe schon jetzt.

Wie hoch ist der Aufschlag?

Die Treueprämie beträgt 50 Cent pro Schlachtschwein. Sie wird am Jahresende ausgezahlt und ist vertraglich festgelegt.

Hat der Vertragslandwirt weitere Vorteile?

Für Vertragspartner gilt ein verkürztes Zahlungsziel von fünf Tagen. Außerdem erhalten sie Zugriff auf das Tönnies-Agrarportal. Darin können sie ihre Lieferung verfolgen. Sie finden darin die Wiegeliste, eine Analyse der Schlachtdaten einschließlich einer Benchmark sowie aktuelle Marktberichte und weitere Informationen.

Was ist, wenn ich als Mäster keine vertragliche Bindung wünsche?

Eine freie Vermarktung ist nach wie vor möglich. Hier bieten wir jedem Mäster ein attraktives Angebot mit sehr schnellem Zahlungsziel und weiteren Serviceleistungen. Allerdings haben die Mäster dann keine Garantie auf den ITW Bonus, sollten die Tiere nicht vermarktet werden können.

Wie viele ITW-Schweine braucht Tönnies?

Das können wir gegenwärtig nur schwer einschätzen. Der Markt ist im Umbruch. Der Lebensmitteleinzelhandel bekennt sich zur ITW und will die Produkte entsprechend vermarkten. Das stimmt uns zuversichtlich. Aber wir müssen uns vorantasten. Aktuell melden sich viele Mäster und bieten ITW-Schweine an. Das ist positiv. Die Herausforderung für alle Schlachtunternehmen wird sein, Angebot und Nachfrage in ein Gleichgewicht zu bringen. Wir gehen daher davon aus, dass vertragliche Vereinbarungen bei der Schweinevermarktung rasch Standard werden.

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