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Produktion und Förderung

Kornkammer Osteuropa: Potentiale in der Landwirtschaft

von , am
13.01.2011

München - Osteuropäische Länder wie die Ukraine und Russland gewinnen immer mehr an Bedeutung bei der Produktion von Agrarrohstoffen. Die Potentiale der Landwirtschaft dort sind groß. Praktiker berichten aber auch von Problemen.

© Doctorbest/fotolia.com

Zunehmende Wetterkapriolen, verbunden mit Überschwemmungen und Dürren, steigende Nachfrage nach Bioenergie und Lebensmitteln sowie ein zunehmender globaler Handel mit Agrarprodukten sind die Herausforderungen, die die Landwirtschaft künftig meistern muss.

Bei der Produktion der zunehmend gefragten Agrarrohstoffe gibt es große Verschiebungen zwischen den Ländern: Osteuropäische Länder wie Russland und die Ukraine steigerten in der Vergangenheit ihre Produktionsmengen und liegen aktuell unter den Top 10 der Produzenten. Allein von der weltweiten Sonnenblumenernte zur Herstellung von Öl stammen 50 Prozent aus der Ukraine und Russland.

Positive und negative Aspekte abwägen

Dass diese ehemaligen GUS-Länder auch in Zukunft eine wichtige Rolle auf dem Weltmarkt spielen, zeigte das rege Interesse bei der Veranstaltung „Kornkammer Osteuropa – Potentiale in der Ukraine und Russland“ auf der DLG-Wintertagung, die noch bis heute in München stattfindet.

Experten und Praktiker erklärten sowohl die Vor- als auch die Nachteile, die beide Länder zu bieten haben. Den vielen positiven Aspekten, wie geringe Produktionskosten, fruchtbare Schwarzerdeböden und große Flächen stehen aber auch viele negative gegenüber: Hohe Transportkosten, ineffiziente Logistik, geringe Erträge und mindere Qualität sind einige der Aspekte, die nicht außer Acht gelassen werden dürfen.

Geringe Hektarerträge relativieren geringere Kosten

Simon Walther, Doktorand am Johann Heinrich von Thünen-Institut, analysierte die Strukturen und Kennzahlen typischer Betriebe in der Ukraine und Russland. „Ein nicht ganz einfaches Unterfangen, da die Datenlage schwierig ist“, erklärt Walther. Obwohl die Direktkosten in Deutschland um das zwei- bis vierfache höher liegen, relativieren diese sich durch den geringeren Hektarertrag. Während in Deutschland der Ertrag pro Hektar bei durchschnittlich 8,5 Tonnen liegt, sind die Erträge in Russland mit 3 bis 3,5 Tonnen pro Hektar deutlich geringer. Von den sechs untersuchten osteuropäischen Betrieben erwirtschafteten vier positive Unternehmergewinne. In Deutschland konnten die Vergleichsbetriebe nur gewinnbringend arbeiten, da sie im Gegensatz zu Russland und der Ukraine eine Flächenprämie erhielten.

Schwierige Rahmenbedingungen in der Ukraine

Dr. Heinz Strubenhoff, Projektleiter des deutsch-ukrainischen agrarpolitischen Dialogs erklärte im Anschluss die Situation des ukrainischen Agrarmarktes. Die Getreideproduktion steigt kontinuierlich, aber langsamer als der Getreideverbrauch“, beschreibt Strubenhoff die aktuelle Situation des drittgrößten Getreideexporteurs. Trotz eines Exportanteils von 35 bis 50 Prozent beklagt Strubenhoff die schwierigen Rahmenbedingungen des Landes: Eine ‚defekte Demokratie’ mit Korruption und einer starken Verflechtung von Politik und Wirtschaft sowie mangelnde Interessensvertretungen der Landwirte erschweren die Situation der landwirtschaftlichen Unternehmer im Land.

Mangelnde Qualifikation als Hauptproblem

Praktiker aus Russland und der Ukraine bestätigten weitgehend die Aussagen ihrer Vorredner. Stefan Dürr ist bereits seit 17 Jahren in der russischen Landwirtschaft tätig und betreibt mittlerweile fünf landwirtschaftliche Betriebe in verschiedenen Regionen des Landes. Obwohl es nicht immer leicht war, hat sich der Unternehmer nicht entmutigen lassen. In diesem Jahr plant er sogar einen Börsengang. „Man kann auch ohne Korruption arbeiten, aber man muss viele Kompromisse eingehen“ berichtet Dürr. Als größtes Problem sieht er die mangelnde Qualifikation und das Know-how seiner Mitarbeiter. „Umso größer der Betrieb ist, desto schwieriger ist das Management.“ Die Obergrenze mit modernen Maschinen sieht Dürr bei 300.000 bis 500.000 Hektar. Als positiven Aspekt erwähnte er, dass die Förderung der Landwirtschaft einen hohen Stellenwert in der russischen Regierung hat und die Fördergelder mittlerweile auch pünktlich ankommen.

Kein Flächenerwerb in der Ukraine möglich

Johann Wenzel bewirtschaftet gemeinsam mit seinen beiden Söhnen rund 2.500 Hektar in der Ukraine. Auch er kennt die Probleme seines Kollegen Dürr und rät Unternehmen und Landwirten, die in Osteuropa investieren wollen, nicht blauäugig hinzugehen. „Wichtig ist dabei, dass man vor Ort ist. Von dem Gedanken, eine Landwirtschaft von Deutschland aus zu führen, kann man sich verabschieden, das wird nicht funktionieren“, weiß Wenzel. Im Unterschied zu Russland, kann man in der Ukraine keine Flächen erwerben. Auch er betreibt seinen Betrieb auf Pachtbasis. „Mit etwas 1.000 Euro pro Hektar muss man rechnen, wenn man hier investieren will,“ berichtet er. Bei der Frage nach dem Exportstopp von Getreide aus Russland und der Ukraine sind sich die beiden Praktiker einig: „Das Verbot ist unumgänglich und hat seine Berechtigung, ansonsten wäre kein Getreide mehr im Land, Das Verbot bleibt auch bis zur nächsten Ernte bestehen“, ist sich Dürr sicher. (bem)

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