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Produktion und Förderung

Aufreger der Woche: 'Todbringende Massentierhaltung'?

von , am
21.11.2014

Diese Woche hat die Titelstory der Wochenzeitung "Die Zeit" für Aufregung gesorgt. In dem Bericht über multiresistente Keime (MRSA) werden Ställe als "Brutstätte für resistente Keime" bezeichnet. Die Agrarbranche fühlt sich an den Pranger gestellt.

Schlecht recherchiert: Die Zeit-Titelstory "Rache aus dem Stall" © Die Zeit
Laut der Online-Ausgabe des Zeit-Artikels,  nehme die Zahl der MRSA-Erreger in der Landwirtschaft zu. Schuld seien die Landwirte, die Reserveantibiotika wie Cephalosporine, Fluorchinolone, Colistin und Carbapeneme "für die Schweine und Hühner in ihre Ställe kippen". Die Zeit-Autoren verweisen dabei auf eine Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover, laut der bei 92 Prozent der konventionell gehaltenen Schweine MRSA in der Nase nachweisbar waren.
 
"Das beweist, dass die Bedingungen in den großen Mastställen, wo 22 Hühnchen auf der Fläche eines kleinen Badetuchs ihr kaum sechs Wochen kurzes Leben fristen und 120 Kilo schwere Sauen in 0,75 Quadratmeter winzige Abferkelbuchten gezwängt werden, zur Keimentwicklung und -weitergabe maßgeblich beitragen", so die Schlussfolgerung der Zeit-Autoren.

Zeit-Artikel löst Entrüstung aus

In den sozialen Netzwerken wie landlive.de und Facebook sorgt die aktuelle Zeit-Titelstory für reichlich Diskussion. Viele sind entrüstet von der Aufmachung des Themas: "Die Rache aus dem Stall? Eine derartige Aufmachung, nur um die Verkaufszahlen hochzutreiben ist einer so niveauvollen Zeitung wie der ZEIT eigentlich nicht würdig. Das hätte ich eher von der BILD erwartet!", so ein Leser.
 
Einige erklärten auf der Facebook-Seite der Zeitung das Zeit-Abo zu kündigen. Ein weiterer Leser schreibt: Die Veterinärmedizin darf nur einen geringen Anteil an Antibiotikastämmen einsetzen. Sollten also aus der Tierhaltung Resistenzen entstehen, stehen für die Humanmedizin immer noch die so genannten Reserve-Stämme zur Verfügung. Jetzt die Frage an alle. Woher entstehen denn jetzt die Resistenzen gegen diese Reserve-Stämme, die in der Veterinärmedizin gar nicht eingesetzt werden dürfen? Liegt es zum einen daran, dass auch die Kleintier-Veterinäre auf diese Reservestämme zugreifen dürfen, damit es unseren Haustieren Wohlergehen widerfährt? Oder liegt es daran, dass zum Beispiel daran, dass 40 % der Deutschen mindestens einmal jährlich Antibiotika einnehmen?"
 
Der Schweineexperte Dirk Hesse zitiert Prof. Dr. Wolfgang Dott vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin des Uniklinikums: "Mikroorganismen aus Tierställen spielen kaum eine Rolle für die menschliche Gesundheit." Hesse argumentiert: Tatsächlich könne sogar anhand epidemiologischer Studien nachgewiesen werden, dass Landwirte und ihre Kinder, die am meisten betroffen sein müssten, weniger Allergien aufweisen als der Rest der Bevölkerung. Dies gelte auch für die Anwohner von Ställen. Der Umweltmediziner stellte im Interview auch klar: "Die Resistenzen von Krankenhauskeimen haben nicht mit denen in einem landwirtschaftlichen Bereich gemein."
 
"Ein Armutszeugnis, wenn es ein Rechercheteam mit gut 20 (wahrscheinlich) ausgebildeten Journalisten nicht schafft, komplexe Dinge einfach und gleichzeitig wissenschaftlich sauber darzustellen", so die Reaktion des Verbands der Deutschen Schweinehalter. "Es ist schon zu fragen, wie es ein renommierter Kommunikationsexperte und Forscher in Sachen Tierhaltung und Ethik einmal formulierte: Wer sagt was mit welchem Interesse? Haben etwa Voreinstellungen der Reporter und die Erwartungen der Öffentlichkeit bzw. des vermeintlichen Mainstream das Ergebnis der Recherche beeinflusst? Oder haben hier zu viele Köche beim ideologischen Brei kochen den Überblick verloren?"

Bauernverband verfasst Brief an Zeit-Chefredakteur

Der Deutsche Bauernverband (DBV) reagierte mit einem offenen Brief an den Chefredakteur der "Zeit", Giovanni di Lorenzo und argumentiert darin: "So ist es doch eindeutig, dass in der Region Holzminden, in der nach ihren Recherchen die meisten MRSA-Infektionen bundesweit beobachtet werden, die Landwirtschaft nicht Verursacher sein kann. Denn die landwirtschaftliche Tierhaltung spielt dort keine Rolle.

"Ein Arzt, wie der von Ihnen angeführte Gerd-Ludwig Meier, der bis zu 20 Antibiotika ausprobiert, hat die gute fachliche Praxis längst verlassen. Wer keine Abstriche macht, die Erreger feststellt, bevor er zu weiteren "Versuchen" schreitet, ist für mich nicht vertrauenswürdig!"
 
"Die Behauptung, in "Schweine- und Geflügelställen taucht LA-MRSA in Massen auf - dort also, wo die Tiere auf engstem Raum gehalten werden und ständiger Antibiotika-Gabe ausgesetzt sind, zur Wachstumsförderung oder zur Krankheitsprophylaxe oder einfach, weil die Bauern es schon immer so gemacht haben, seit es Antibiotika gibt", unterstellt unseren Tierhaltern bewusst rechtswidriges Verhalten."
 
"Sie berichten von Landwirtschaftsminister Christian Meyer, der offenbar die "Armee gegen dieses System" anführt. Er müsse "Herkules sein, für das, was er sich vorgenommen hat". Er werde begleitet von "Hasstiraden aus der Tierindustrie". Den Landvolk-Präsidenten, meinen Kollegen Werner Hilse werfen Sie vor, er sei der "Prototyp des deutschen Agrarlobbyisten" und fragen ohne Anlass: "Ist so jemand noch befugt, für alle Bauern zu sprechen?" Herr di Lorenzo, beide wurden demokratisch gewählt. Der eine jedoch als Held dargestellt, der andere als Prototyp des Bösen. Welches Verständnis von Demokratie liegt diesem zugrunde?
 

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