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Risikomanagement

Ernteversicherung: So benachteiligt Deutschland seine Bauern in Europa

Vertrocknetes Grünland im Sommer 2022 in Luxemburg
am Samstag, 24.12.2022 - 05:15 (3 Kommentare)

Fast alle EU-Mitgliedstaaten unterstützen Landwirte beim Abschluss einer Ernteversicherung. Deutschland nicht. Jetzt geht Bayern mit einem landesweiten Förderangebot voran.

Deutschland ist eine Insel – zumindest, wenn es um die Förderung von Ernteversicherungen geht. Denn während fast alle EU-Staaten ihren Landwirten einen Zuschuss zu den Prämien für Versicherungen gegen Dürre, Starkregen, Sturm oder Frost zahlen, wird eine solche Förderung in der Bundesrepublik bislang nicht angeboten.

Dabei erhalten Ackerbauern beispielsweise in den großen Nachbarländern Frankreich und Polen einen Prämienzuschuss von 65 Prozent. Ähnliche Hilfen bekommen die Landwirte in den Benelux-Staaten, in Italien, Spanien und Portugal sowie in den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern. Die Prämienförderung bewegt sich dort meist zwischen 50 und 70 Prozent.

Landwirte im Ausland besser abgesichert

Folglich sichern sich in diesen Ländern viel mehr Landwirte gegen die mit dem Klimawandel zunehmenden Witterungsrisiken ab. In Deutschland wird dieses Instrument des Risikomanagements bisher hingegen kaum genutzt. Entweder sind die Versicherungsbeiträge zu hoch oder es werden schlicht keine passenden Verträge angeboten. Nur für den Obst- und Weinbau haben einige Bundesländer eine jeweils landesweite Prämienförderung eingeführt.

Prämienzuschuss ist eine langjährige Forderung

Dabei hatten die Landwirtschaftsminister der Bundesländer den Bund bereits auf ihrer Agrarministerkonferenz im Herbst 2019 einstimmig aufgefordert, „einen Prämienzuschuss insbesondere für Sektoren und Risiken vorzusehen, in denen noch kein für die Betriebe wirtschaftlich tragbares Versicherungsangebot am Markt ist oder große Wettbewerbsunterschiede innerhalb der EU bestehen“. Passiert ist bisher nichts, obwohl die reformierte Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) eine Förderung von Mehrgefahrenversicherungen ausdrücklich vorsieht.

Bayern führt Zuschuss zur Ernteversicherung für Ackerkulturen ein

Nun macht in Deutschland der Freistaat Bayern den Anfang. Ab dem Jahr 2023 fördert das Land Ernteversicherungen in den drei „Paketen“ Ackerbau, Grünland und Dauerkulturen/Hopfen. Der Prämienzuschuss beträgt 50 Prozent. Dafür sieht Bayern im ersten Jahr 17 Mio. Euro an Haushaltsmitteln vor.

  • Ackerkulturen können gegen die Risiken Hagel, Starkregen, Sturm, Starkfrost, Dürre und Fraßschäden vergünstigt versichert werden.
  • Beim Grünland sind nur die Risiken Hagel, Dürre und Fraßschäden zuschussfähig.
  • Bei den Dauerkulturen Wein, Obst und Hopfen sind es Hagel, Starkregen, Sturm und Starkfrost.

Vier Bundesländer melden im GAP-Strategieplan Interesse an

Der nationale GAP-Strategieplan sieht grundsätzlich eine Fördermöglichkeit für Ernteversicherungen als Risikomanagementinstrument vor. Bisher haben außer Bayern allerdings nur Baden-Württemberg, Niedersachen und Thüringen angemeldet, diese sogenannte „Intervention“ im Rahmen der GAP nutzen zu wollen.

Baden-Württemberg und Niedersachsen haben dabei einen Förderzuschuss von bis zu 43 Prozent angemeldet, Thüringen von 60 Prozent. Nach Einschätzung der Vereinigten Hagelversicherung könnte Thüringen ebenfalls noch 2023 in die geförderte Mehrgefahrenversicherung einsteigen. In Vorbereitung ist allerdings offenbar nur ein Prämienzuschuss für die Kulturen Obst, Wein, Gemüse, Heil- und Gewürzpflanzen sowie Hopfen.

Flickenteppich statt flächendeckender Lösung?

Fachleute befürchten, dass durch die unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern in Deutschland nach und nach ein Flickenteppich an Fördertatbeständen entstehen wird. Dabei wäre der finanzielle Aufwand für eine bundesweite Lösung überschaubar. In einem Bericht der Bundesregierung aus 2018 wird der Finanzbedarf für die Bezuschussung einer Mehrgefahrenversicherung für Ackerkulturen je nach Risiken, Akzeptanz und Selbstbehalt bei einem Fördersatz von 50 Prozent auf 45 Mio. bis 160 Mio. Euro jährlich geschätzt. Doch auf ein bundesweites Förderangebot müssen die deutschen Landwirte weiter warten.

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