Login

Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Zuckerrüben-Anbau in der Krise

Viele Rüben-Bauern geben den Anbau auf

Rübenbauern steigen aus
am Freitag, 04.09.2020 - 12:30 (Jetzt kommentieren)

Schlechte Preise, das Verbot von Neonikotinoiden und ungleicher Wettbewerb in der EU, zwingen Rübenbauern zum Aufgeben.

Die Zuckerpreise steheh unter Druck.

Rübenbauern und Zuckerfabriken in Deutschland stehen unter Druck. Im Rheinland haben dem dortigen Rübenbauernverband zufolge in diesem Jahr 20 Prozent der Landwirte mit Rübenfeldern den Anbau aufgegeben. „Das zeigt die Dramatik der Situation“, sagte Geschäftsführer Peter Kasten.

Fakt ist: Der Zuckermarkt befindet sich im Umbruch: Seit der Abschaffung der EU-weit festen Zuckerquoten müssen sich Bauern und Zuckerfabriken im internationalen Wettbewerb behaupten. Das sieht man auch an den Zuckerpreisen. Diese sind nach der Marktliberalisierung am europäischen Binnenmarkt auf ein historisches Tief von etwa 312 Euro je Tonne abgestürzt.

Der Preisverfall hat Zuckerfabriken und Rübenbauern in schlimme wirtschaftliche Not gebracht. Das Resultat: Viele Rübenbauern steigen aus dem Anbau aus und Zuckerfabriken werden geschlossen – weil sich sie sich nicht mehr rentieren: Das zeigt auch das jüngste Beispiel im österreichischen Leopoldsdorf. Und wohin sollen die Bauern liefern, wenn die Fabrik nicht mehr da ist.

Unfairer Wettbewerb in der EU

Die Rübenernte bgeinnt bald.

„Worunter wir leiden, ist, dass wir mit erheblichen Wettbewerbsverzerrungen in Europa zu kämpfen haben“, sagt Peter Kasten. In etlichen Ländern erhalten Landwirte für den Rübenanbau nämlich Subventionen in Form von Prämien pro Hektar. Nach Angaben der Bauern-Kampagne #WirsindZucker werden in der Europäischen Union 30 Prozent der Zuckerrüben-Anbaufläche auf diese Weise subventioniert, in Deutschland jedoch nicht. „Diese Verzerrungen können wir nicht ausgleichen“, sagt Hermann Schmitz, Geschäftsleiter beim Kölner Zuckerkonzern Pfeifer und Langen.

„In den Ländern, in denen keine Prämien gezahlt werden, sind die Anbauflächen rückläufig.“ Der Niedergang macht sich auch bei Zuckerfabriken bemerkbar: Pfeifer und Langen hat etwa 2016 Stellen abgebaut und einen Standort in Rumänien geschlossen, außerdem wurde der Verpackungsstandort in Elsdorf im Rheinland verkleinert. 

Auch bei den beiden börsennotierten Unternehmen Nordzucker und Südzucker ist die Lage schwierig: Beim Markführer Südzucker wurden in den vergangenen Jahren ebenfalls Hunderte von Stellen abgebaut und Kapazitäten reduziert. Nordzucker wies für das vergangene Geschäftsjahr einen Millionenverlust aus.

Rüben leiden unter Blattläusen und Virosen

Schwarze Bohnenblattläuse auf Zuckerrübenblatt

Die Subventionen sind nicht die einzige Herausforderung, der sich die Branche in den vergangenen Jahren stellen musste: 2018 belastete der Dürresommer die Rübenbauern erheblich, obwohl die Zuckerrübe eigentlich als sehr robust gilt. Zudem dürfen die Landwirte in Deutschland weniger Pflanzenschutzmittel verwenden als ihrer Kollegen in anderen Staaten. Die eigentlich EU-weit verbotenen Neonikotinoide sind in zahlreichen Staaten per Notfallzulassung erlaubt, was den Wettbewerb zwischen den Ländern und Zuckerfabriken in der EU enorm verzerrt.

Deutschland fährt hier jedoch einen harten Kurs und lehnt Notfallzulassungen ab. Hierzulande litten die Rübenbestände deshalb extrem unter Läusebefall und den von Blattläusen übertragenen Virosen. Helmut Bleckwenn von der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ) hält das generelle Verbot dieser Wirkstoffe nicht für gerechtfertigt, denn die von Neonikotinoiden ausgehenden Gefahren für Nützlinge seien im Rübenanbau äußerst gering. Das Verbot hatte nach seiner Überzeugung deshalb eher „politische Gründe“ als fachliche.

Damit seien für deutsche Bauern wegen der zusätzlichen Flächenspritzungen erhebliche Mehrkosten bei gleichzeitig steigendem Ertragsrisiko verbunden, was den ausländischen Kollegen spürbare Wettbewerbsvorteile verschaffe. Es sei daher zu befürchten, dass hierzulande viele Landwirte frustriert aus dem Zuckerrübenanbau aussteigen würden und Zuckerfabriken mangels Rohstoff schließen müssten, sagt Bleckwenn.

Vom Weltmarkt kommt neuer Preisdruck

Brasilien erntet reichlich Zuckerrohr.

Bei den europäischen Zuckerpreisen konnten sich Zuckerfabriken und Rübenbauern zuletzt über eine leichte Erholung der Preise freuen „Wir sind noch nicht auf einem Niveau, wo es wirklich wirtschaftlich ist. Aber die Richtung stimmt“, meint Bauernvertreter Kasten. Während die europäischen Zuckerpreise nach der Marktliberalisierung bis auf den historischen Tiefstand von 312 Euro je Tonne abgestürzt waren bewegten sich die Preise am Binnenmarkt zuletzt wieder bei knapp 380 Euro.

Das ist allerdings immer noch weniger als das ehemalige Interventionsniveau von 404 Euro je Tonne (jetzt der Referenzpreis) und erst recht deutlich weniger als vor der Krise – als die Zuckerpreise am Binnenmarkt noch zwischen 500 und 700 Euro je Tonnen lagen. Am europäischen Terminmarkt in London ist die jüngste Preiserholung allerdings schon wieder Geschichte. Dort sind die Weißzuckerpreise von 385 USD je Tonne (325 Euro) Mitte August bis auf derzeit 354 USD je Tonne (299 Euro) abgestürzt.

Hintergrund ist offenbar eine deutliche Korrektur der im aktuellen Wirtschaftsjahr 2020/21 erwarteten brasilianischen Zuckerproduktion nach oben durch das Landwirtschaftsamt CONAB. Die Brasilianer erhöhten ihre Prognose für die brasilianische Zuckerproduktion 2020-21 um 11 Prozent auf 39,3 Millionen Tonnen, verglichen mit der Schätzung im Mai von 35,3 Millionen Tonnen und der Produktion von 29,8 Millionen Tonnen im vorigen Wirtschaftsjahr.

Mit Material von DPA

Kommentare

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...