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Umsatzsteuer

Gibt es für Landwirte bei der Regelbesteuerung nur Nachteile?

Ratloser Mann am Schreibtisch
am Mittwoch, 26.08.2020 - 14:06 (Jetzt kommentieren)

Noch immer versucht die Bundesregierung, sich mit der Europäischen Kommission über die Anwendung der landwirtschaftlichen Pauschalierung in Deutschland zu einigen. Wahrscheinlich ist, dass zahlreiche Betriebe den Pauschalierungssatz von 10,7 Prozent nicht mehr werden nutzen können. Doch muss sich ein Wechsel zur Regelbesteuerung zwingend nachteilig auswirken?

2018 leitete die Europäische Kommission gegen Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren ein, weil nach ihrer Ansicht die Praxis der landwirtschaftlichen Pauschalierung in Deutschland zu erheblichen Wettbewerbsverzerrungen im europäischen Binnenmarkt führt. Während die EU die Möglichkeit der Pauschalierung eher als Ausnahmeregelung für kleine Betriebe auffasst, können in Deutschland standardmäßig alle Betriebe den Durchschnittsteuersatz nutzen. Derzeit unterbreitet die Bundesregierung der Kommission Kompromissvorschläge, damit es nicht zu Sanktionszahlungen beziehungsweise für die Betriebe zu erheblichen Steuerrückzahlungen kommt.

Eine Einigung zwischen der Kommission und Deutschland würde in jedem Fall auf eine Reform der Umsatzsteuerpauschalierung hinauslaufen. Nach einem Vorschlag des Bundesfinanzministeriums ist es denkbar, dass diejenigen Betriebe aus der Pauschalierung herausfallen, deren jährlicher Umsatz größer als 600.000 Euro ist.

Doch sind Betriebe, die die Regelbesteuerung nutzen (müssen), zwangsläufig schlechter gestellt? Worin liegen die Unterschiede zwischen Durchschnitts- und Regelbesteuerung und wie wirken sich diese gegebenenfalls auf den Betrieb aus?

Dazu läuft hier gerade unsere Instagram Umfrage, an der Sie gerne teilnehmen können.

Für wen und für welche Erzeugnisse gilt die Pauschalierung?

Zunächst muss Ihr Betrieb die grundlegende Voraussetzung erfüllen, dass seine Umsätze nicht von der Steuer befreit sind, da Sie als Kleinunternehmer gelten. Die untere Grenze liegt hier bei einem Umsatz von maximal 17.500 Euro im vorigen Kalender- und geschätzten 50.000 Euro im laufenden Kalenderjahr. Darauf weist die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) hin.

Außerdem muss Ihr Betrieb aktiv bewirtschaftet werden, damit Sie den Pauschalierungssatz nutzen können. Verpachtete Betriebe können nicht nach dem Durchschnittssatz besteuert werden, hier gilt stets die Regelbesteuerung.

Der Pauschalierungssatz kann angewandt werden bei

  • Lieferungen landwirtschaftlicher Eigenerzeugnisse aus der landwirtschaftlichen Urproduktion
  • Lieferungen landwirtschaftlicher Eigenerzeugnisse bis zur ersten Verarbeitungsstufe
  • landwirtschaftlichen Dienstleistungen für andere Landwirte, die der landwirtschaftlichen Urproduktion dienen (Lohnarbeiten, Vermietung von Gegenständen, Halten von fremdem Vieh).

Nicht nutzen können Sie den Durchschnittssteuersatz für Umsätze, die auf zugekaufte Waren zurückgehen und von Ihnen weiterveräußert werden.

Welchen Sinn hat die Durchschnittssatzbesteuerung in der Landwirtschaft?

Ziel der Pauschalierung ist es, den Aufwand einer Umsatzsteuererklärung für den Betrieb zu vermeiden und damit auch Zahlungen an das Finanzamt. Dafür wird die Vorsteuer, die Sie beim Einkauf von Produkten zahlen müssen, mit der Umsatzsteuer, die Sie auf den von Ihnen ausgestellten Rechnungen angeben, verrechnet. Mit dem Pauschalierungssatz von 10,7 Prozent soll sich aus der Verrechnung – theoretisch – ein umsatzsteuerlicher Saldo von null ergeben, informiert die DLG. In der Praxis wird der Betrieb aber ein positives oder negatives Ergebnis erzielen.

Allerdings müssen Sie alle Leistungen, die nicht unter die Pauschalierung fallen, in einer gesonderten Umsatzsteuererklärung aufführen und versteuern.  

Wann gilt die Regelbesteuerung?

Auch als pauschalierender Landwirt können Sie der Regelbesteuerung nicht immer aus dem Weg gehen. So ist der Regelsteuersatz immer dann anzuwenden, wenn eine Dienstleistung in einem Bereich außerhalb der Landwirtschaft erbracht wird. Zusätzlich fallen auch Dienstleistungen an Landwirte, die nicht zur landwirtschaftlichen Urproduktion gehören, unter die Regelbesteuerung. Dies ist zum Bespiel bei Reparaturen von landwirtschaftlichen Maschinen der Fall.

Daneben macht die DLG darauf aufmerksam, dass der Regelsteuersatz für bestimmte Leistungen an Dritte immer gilt. Davon betroffen sind beispielsweise Umsätze, die durch das Ausbringen von Klärschlamm und der Verwertung von Speiseresten entstehen. Vorsicht geboten ist außerdem bei Umsätzen aus der Vermietung von landwirtschaftlichen Maschinen, Betriebsvorrichtungen und Wirtschaftsgebäuden: Wenn diese Güter nicht zum normalen Bestand des Betriebes gehören oder deren Überlassung länger als zwölf Monate andauert, unterliegen auch diese Umsätze der Regelbesteuerung.

Optieren als bessere Alternative?

Unterschiedliche Betriebsstrukturen, Marktpreise, Erntemengen und Investitionsvorhaben nennt die DLG als mögliche Ursachen, die einen Wechsel zur Regelbesteuerung begünstigen.

Allgemein gilt: Können Sie feststellen, dass Sie auf Dauer (mindestens fünf Jahre) mehr Umsatzsteuer an Dritte zahlen, als die 10,7 Prozent Umsatzsteuer, die Sie von Ihren erbrachten Leistungen behalten können, wirkt sich die Pauschalierung nachteilig aus. Dann sollten Sie optieren, also zur Regelbesteuerung wechseln.

Ein Wechsel kann laut DLG eventuell dann infrage kommen, wenn Ihr Betrieb zu einem großen Teil von Lohnunternehmern bewirtschaftet wird, Sie in eine Vergrößerung Ihres Betriebs investieren oder das Preisniveau für Ihre eigenen Erzeugnisse seit mehreren Jahren niedrig ist.

Allerdings sollten Sie vorher unbedingt den Rat eines Experten einholen – schließlich sind Sie nach einem Wechsel für fünf Jahre an die Regelbesteuerung gebunden. Lassen Sie sich von Ihrem Steuerberater eine langfristige Prognose vorlegen, in der Ihre Betriebsergebnisse, Ihre geplanten Investitionen und die bereits durchgeführten Investitionen berücksichtigt werden.

Wie kann ich zur Regelbesteuerung wechseln?

Auf Antrag erfolgt der Wechsel zur Regelbesteuerung immer zu Beginn eines Kalenderjahres. Die Umsatzsteuer orientiert sich nicht am landwirtschaftlichen Wirtschaftsjahr.

Auch rückwirkend für das vorangegangene Jahr können Sie einen Wechsel beantragen. Die Frist endet am 10. Januar des laufenden Jahres.  

Bis zum 10. Januar ist auch ein schriftlicher Widerruf möglich. Erfolgt dieser nicht, können Sie erst nach fünf Jahren wieder zur Durchschnittbesteuerung wechseln.

Da insbesondere Investitionen über einen längeren Zeitraum betrachtet werden, ist für den Wechsel eine Vorsteuerberichtigung vorzunehmen. Die Umsatzsteuer, die Sie für die Investition gezahlt haben, erstattet das Finanzamt nicht über die Vorsteuer, weshalb diese zu berichtigen ist. Bei einem Übergang von der Durchschnitts- zur Regelbesteuerung ergeben sich nach Angaben der DLG für die Investitionen durch anteilige Vorsteuererstattungen Vorteile.

In welchen Ländern wird auch pauschaliert?

Nach EU-Recht können die Mitgliedstaaten selbst darüber entscheiden, ob sie die Sonderregelung für Land- und Fortwirte umsetzen wollen. Derzeit gibt es die Pauschalierung auch in Österreich, Frankreich, Spanien, Italien, Portugal, Polen und den Niederlanden. Anders als in Deutschland wird in diesen Staaten die Pauschalierung jedoch nicht standardmäßig angewandt.   

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