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Produktion und Förderung

Hohe Wurfzahlen bedingen vermehrte Ferkeltötungen

© SWR
von , am
15.07.2014

Ferkeltötungen in deutschen Zuchtbetrieben sorgen weiter für Furore. Eine ARD-Reportage zeigt erneut verstörende Aufnahmen und geht dem Problem auf den Grund. Die Politik reagiert und will jetzt gezielt Kontrollen einführen.

Verstörende Aufnahmen: In einigen deutschen Betrieben werden Ferkel nicht gesetzeskonform getötet. © ARD
Nachdem im Dezember letzten Jahres Aufnahmen von ungesetzmäßigen Ferkeltötungen in Zuchtbetrieben durch die Medien gingen, hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen das Thema erneut recherchiert. Am Montagabend strahlte die ARD eine Reportage aus, in der Aufnahmen zu sehen sind, in denen Ferkel erschlagen, aber auch lebend in Container geworfen werden. Das Videomaterial stammt von Tierschutzakteuren, die versteckt Kameras in Zuchtbetrieben installierten.
 
Die Reporter konfrontieren Veterinäre und Landwirte mit den Bildern, die das Problem in den hohen Wurfzahlen sehen. Die Zuchttiere gebären meist mehr Ferkel als die Sau Zitzen hat. Auch der Ferkelzüchter Günther Völker sieht sich regelmäßig mit dem Problem konfrontiert: "Die Entwicklung ist zu extrem, die Züchtung auf hohe Ferkelzahlen".

Die Politik reagiert

Die ARD-Reporter konfrontieren auch Sachsens Landwirtschaftsminster Hermann Aikens mit den Bildern, die er deutlich als Rechtsverstöße identifiziert. Es seien bereits Rechtsverfahren gegen die Betriebe eingeleitet worden. Man denke nun auch darüber nach zukünftig bei besonders harten Fällen eine Bestandsauflösung in Betracht zu ziehen. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) reagierte bereits mit einem Erlass auf die Berichte vom vergangenen Dezember. Der Erlass verbiete nun explizit das Töten von schwachen Ferkeln aus wirtschaftlichen Gründen. Nordrhein-Westfalen hat diese Bestimmungen ebenfalls übernommen. "Auch die anderen Länder arbeiten derzeit an Erlassen", sagt Karl-Heinz Tölle von der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) im niedersächsischen Damme.
 


Gezielte Kontrollen und Stichproben

Wie die Bundesärztekammer mitteilt, erklärte das niedersächsische Agrarministerium gestern, dass zukünftig die kommunalen Behörden stichprobenartig Kontrollen vornehmen werden. Hierzu sollen dem Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) für Untersuchungen Ferkelkadaver aus den Kadavertonnen zur Verfügung gestellt werden.
 
Das LAVES prüfe dann, ob die Tiere tierschutzgerecht getötet worden sind, und ob überhaupt ein hinreichend vernünftiger Grund dafür vorlag. Das Ministerium hat die Landkreise zudem aufgefordert, über die Zahl und die Ergebnisse der eingeleiteten Kontrollen in Schweineställen Bericht zu erstatten.

Kostenfaktor Wurfzahlen

Den Grund für das Problem liegt in den hohen Wurfzahlen, die zu einem wirtschaftlichen Faktor für die Landwirte werden, heißt es dem ARD-Bericht. Zu viele Tiere, die zu schwach und nicht überlebensfähig sind, drücken auf die Kosten. Da könne man sich nicht zu lange mit einem einzelnen Tier aufhalten, rechtfertigt sich ein Landwirt vor der Kamera. Das bestätigt auch der Lebensmittelökonom Prof. Markus Mau: "Der Landwirt muss sich genau überlegen, wieviel Zeit er für ein Ferkel zur Verfügung hat, um überhaupt damit Geld zu verdienen." Mau sieht einen direkten Zusammenhang zwischen den niedrigen Fleischpreisen und den hiesigen Produktionsbedingungen. Der Verbraucher sei somit auch in die Verantwortung genommen. Dagegen sei die Situation in der Schweiz tierschutzrechtlich deutlich besser. Dort werden jedoch auch deutlich höhere Ferkelpreise bezahlt.
 

Dänische Vielferkler wenig wirtschaftlich

Die Bundestierärztekammer forderte daher eine Abkehr vom züchterischen Ziel, große Würfe um jeden Preis zu produzieren. "Ein Systemfehler", wie Prof. Dr. Theo Mantel, Präsident der Bundestierärztekammer, erklärt. "Vor allem der Einsatz dänischer Sauen hat genetisch zu sogenannten 'Vielferklern' geführt, die Sauen werfen viel mehr Ferkel als sie Zitzen haben. Dabei sei bekannt, dass es ab einer Wurfgröße von etwa zwölf Ferkeln zu einer erhöhten Sterblichkeit der Neugeborenen kommt, denn die durchschnittlichen Geburtsgewichte seien viel zu niedrig: Die untergewichtigen Ferkel kühlen nach der Geburt schneller aus, besitzen weniger Energiereserven und haben Probleme, überhaupt das Gesäuge zu erreichen.", heißt es in der Pressemitteilung der Tierärztekammer.
 
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