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Tierhaltung und Klimaziele

Was wäre, wenn die Bauern 50 Prozent weniger Tiere halten? Die Fakten.

Weidehaltung.
am Dienstag, 15.06.2021 - 10:28 (5 Kommentare)

Immer stärker müssen die Landwirte ihre Produktion an Umweltauflagen und Klimazielen ausrichten. Die Konsequenz: Die Bauern müssen Tiere abschaffen. Das hätte gravierende Folgen für die Einkommen und die Betriebsstrukturen.

Rinderbesatz.

Egal ob es um das neue Klimagesetz geht, die steigenden CO2-Preise oder die Düngeverordnung – für die Bauern sind die Folgen immer die Gleichen: Steigende Kosten und sinkende Einkommen. Das setzt den Betrieben massiv zu und führt dazu, dass immer mehr Höfe in wirtschaftliche Not geraten. Sie sind entweder auf nichtlandwirtschaftliche Nebeneinkünfte angewiesen – wie eine aktuelle Erhebung von Destatis zeigt – oder sie steigen komplett aus.

Ganz besonders betroffen sind die Tierhalter und hier vor allem die kleinen Betriebe. Fakt ist aber auch: Die Tierhaltung steuerte in Deutschland im Jahr 2020 reichlich 60 Prozent zu den Verkaufserlösen der Bauern bei – dabei kam allein ein Viertel der Erlöse aus der Milch und knapp 20 Prozent aus der Schweinehaltung. Eine Reduzierung dieser Einnahmen dürfte durch nichts zu kompensieren sein – und einen drastischen Strukturbruch auslösen. Dieser trifft dann erneut vor allem die kleinen Höfe – die nicht mehr in neue Technologien investieren können.

Das neue im Mai beschlossen Klimagesetz hat die Vorgaben der Landwirtschaft zur Reduzierung der Emissionen noch einmal verschärft. Ausgehend von einem Niveau von 66,4 Millionen Tonnen CO2-Äqivalent im Jahr 2020, müssen die Emissionen nach den derzeitigen Vorstellungen bis 2030 auf 54 Millionen Tonnen runter. Bis 2040 soll die Landwirtschaft dann nur noch 40 Millionen Tonnen THG ausstoßen.

Beide Ziele sind eigentlich nur durch eine drastische Reduzierung der Tierbestände zu erreichen. Derzeit stammen immerhin 35 Millionen Tonnen THG (hauptsächlich Methan) unmittelbar aus der Verdauung der Tiere (Rinder) und weitere 13 Millionen Tonnen entstehen durch Wirtschaftsdünger aus der Tierhaltung. Zusammen kommen damit direkt und indirekt 45 Millionen oder reichlich zwei Drittel aller landwirtschaftlichen Emissionen von Tieren – Stand 2020.

Die Hälfte der Tiere müsste weg – bis 2040

schweinebestand.

In den letzten 10 Jahren – also von 2010 bis 2020 – sind die landwirtschaftlichen Emissionen gerade einmal um 3 Millionen Tonnen gesunken – in den letzten 20 Jahren betrug der Rückgang immerhin 6 Millionen Tonnen. Jedoch sind diese Werte meilenweit entfernt von dem für 2030 geforderten Rückgang von 12 Millionen Tonnen und dem für 2040 ausgegebenen Reduktionsziel von 26 Millionen Tonnen THG (ausgehend von 2020).

Der erste Wert entspricht reichlich einem Viertel der mit Tieren und Wirtschaftsdünger in Verbindung stehenden Emissionen. Das Emissionsziel von 2040 würde sogar eine Reduktion der derzeitigen tierbezogenen Emissionen von fast 60 Prozent bedeuten – also ganz grob übersetzt: Abbau der Tierbestände zunächst um ein Viertel und bis 2040 um mehr als die Hälfte – vorausgesetzt man spart nicht noch irgendwo anders in der Landwirtschaft sehr, sehr viel THG ein. Das diese Vorgaben auf die Tierbestände übertragen, realistisch oder einigermaßen umsetzbar sind, ohne dass einen scharfen Strukturbruch gibt, ist jedenfalls kaum vorstellbar.

Das zeigen auch die Zahlen der letzten Jahre: Die Tierbestände haben nämlich bei weitem nicht so schnell abgenommen wie die Zahl der Höfe und Tierhalter. Eher im Gegenteil: In Deutschland sind die Rinderbestände in den letzten 10 Jahren um etwa 10 Prozent zurückgegangen. Die Zahl der in Deutschland gehaltenen Schweine blieb im gleichen Zeitraum fast stabil. Insgesamt hat sich der Viehbesatz bezogen auf die landwirtschaftliche Nutzfläche in den letzten 10 Jahren von etwa 79 GVE auf 75 GVE je 100 ha LF verringert. Ein Rückgang von gerade einmal 5 Prozent.

Bis 2030 müsste die GVE-Zahl nach den Zielen des Klimagesetzes jedoch auf gut 56 GVE schrumpfen. Für 2040 läge der Zielwert dann etwa bei 45 GVE. Fakt ist auch: Die Unterschiede im Tierbesatz zwischen den Bundesländern sind riesig. Das heißt, eine politisch gewollte Reduzierung der Tierbestände hätte in einigen Bundesländern erheblich stärkere ökomische und strukturelle Auswirkungen als in anderen.

Regionale Unterschiede beim Tierbesatz sind riesig

Viehbesatz.

Am höchsten ist der Tierbesatz in den Veredlungsregionen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Dort wurden für 2020 GVE-Werte von jeweils 119 je Hektar LF ermittelt. Hier wird auch die mit Abstand höchste Wertschöpfung aus der Tierhaltung erwirtschaftet.  Gleichzeitig sind jedoch auch die Kauf- und Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen in beiden Bundesländern am höchsten.

Die Viehdichte ist in diesen beiden Ländern nahezu dreimal so hoch wie in den meisten ostdeutschen Bundesländern mit 34 bis 49 GVE. Dort wurden die Tiere in vielen Betrieben bereits nach der Wende abgeschafft – Das war auch der alleinige Grund für den scharfen Rückgang der THG-Emissionen Anfang der 90 Jahre. In Rheinland-Pfalz und Hessen ist der Viehbesatz mit 39 bis 54 GVE ähnlich niedrig wie im Osten. Beide Länder haben jedoch auch sehr viele kleine Betriebe und Höfe im Nebenerwerb.

Etwas geringere Werte als die Veredlungsregionen im Nordwesten weisen Länder wie Schleswig-Holstein und Bayern mit GVE-Besatzdichten von 97 und 85 auf. Baden-Württemberg kommt auf einen Viehbesatz von 67 GVE.

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