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Produktion und Förderung

Dioxin: Wut und Enttäuschung auf den Höfen

von , am
07.01.2011

Schlamersdorf/Hünzingen - Mit Wut und Enttäuschung reagieren Landwirte auf den aktuellen Dioxinskandal. Sie sind verärgert, dass ihre aufwändigen Bemühungen um Qualitätssicherung von wenigen unseriösen Vorleistern torpediert werden.

© Mühlhausen/landpixel

Schweinemäster Walter Babbe aus Schlamersdorf, Schleswig-Holstein, zeigte sich heute bei einem Besuch von Landwirtschaftsministerin Juliane Rumpf auf seinem teilweise gesperrten Betrieb schockiert, "dass ein Einzelner mit krimineller Energie einen ganzen Berufsstand in Not bringt".

Großer Markt- und Imageschaden für die Landwirtschaft

Babbe hofft auf entlastende Untersuchungsergebnisse. Sie sollen Anfang kommender Woche vorliegen. Seine Mastschweine sind noch nicht vermarktungsreif. Daher ist er persönlich nicht in Zeitnot. Babbe sieht jedoch in dem Dioxinfall einen großen Markt- und Imageschaden für die gesamte Landwirtschaft. Darum müssten dringend intelligente Lösungen gefunden werden, damit sich ein solcher Fall nicht wiederhole, sagt der Mäster.

'Habe kein Verständnis für diese kriminellen Machenschaften'

Welf Klaer, dessen Ackerbau- und Schweinemastbetrieb im niedersächsischen Schneverdingen seit Dienstag einem Vermarktungsverbot unterliegt, sagte heute auf einer Pressekonferenz in Hünzingen bei Walsrode: "Ich habe volles Verständnis für die Sperre, denn kein Verbraucher will belastete Lebensmittel kaufen. Ich habe jedoch kein Verständnis dafür und bin sehr wütend, dass die kriminellen Machenschaften einiger Futtermittelhersteller meinen Betrieb in diese Situation bringen."

'Wir Landwirte sind diejenigen, die den Skandal ausbaden'

Klaer betonte den hohen Aufwand, den er für qualitativ einwandfreies Schweinefleisch betreibe. Sein Betrieb ist QS-auditiert. Futtermittel bezieht er von "einem ordentlichen Landhändler" und achtet dabei nicht nur auf den Preis. Das hat ihn jedoch nicht vor einer dioxinbelasteten Mischfutterlieferung bewahrt. Der ebenfalls gesperrte Ackerbauer und Schweinemäster Wolfgang Ritz aus Kirchlinteln pflichtete Klaer bei. "Ich bin mit Leidenschaft Landwirt. Aber dieser Fall erschüttert mein Traditionsbewusstsein", so Ritz. Er unterstrich, auf einwandfreie Futtermittel angewiesen zu sein. "Aber nur weil andere in der Zulieferkette raffgierig sind, müssen wir Landwirte leiden. Wir sind die diejenigen, die den Skandal ausbaden", stellte Ritz fest.

Niedersachsen: Landesweit 4.500 Betriebe von Sperren betroffen

Nach Angaben des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums von heute sind landesweit rund 4.500 landwirtschaftliche Betriebe von Sperren betroffen. Der Löwenanteil entfällt mit 3.284 auf Schweinehaltungen. Einem Vermarktungsstopp unterliegen unter anderem aber auch 462 Milchviehbetriebe und 250 Eiererzeuger. Anhand von Lieferlisten und betriebsbezogenen Risikoüberprüfungen werden ab heute Betriebe, die Futtermittel mit unauffälligen Dioxingehalten erhielten, von der Sperrung ausgenommen. Ab dem 10. Januar sollen die Handels- und Schlachtverbote auch für die übrigen Betriebe systematisch überprüft und gegebenenfalls aufgehoben werden.

Haftungsrechtliche Konsequenzen gefordert

Der Präsident des niedersächsischen Landvolkverbandes Werner Hilse forderte scharfe Sanktionen und harte haftungsrechtliche Konsequenzen für die Verursacher des aktuellen Skandals und alle, die leichtfertig mit den geltenden Vorschriften umgingen. Er könne nicht nachvollziehen, dass sich ein Futtermittelbetrieb der Meldepflicht gegenüber dem Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) entziehe, sagte Hilse. Jeder Bauer, der seinem Nachbarn Getreide für die Fütterung verkaufe, müsse sich registrieren lassen. Die Landwirte entzögen sich auch nicht dem mehrstufigen System aus betrieblicher Eigenkontrolle, staatlicher Überwachung und dem QS-Prüfsystem.

Landvolkpräsident bekräftigt Forderung nach Schadensausgleich

Hilse wies auf den erheblichen Schaden der gesperrten Betriebe, aber auch den Imageschaden für die gesamte Landwirtschaft und die Marktstörungen hin. Die Verbraucher ließen Fleisch und Eier in den Regalen liegen. Der Landvolkpräsident bekräftigte die Forderung nach einem Ausgleich der wirtschaftlichen Einbußen der direkt betroffenen Betriebe "bis auf den letzten Cent". Die Bauern dürften nicht auf dem Schaden sitzen bleiben, den ihnen die Futtermittelwirtschaft eingebrockt habe. Darüber hinaus sollte über eine Versicherungslösung für die Futtermittelwirtschaft nachgedacht werden, wie sie in den Niederlanden seit Jahren existiere. Hilse stellte fest, der aktuelle Futtermittelskandal reihe sich ein in eine über Jahre immer wieder zu beobachtende Folge von Versäumnissen auf dieser Stufe. Er forderte, "die gesamte Wertschöpfungskette muss gemeinsam Vermeidungsstrategien erarbeiten".

{BILD:130851:jpg}Norbert Lehmann
Freier Agrarjournalist

 

 

 

 

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