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Produktion und Förderung

'Keine Prognose - sondern Entwicklung: Landwirtschaft in 2023'

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von , am
21.07.2014

Braunschweig - Bis 2023 sind es keine zehn Jahre mehr. Wie es dann um die Landwirtschaft in Deutschland steht, haben Wissenschaftler ermittelt. Ihr Bericht ist keine Prognose - er zeigt die Entwicklung.

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Wie steht es um die Landwirtschaft in 2023, also in weniger als zehn Jahren? Es sieht offensichtlich so aus, dass sie weitestgehend an die Agrarreform angepasst ist, die Dynamik beim Ausbau der Biogaserzeugung sinkt, die Milchproduktion um rund 20 Prozent gesteigert wurde, die Preise für tierische Erzeugnisse zweistellig zulegen. Was wohl bleibt, ist die große Herausforderung "Auswirkungen der Tierproduktion". So geht es aus der "Baseline 2010-2023" hervor.
 
Wissenschaftler des Thünen Instituts, Braunschweig, stellen nach Angaben des Instituts mit diesem nun veröffentlichen Bericht keine Prognose der Zukunft dar, sondern beschreiben darin die erwarteten Entwicklungen unter bestimmten Annahmen und Politiken.

Kernpunkte aus 'Deutschlands Landwirtschaft 2023'

Hier die Kernpunkte, wie sie das Thünen-Institut aus dem Bericht darstellt: Die Einfuhr von Agrargütern in die EU vor allem aus Zentral- und Südamerika, Asien und Afrika wird sich deutlich erhöhen wird.
 
Gestützt durch den festen Weltmarkt steigen die Preise für tierische Erzeugnisse im Baseline-Szenario gegenüber dem Zeitraum 2009 bis 2011 um zehn bis 30 Prozent (%) an. Die Milcherzeugerpreise würden dabei durch gute Absatzaussichten am Binnen- und am Weltmarkt gestützt. Auch die Getreidepreise in Deutschland liegen in der Baseline auf vergleichsweise hohem Niveau, während proteinreiche Futtermittel wieder günstiger werden.

Kernpunkte: Biogas, Milcherzeugung, Einkommen

Die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2012 sowie ein vergleichsweise hohes Agrarpreisniveau reduzieren die Dynamik des Ausbaus der Biogaserzeugung. In der Thünen-Baseline wird im Jahr 2023 auf etwa 1,2 Million Hektar Energiemais angebaut.
 
Die Milcherzeugung wird nach dem Auslaufen der Milchquote um rund 18 % gegenüber den Jahren 2009/11 ausgedehnt. Das geschieht vor allem in den Küstenregionen, am Niederrhein, in einigen Mittelgebirgslagen sowie im Allgäu und Voralpenland.
 
Das durchschnittliche Betriebseinkommen pro Arbeitskraft steigt bis 2023 nochmals leicht an und liegt damit über dem mittleren Niveau der letzten zehn Jahre. Die großen Unterschiede im Einkommen von Betrieben unterschiedlicher Größe bleiben bestehen. Ackerbaubetriebe können ihr Einkommen auf vergleichsweise hohem Niveau stabilisieren. Deutliche Einkommenszuwächse können Milchviehbetriebe (+ 24 %) sowie Veredlungsbetriebe (+ 44 %) realisieren.

Kernpunkte: Pachtpreise, Stickstoffbilanzsaldo, Emissionen

Lohnt sich der Anbau von Winterweizen? Mit dem Berechnungs-Tool der LfL lässt sich dies schnell herausfinden. © agrar-press
Die Pachtpreise steigen nach den Modellergebnissen besonders stark in den Veredlungsregionen.
 
Der sektorale Stickstoffbilanzsaldo bleibt den Abschätzungen zufolge mit einem Überschuss von 70 Kilogramm je Hektar landwirtschaftlicher Fläche nahezu konstant. In Regionen und Betrieben mit intensiver Tierhaltung wird sich die dort bestehende Stickstoffproblematik nicht entschärfen. Die Treibhausgasemissionen nehmen gegenüber 2005 leicht zu, die Ammoniak-Emissionen liegen im Jahr 2023 aufgrund der Aufstockung der Tierbestände wieder deutlich oberhalb der gesetzlich festgelegten Emissionsobergrenze.
 
Mit der reformierten GAP werden Teile der Direktzahlungen an verpflichtende Maßnahmen geknüpft, die auf eine Verbesserung der Umweltwirkungen der Landwirtschaft abzielen. Die ökologischen Wirkungen dieses sogenannten "Greening" sind entsprechend der Thünen-Baseline allerdings gering, weil die neuen Anforderungen schon jetzt weitgehend erfüllt würden, so der Bericht.
 
Betriebswirtschaftliche Kalkulationen für ausgewählte, von den Greening-Auflagen besonders betroffene Betriebe zeigen, dass für keinen der untersuchten Fälle die Nichtteilnahme am Greening auf längere Sicht eine wirtschaftlich sinnvolle Option darstellt.

Fazit: Wettbewerbsstarke Landwirtschaft

Das Thünen-Institut spricht im Fazit von einer wettbewerbsstarken Landwirtschaft in Deutschland, die sich gut an die Veränderungen der jüngsten Agrarreform anpasst und die Möglichkeiten zur Produktionsausdehnung, insbesondere im Milchbereich, wahrnimmt.
 
Auf der anderen Seite zeige die Projektion, dass sich unter den getroffenen Annahmen und unveränderten politischen Rahmenbedingungen die Herausforderungen, die sich aus der intensiven Tierproduktion ergeben können, beispielsweise Gewässer- und Luftbelastung durch hohe Nährstoffausträge, nicht im Zeitablauf "von selbst" lösen. Im Gegenteil -angesichts der projizierten Rentabilität der Veredlungsproduktion könnten sie weiter an Bedeutung gewinnen, heißt es vonseiten des Instituts.  Hier werde die Politik in besonderem Maße gefordert sein, Rahmenbedingungen zu schaffen, die die gesellschaftlichen Erwartungen und europaweit gesetzten Umweltziele erfüllen.

Hintergrund

Für die aktuelle Projektion nehmen die Wissenschaftler an, dass die 2013 beschlossene Reform der Europäischen Agrarpolitik umgesetzt wird. © landpixel
Agrarökonomen des Thünen-Instituts erstellen alle zwei Jahre Projektionen der erwarteten Entwicklungen im deutschen Agrarsektor. Sie bedienen sich dazu verschiedener Modelle, die sie in einem Modellverbund integrieren. Dabei treffen die Experten bestimmte Annahmen, wie sich äußere Einflussfaktoren, zum Beispiel die Höhe des globalen Wirtschaftswachstums, entwickeln. Für die aktuelle Projektion des Zeitraums 2013 - 2023 wird zudem davon ausgegangen, dass die 2013 beschlossene Reform der Europäischen Agrarpolitik umgesetzt wird.
 
Diese sogenannte "Thünen-Baseline" stellt somit nach Angaben des Instituts keine Prognose dar, sondern bildet ein Referenzszenario, mit dem sich anschließend die Auswirkungen verschiedener Politikoptionen analysieren lassen. Die diese Woche veröffentlichte Thünen-Baseline 2013 – 2023 wurde in enger Abstimmung mit Fachreferaten des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) erstellt.
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