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Drei Leserbriefe

Diskussion zum Ströbel-Interview: Welche Rolle spielt der Ökolandbau?

Biogemüse
am Donnerstag, 26.08.2021 - 05:00 (17 Kommentare)

Ende Juli veröffentlichten wir ein Interview mit Prof. Dr. Herbert Ströbel zum Biolandbau, das noch immer intensiv diskutiert wird und zu dem uns immer noch Leserbriefe erreichen. Lesen Sie im Folgenden drei unterschiedliche Standpunkte zu einem Thema, das die Gemüter in und außerhalb der Landwirtschaft bewegt.

Am 26. Juli 2021 haben wir ein Interview mit dem Agrarökonom Prof. Dr. Herbert Ströbel, ehemaliger Dekan des Fachbereichs Landwirtschaft II der Hochschule Weihenstephan/Triesdorf, veröffentlicht (siehe untenstehender Link). Im Gespräch erklärte er, die Konzentration auf reine Biobewirtschaftung sei in seinen Augen wenig zielführend und stark ideologisch belastet. Zugleich kritisierte er die universitäre Forschung, die sich eher an politischen Forderungen und leichter Finanzierbarkeit als an machbaren Konzepten orientiere.

Zu diesem Interview erreichte uns zunächst ein Leserbrief von Prof. Dr. Jürgen Hess, ehemaliger Fachgebietsleiter Ökologischer Land- und Pflanzenbau an der Universität Kassel-Witzenhausen, den wir hier bereits veröffentlicht hatten. Er bildete die Grundlage für eine weitere Diskussion.

Leserbrief vom 28. Juli 2021 von Prof. Dr. Jürgen Heß

Die Förderung des Biolandbaus muss an seine Leistungen für Umwelt und Gesellschaft geknüpft werden, fordert Prof. Ströbel im Interview. So weit, so gut, leider fehlt der Argumentation im weiteren Verlauf die Tiefenschärfe, zum Teil auch die Faktengrundlage.

Ströbel stellt die Leistungen des Ökolandbaus in Frage, spricht unter anderem von einer erhöhten Nitratauswaschung. Eine aktuelle vom Bundeslandwirtschaftsministerium finanzierten Metastudie, die die wissenschaftliche Literatur der letzten 30 Jahre ausgewertet hat, belegt das Gegenteil. Der Ökolandbau leistet deutlich mehr in Sachen Grundwasserschutz, Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und Klimaanpassung als der konventionelle Landbau. Bezogen auf die Fläche gilt dies auch für den Klimaschutz, wobei sich bei Ertragsbezug die Unterschiede nivellieren.  

Dass der Ökolandbau im Vergleich zum konventionellen nur 50 Prozent der Erträge liefert, ist schlicht falsch. Alle diesbezüglichen Vergleiche hinken infolge schlechter Datengrundlage und mangelnder Vergleichbarkeit, und sie hinken umso mehr, wenn die Ertragssituation der deutschen Intensiv-Landwirtschaft auf die Welt übertragen wird.

Auch ist es nicht zielführend, alle Leistungen auf den Ertrag zu beziehen. Die adäquate Bezugsgröße muss von Fall zu Fall entschieden werden. Um ein Beispiel zu nennen: Für die Wasserwirtschaft ist es nahezu belanglos, ob im Wassereinzugsgebiet 50 oder 90 dt Weizen pro ha geerntet werden. Entscheidend ist vielmehr: Die Wasserwirtschaft will wenig Nitrat und keine Pflanzenschutzmittel im geförderten Rohwasser. Nicht umsonst fördern die Stadtwerke München und Leipzig den Ökolandbau in ihrem Wasserschutzgebiet.

Insgesamt bleibt festzustellen, dass das Interview dem Thema leider nicht gerecht wird. Das ist sehr schade, denn das Thema hätte eine qualifizierte Debatte verdient.

 

Herbert Ströbel hat uns als Antwort auf die Kritik von Jürgen Heß ebenfalls einen Leserbrief zukommen lassen, um seinen Standpunkt noch einmal zu konkretisieren. Auch den möchten wir Ihnen (leicht gekürzt) nicht vorenthalten.

Replik von Prof. Dr. Herbert Ströbel

Prof. Dr. Heß bemängelt in seinem Leserbrief die Faktengrundlage meiner Aussagen und bezieht sich auf eine Metastudie mit dem Titel "Leistungen des ökologischen Landbaus für Umwelt und Gesellschaft". Diese Studie ist meines Erachtens ein gutes Beispiel für die Mängel, die ich in der Beurteilung der ökologischen Landwirtschaft aufführe.

In seinem Leserbrief zweifelt Heß an, dass der Ökolandbau nur 50 Prozent des Ertrags des konventionellen Landbaus bringt. Hierzu führe ich die AMI-Strukturdatenerhebung an, die von 2006 bis 2018 für den Öko-Landbau einen durchschnittlichen Getreideertrag von etwas über drei Tonnen je Hektar ausweist, während der Durchschnittsertrag insgesamt bei sieben Tonnen je Hektar liegt. Wegen des höheren Anteils an Leguminosen und Gründüngungspflanzen im Ökolandbau dürfte, wie auch mehrere streng wissenschaftliche Studien nachweisen, die Ertragsdifferenz bei Fruchtfolgen eher größer als kleiner sein, so dass meine Annahme von 50 Prozent Ertrag möglicherweise sogar großzügig ist.

Dass die Ertragsunterschiede im internationalen Maßstab oft geringer angegeben werden, liegt nach meinen langjährigen Beobachtungen daran, dass häufig der kaum entwickelte Status quo der vorhandenen Anbausysteme mit einer optimalen Form des Ökolandbaus verglichen wird. Ein Potenzialvergleich dürfte ähnliche Differenzen wie in Europa zeigen.

Die Studie bezieht die Umweltwirkungen zudem vorzugsweise auf die Fläche, obwohl doch entscheidend ist, welche Umweltbelastung je Tonne Ertrag entsteht. Schließlich ist die Anbauform vorzuziehen, die die benötigte Menge an Nahrungsmitteln mit der geringsten Umweltbelastung bereitstellt - das heißt mit möglichst geringen Treibhausgas-Emissionen, niedriger Nitratauswaschung und geringer Reduktion der Artenvielfalt je Ertragseinheit und nicht je Flächeneinheit. Dies ist auch für eine globale und möglichst gerechte Ernährungssicherung entscheidend. Dass das nicht für den Sonderfall der Wasserschutzgebiete gilt, wie Heß betont, ist unstrittig, da hier eine andere Zielgröße angelegt wird.

Meine Hauptkritik an der Studie ist jedoch, dass sie die Konsequenzen aus dem erheblich höheren Flächenbedarf von Öko für den gleichen Ertrag völlig ignoriert. Der Ersatz des Ertrags von einem Hektar konventionellem Anbau durch Öko mit Importen z.B. aus Brasilien belastet die Atmosphäre statt mit 2,7 t CO2eq (Kohlendioxid-Äquvalente). beim konventionellen Anbau mit bis zu 12 t CO2eq beim Öko-Landbau, wenn die Emissionen aus Landnutzungsänderung, Transporten und vor allem entgangener CO2-Bindung (Opportunitätsverlust) durch Waldrodung mit einbezogen werden. Selbst bei erheblich niedrigeren Opportunitätsverlusten als bei Waldnutzung ist der Ökolandbau in seiner Klimawirkung weit unterlegen. Übrigens gilt dies auch für die Artenvielfalt und die Kohlenstoffeinlagerung. Auch ich lehne eine hyperintensive Landwirtschaft ab, sehe aber das Potenzial der mit wissenschaftlichen Methoden weiterentwickelten konventionellen Landwirtschaft.  

Wir sollten auf die weitere Ökologisierung der konventionellen Landwirtschaft setzen, die mit 96 Prozent mengenmäßigem Marktanteil ökologische Fortschritte weitaus wirksamer in die Breite tragen könnte als der Ökolandbau.

 

Für mehr Mit- statt Gegeneinander von konventionellem und ökologischen Landbau plädiert in einem dritten Brief Bärbel Brand vom Landhandel Weißenhorn.

Kommentar von Bärbel Brand zu Prof. Ströbel und Prof. Heß

Wir verfolgen als konventioneller Agrarhändler mit Öko-Zertifizierung die Diskussionen um die verschiedenen Bewirtschaftungssysteme sehr aufmerksam. Auf beiden Seiten wird seit Jahren beinahe gebetsmühlenartig aufgezählt, was an der jeweils anderen Einstellung falsch ist, möglicherweise falsch sein könnte oder ganz sicher eigentlich falsch sein müsste. Für den Leser entsteht so nicht selten der Eindruck, als sei die Abgrenzung voneinander, ja sogar das Gegeneinander an sich wichtiger als die objektive Beurteilung des "fremden" Standpunktes. Nötig haben beide Seiten eine solche Taktik sicher nicht. Beide Systeme haben Ihre Berechtigung, allerdings ohne einen Anspruch auf Absolutismus.   

Wir werden – gerade wegen des zunehmenden Flächenverbrauchs durch Industrie- und Baugebiete und/oder Ausgleichsflächen – die Weltbevölkerung weder jetzt noch in Zukunft allein mit ökologischer Landwirtschaft ernähren können. Weniger nutzbare Fläche heißt mehr notwendiger Ertrag pro Fläche. Mehr Ertrag heißt aber sicher nicht weniger Sorgfalt bei der Bewirtschaftung.

Es ist an der Zeit, Gemeinsamkeiten zu finden. Koexistenzen und Symbiosen sind im Tierreich seit langem bekannt und haben sich bewährt. Von gegenseitigen Synergieeffekten profitieren, Vorteile beider Seiten ausbauen und Schwächen ausgleichen – um gemeinsam dem Ziel, einmal die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren, ein Stück näher kommen ... Zukunftsvision?

Wir haben lange nach einem Begriff gesucht, der genau das verbindet, was wir durch unsere tägliche Arbeit in die nächste Generation weitertragen wollen und haben mit konventionellein ebenso einfaches wie ausdrucksstarkes Wort erfunden. Ökonventionell – das ist unser Anspruch. Konventionelle Beratung, seit jeher ökologisch ausgerichtet, ohne einseitig ideologisch zu sein.

 

Soweit die drei Meinungen zum Thema Ausbau des ökologischen Anbaus. Wie stehen Sie zu der Frage, wohin sich die Landwirtschaft in Zukunft bewegen soll? Plädieren Sie für mehr Ökofläche oder halten Sie den konventionellen Landbau mit ökologischen Anpassungen für das zukunftsfähigere Konzept?

Das agrarheute Magazin Die digitale Ausgabe September 2021
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