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Produktion und Förderung

Interview: Geld für gesellschaftlich akzeptierte Tierhaltung umschichten?

von , am
30.03.2015

Die Tierhaltung in jetziger From ist 'nicht zukunftsfähig' urteilte vergangene Woche der Wissenschaftliche Beirat in einem Gutachten. Das dlz agrarmagazin hat einen der Mitverfasser, Prof. Achim Spiller, interviewt.

Prof. Dr. Achim Spiller. © Heudorfer
Der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hat am Mittwoch ein Gutachten vorgestellt, das sich mit der Zukunft der Nutztierhaltung befasst.
 
Das dlz agrarmagazin hat mit Professor Achim Spiller gesprochen, Mitverfasser des Gutachtens mit dem Titel "Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung":

Was hat es mit dem Gutachten auf sich?

Die Tierhaltung ist in der Gesellschaft heute einer immer größeren Kritik ausgesetzt. Das fängt lokal bei Stallbaukonflikten an und geht bis hin zu kritischen Fernsehberichten, die wir in den letzten Jahren zunehmend zu sehen bekommen. Die Verfasser sehen hier großen Handlungsbedarf.

Worin sehen Sie Handungsbedarf?

Die Kluft zwischen den gesellschaftlichen Anforderungen auf der einen Seite und auf der anderen Seite der Entwicklung der Tierhaltungsverfahren ist größer geworden. Die Geflügel- und die Schweinemast haben sich in Deutschland zwar ökonomisch ausgesprochen gut entwickelt. Aber es gibt zunehmend Konflikte vor Ort und eine abnehmende Akzeptanz.
 
So stockt zum Beispiel in der Region Weser-Ems, einer Kernregion der Veredelung, die Entwicklung. Dort werden kaum noch Ställe gebaut. Es herrscht große Verunsicherung bei den Landwirten.

Die Verfasser des Gutachtens sehen Zielkonflikte, die sie aber für überwindbar halten. Wie sind die zu lösen?

Es ist unstrittig, dass die Landwirte mehr Geld benötigen, wenn sie mehr Tierwohl umsetzen sollen. Wir haben versucht abzuleiten, was zukunftsfähige Haltungsformen wären und wie viel Geld mehr dafür nötig ist.
 
Insgesamt kommen wir auf drei bis fünf Milliarden Euro pro Jahr. Diese Lücke lässt sich nicht mit einem Instrument schließen.
 
  1. Dafür bedarf es in erster Linie einer Umorientierung in der Agrarpolitik. Dort wurde in der Vergangenheit relativ viel Geld in Umwelt- und Naturschutz investiert, aber fast kein Geld in den Tierschutz.
  2. Zweitens gilt es, die Marktkräfte dafür stärker zu nutzen. Da gibt es bisher fast nichts an Angeboten. Wir fordern zum Beispiel ein staatliches Tierschutzlabel.
  3. Drittens muss die Wirtschaft selbst stärker aktiv werden. Die Branchen-Initiative Tierwohl ist ein guter Schritt, aber drastisch unterfinanziert. Schließlich bedarf es einiger Selbstbeschränkungsabkommen der Abnehmer wie des Lebensmittelhandels und der Großabnehmer in der Industrie.

Das Gutachten geht davon aus, einen Teil der Mehrkosten durch Preiserhöhung auffangen zu können. Wie hoch schätzen sie die Mehrzahlungsbereitschaft ein?

Studien bestätigen: In der Gesellschaft gibt es eine gewisse Mehrzahlungsbereitschaft. Die ist allerdings begrenzt. Wir haben das am Beispiel eines 250 Gramm schweren Koteletts abgefragt. 70 Prozent sind bereit, 50 Cent mehr zu bezahlen. Biofleisch oder Fleisch aus anderen Tierschutzprogrammen liegt dagegen beim Preis nicht bei 20 Prozent mehr, sondern bei 100 bis 300 Prozent mehr. Nur sechs Prozent der Bevölkerung sind bereit, 100 Prozent oder mehr zu bezahlen.
 
Im Vergleich dazu: Wenn wir von insgesamt drei bis fünf Milliarden Mehrkosten für mehr Tierwohl ausgehen, dann handelt es sich hier nur um 13 bis 23 Prozent mehr.

Der Aufschlag für die Verbraucher wäre also so gering, dass die genannte Mehrzahlungsbereitschaft auch realisiert werden kann?

Auf die gesamten Ausgaben eines Haushalts berechnet sind das drei bis sechs Prozent mehr.

Wo wäre demnach ein Tierwohllabel im Markt angesiedelt?

Wir reden hier über ein mittleres Marktsegment, das im Preis deutlich näher an den konventionellen Produkten dran ist als an Bio. Hier geht es also um eine Mittelpreislage, die eine breitere Bevölkerungsschicht anspricht.

Wie würden Tierwohl-Label und Tierwohl-Initiative zueinander stehen: Konfrontation oder Kooperation?

Die Brancheninitiative macht Sinn, wenn sie flächendeckend greift. Auch die Initiatoren sehen sie als flächendeckende Initiative. Wenn nur ein kleiner Prozentsatz mitmacht, dann erreicht man auch kommunikativ damit nichts. Als Initiative der Branche muss sie die Haltungsstandards insgesamt anheben, weil es ja nicht am Produkt gekennzeichnet ist.
 
Ein Label setzt ein Stück darüber hinaus an und erreicht dann die Verbraucher, die eine deutliche Mehrzahlungsbereitschaft haben.
 
Beides ergänzt sich. Wir sehen einen deutlichen Bedarf an einer Differenzierung auf dem Fleischmarkt. Vieles deutet gerade bei Fleisch darauf hin, dass sich die Kundengruppen entwickeln. Zeitschriften wie Beef belegen, dass es zahlungsbereite Kunden gibt, die Spaß am Fleischkonsum haben.

Einen Teil der Mehrkosten aus dem Topf der GAP zu bezahlen, wäre ein Paradigmenwechsel mit Umschichtungen auch aus der Flächenprämie.

Klar ist das ein Paradigmenwechsel. Aber die Flächenprämien waren historisch für einen Übergangszeitraum und nie als dauerhaft gedacht. Sie sollten die Landwirte bei dem Übergang in den Markt stützen. Natürlich kann man sich fragen, wann dieser Übergangszeitraum ausläuft und wann der Übergang nach der Devise "öffentliches Geld für öffentliche Güter" erfolgt.
 
Zu letzterem gehört neben dem Umwelt- und den Naturschutz auch der Tierschutz. Bisher ist man den nur sehr zaghaft angegangen. Der wissenschaftliche Beirat fordert seit Jahren diesen grundsätzlichen Paradigmenwechsel.

Früher die Flächenprämie als Stützung beim Übergang in den Markt, jetzt Stützung der Tierhalter beim Übergang in andere Markterfordernisse?

Übergang in den Markt ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber eine Unterstützung beim Übergang in eine gesellschaftlich akzeptierte Zukunft der Tierhaltung. An der Stelle haben die Tierhalter im Moment deutlich größere Herausforderungen als die Ackerbauern. Deshalb macht es Sinn, die Agrarförderung ein Stück in diese Richtung zu lenken.

Umschichtungen bei der Flächenprämie werden aber einige Mitgliedstaaten der EU kaum mittragen.

Zuerst könnte man schon einmal national 15 Prozent umschichten. Das müsste bei der EU für den 1. Januar 2018 beantragt werden. Das bringt einen Spielraum von einer halbe Milliarde Euro. Auf EU-Ebene wäre eine nordwesteuropäische Allianz vorstellbar.
 
Es würde schon einen erheblichen Teil der internationalen Wettbewerbsverzerrung wegnehmen, wenn es gelingen würde, bestimmte Dinge mit den Holländern, den Dänen, den Belgiern, den Engländern und auch den Franzosen gemeinsam zu machen. Hier könnte ähnlich wie bei der Gentechnik ein Europa der zwei Geschwindigkeiten herauskommen.

Wettbewerbsverzerrungen im internationalen Handel wären damit aber nicht vom Tisch. Beispiel Käfighaltungsverbot: Nach der Einführung in Deutschland kamen Eier für die Verarbeitung einfach aus anderen Staaten, wo es kein Verbot gegeben hat.

Die Gefahr besteht bei Verarbeitungsware, die auch bei Fleisch eine große Rolle spielt. Insofern kann man auch Lehren aus der Käfighaltungs-Diskussion ziehen. Zum einen wären Selbstverpflichtungserklärungen gut, in die auch zum Beispiel Wurstunternehmen oder Großgastronomie mit eingebunden werden. Zum anderen fordern wir, dass wir auf deutscher und auf europäischer Ebene bei der WTO Diskussionen über verpflichtende Kennzeichnungen anstoßen. Das transatlantische Handelsabkommen TTIP zeigt auch die gesellschaftliche Diskussion.
 
Es wäre gut, mehr Möglichkeiten zur Kennzeichnung zu haben. Aber da geht die WTO ungern ran, weil das das Tor zu Protektionismus öffnet. Hier gilt es weiter nachzudenken und Politikinitiativen anzustoßen.

Denken Sie, dass sich mit den Vorschlägen in dem Gutachten die Akzeptanz für die Tierhaltung wieder herstellen lässt?

Wir brauchen dafür verschiedenste Instrumente. Uns geht es auch besonders darum, den Dialog auszubauen. Ein ganz wichtiger Punkt dabei ist, von der Massentierhaltungs-Diskussion wegzukommen. Wir sprechen das ausführlich an und zeigen auf, dass es bisher keine wissenschaftlichen Belege gibt, dass Tierwohl oder Umweltschutz eine Größenfrage sind.
 
Für die Landwirte macht es den Umgang mit der Gesellschaft schwer, immer als Massentierhalter gebrandmarkt zu werden. Da ist ein wichtiger Schritt, dass auch die Gesellschaft lernt. Wir sehen auch die Wissenschaft in der Verantwortung, das klar zu sagen. Deswegen ist dieser Mix verschiedener Instrumente angefangen bei der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, über die Agrarpolitik und bis zu den Strategien, die die Wirtschaft selbst umsetzen muss, so wichtig.

Gehen Sie davon aus, dass Minister Schmidt das, was in ihrem Gutachten steht, aufgreifen wird?

Der Minister hat mit seiner Eckpunkt-Initiative "Eine Frage der Haltung" deutlich gemacht, dass es ihm um die Tierhaltung auch im Sinne einer Haltung geht, also auch um ethische Gesichtspunkte. Das ist ein ganz guter Anknüpfungspunkt. Er hat die gesellschaftliche Dimension und, dass die Branche tätig werden muss, erkannt.
 
Der wissenschaftliche Beirat vermisst bisher jedoch eine konsistente Strategie. Wir fordern eine stärkere Verzahnung von Politik sowie Wirtschafts- und gesellschaftlichen Initiativen. Das läuft heute alles nebeneinander, zum Teil gegeneinander. Wir hoffen, dass das BMEL nun diese Chance ergreift.
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