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Folgen einer schweren Krise

Inflation: Kein Stein bleibt auf dem anderen – auch für Bauern

Unwetter.
am Freitag, 04.11.2022 - 12:33 (1 Kommentar)

Die Landwirtschaft hat die rekordhohe Inflation bislang gut überstanden. Trotz hoher Kosten kamen viele Betriebe ganz gut über die Runden. Denn auch die Preise waren hoch. Doch das kann sich bald ändern, befürchten Ökonomen.

Globale Energiepreise.

Die Inflation in der Eurozone hat im Oktober einen neuen Höchstwert erreicht. Angetrieben von den Energiepreisen betrug die Teuerung laut Eurostat 10,7 Prozent. Erstmals seit der Einführung des Euro ist die Inflation im Euroraum über die Marke von zehn Prozent geklettert.

Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die Verbraucherpreise um 10,7 Prozent, teilte das EU-Statistikamt Eurostat mit. Für Deutschland errechnete die EU-Statistikbehörde sogar eine Inflationsrate von 11,6 Prozent. Das Statistische Bundesamts in Wiesbaden hatte in seiner Schätzung eine Inflationsrate von 10,4 Prozent ausgewiesen. Eurostat verwendet eine andere Berechnungsmethode, um die Werte der Euro-Staaten vergleichbar zu machen.

Der erneute und unerwartet kräftige Anstieg der Teuerung verstärkt den Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB), die Zinsen weiter deutlich zu erhöhen. Die Inflation in Eurozone ist inzwischen mehr als fünfmal so hoch wie das Ziel der Zentralbank von zwei Prozent, das sie als optimal für die Wirtschaft ansieht.

„Mit 10,7 Prozent liegt die Inflation schon jetzt meilenweit über den 9,2 Prozent, die die EZB für das vierte Quartal erwartet hat", sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei der Commerzbank.  Zweistellige Inflationsraten wurden in Deutschland das letzte Mal vor über 70 Jahren gemessen, sagt die Bundesbank.

Landwirtschaft unglaublich widerstandsfähig

Für Landwirte bedeutet die hohe Inflationsdynamik nicht nur höhere Preise, sondern auch explodierende Kosten. Dabei ist unklar, ob die hohen Agrarpreise die steigenden Kosten auf Dauer decken können – oder nicht. In den USA hat sich der landwirtschaftliche Kreditgeber Co-Bank intensiv mit dieser Frage befasst und ist zu einigen überraschenden Ergebnissen gekommen.

Obwohl die steigende Inflation die Zentralbanken dazu veranlasst haben, die Zinssätze deutlich zu erhöhen, sagt der landwirtschaftliche Kreditgeber Co-Bank, dass der Agrarsektor die Inflation bislang gut übersteht und von der bestehenden Rohstoffknappheit profitiert.

Die CoBank-Analysten beobachten, dass trotz der anhaltenden Unsicherheit durch den Krieg in der Ukraine die Agrarwirtschaft insgesamt „unglaublich widerstandsfähig“ sei.

„Bisher gibt es jedoch keine Anzeichen dafür, dass sich die Inflation wieder auf einem Abwärtspfad befindet“, sagte Dan Kowalski, Vizepräsident der Co-Bank-Forschungsabteilung. „Um das Inflationsniveau dauerhaft zu senken, muss letztlich auch die Bereitschaft oder Fähigkeit von Verbrauchern und Unternehmen da sein, die Ausgaben zu reduzieren.

Das bedeutet aber, dass die Zinserhöhungen wohl so lange fortgesetzt werden, bis die Zentralbanken glauben, ihr Mandat der Preisstabilität sei erfüllt. Leider erhöht dies die Wahrscheinlichkeit von Folgeschäden für Landwirte und Unternehmen spätestens im ersten Halbjahr 2023 deutlich," sagt der Banker.

Preissetzungsmacht bei der Industrie

Agrarpreise.

Die Landwirtschaft behielt im dritten Quartal eine gewisse wirtschaftliche Dynamik bei, obwohl die Aussichten für die Wirtschaft „zunehmend düsterer“ werden, heißt es in dem Bericht. „Gleichzeitig haben der Energie- und der Lebensmittelsektor ein unerwartetes Maß an Preissetzungsmacht gewonnen, da Versorgungsengpässe immer größere Herausforderungen zu werden scheinen“, sagte die Co-Bank.

„Die Probleme der landwirtschaftlichen Produktion und des Transports sind am Schwarzen Meer immer noch am schwerwiegendsten, aber die jüngste Dürre in Europa, Asien und Amerika hat die Getreideversorgung und -logistik ebenfalls negativ beeinflusst. Der niedrige Wasserstand in den Flüssen Nordamerikas und Westeuropas hat die Sorgen über die Verfügbarkeit von landwirtschaftlichen Produkten und Betriebsmitteln zusätzlich verstärkt.

Risiken und Ungewissheit bleiben weiter außergewöhnlich hoch, aber hohen Rohstoffpreise bieten für Landwirte auch Chancen, sagt Kowalski. Die Co-Bank beobachtet jedoch, dass insbesondere der Getreide- und Ölsaatenkomplex in den letzten drei Monaten und insbesondere am Ende des dritten Quartals eine „holprige Fahrt“ erlebt habe.

Steil ansteigende Energiepreise, ein starker US-Dollar, Dürre in den USA und Europa, anhaltende Spannungen in der Schwarzmeerregion und schwächere globale Wirtschaftsaussichten, haben danach zu hoher Volatilität bei den globalen Getreidepreisen geführt.

Keine Wahl – einfach weitermachen

In der Landwirtschaft sind die meisten Rohstoffpreise in der Vergangenheit im Verhältnis zur Inflationsrate gesunken. Deshalb haben die Steigerungen der Ernteerträge und der Effizienz dazu beigetragen, den Rückgang der realen Preise auszugleichen.“ Snell geht davon aus, dass der Inflationsdruck in der Wirtschaft die landwirtschaftlichen Rohstoffpreise noch weiter nach oben treiben können.

Höhere Rohstoffpreise erhöhen jedoch auch die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Betriebsmitteln, einschließlich der Kosten für geliehenes Geld. „Historische Daten zeigen, dass die Inflation dazu neigt, den Wert von landwirtschaftlichen Vermögenswerten wie etwa Boden zu steigern, aber die Exporte beeinträchtigen können“, sagt Snell.

„Viele der Auswirkungen hängen von der Schwere und Dauer der Inflation in der Wirtschaft und der Geldpolitik ab. Außerdem kann das Ergebnis variieren, je nachdem, ob der Betroffene ein Ackerlandinvestor, ein dauerhafter Landbesitzer oder ein Landpächter ist. Entscheidend ist auch, wie abhängig man von Fremdkapital und den internationalen Märkten ist.

„Inflation schafft viel Preisunsicherheit“, sagt Agrarökonom Snell. „Wahrscheinlich ist das Schädlichste, dass sie die langfristigen Zinssätze erhöht. Dies erhöht die Kreditkosten des Landwirts für die Erweiterung oder für die Reinvestition in den Betrieb. Das war auch das größte Inflationsproblem in den 70er und 80er Jahren für die Bauern.“

Der Landwirt Guilfoil gibt eine Antwort auf die Infaltionssorgen, die viele Landwirte geben dürften. Er sagt: „Trotz einer Rekordinflation habe er keine andere Wahl, als mit dem weiterzumachen, was er ohnehin tut. Mit Landwirtschaft.“

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