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Produktion und Förderung

KTBL-Tage im Zeichen der Nachhaltigkeit

von , am
16.04.2013

Neu-Ulm - Der Nachhaltigkeitsbegriff ist viel gebraucht, aber meist wenig konkret. Die diesjährigen KTBL-Tage versuchten eine praxisorientierte Annäherung für die Agrar- und Ernährungswirtschaft.

 
Die Anforderungen an eine nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft und die entsprechenden Steuerungsinstrumente standen im Fokus einer Fachtagung des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft. Grund für die Wahl des doch schwierigen Themenbereichs seien die zunehmenden Forderungen nach einer ökologisch tragfähigen und sozial verantwortlichen Produktion. Die Wettbewerbsfähigkeit, aber auch die Akzeptanz der Agrarwirtschaft hingen von einer auch ökonomisch tragfähigen Umsetzung von Nachhaltigkeitskritierien ab.
 
Bewertungssysteme zur Messung von Nachhaltigkeitskriterien haben bisher nur wenig Anwendung in der praktischen Landwirtschaft gefunden. Auf der Tagung stellten Landwirte ihre Erfahrungen mit Nachhaltigkeitsbewertungssystemen vor. Die Nachhaltigkeitsbeurteilung decke mögliche Schwachstellen im Betrieb auf, werfe eine andere Perspektive auf die eigene Arbeit und zeige Veränderungsmöglichkeiten auf, erklärte Biolandwirt Richard Bircher aus Wölfinswil in der Schweiz.
 

Bewertungssystem RISE weist Nachhaltigkeit aus

Der Schweizer Ökolandwirt Richard Bircher ließ seinen Biobetrieb nach den Kriterien des Nachhaltigkeits-Bewertungssystem RISE (Response-Inducing Sustainability Evaluation) analysieren. Anhand von zehn Indikatoren wurde die ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit seiner landwirtschaftlichen Produktion untersucht. Wichtig dabei war einerseits die Nachhaltigkeit auszuweisen, aber auch mögliche Schwachstellen aufzudecken und weitere Betriebsstrategien zu analysieren.
 
Folgende Parameter wurden dabei berücksichtigt:
  • Bodennutzung
  • Tierhaltung
  • Nährstoffflüsse
  • Wassernutzung
  • Energie und Klima
  • Biodiversität und Pflanzenschutz
  • Arbeitsbedingungen
  • Lebensqualität
  • Wirtschaftliche Lebensfähigkeit
  • Betriebsführung
 

Nachhaltigkeit im europäischen Vergleich

Der Milchviehhalter Martin Kleiner aus Mengen nahm mit seinem Betrieb an dem EU-Projekt Dairyman teil. Das von der EU geförderte Dairyman-Projekt hat sich zum Ziel gesetzt die Nachhaltigkeit von Milchproduktionssystemen in verschiedenen nordwest-europäischen Ländern zu analysieren. Jeder der 130 teilnehmenden Betriebe wird während einer dreijährigen Projektlaufzeit hinsichtlich ökonomischer, ökologischer und sozialer Aspekte untersucht. Unter vielen anderen Faktoren werden auch die Treibhausgasemissionen, das Vorhandensein von Landschaftselementen, die Nährstoffeffizienz sowie die Arbeitsbelastung bewertet. Für Martin Kleiner war die Teilnahme sehr aufschlussreich und machte ihm eine neue Perspektive auf seinen Betrieb möglich. Vor allem der Austausch und Vergleich mit anderen Milchviehbetrieben sei für ihn positiv gewesen.
 

Kriteriensysteme unterstützend einsetzen

Dr. Jan Grenz von der Berner Fachhochschule in Zollikofen präsentierte die Zielsetzungen verschiedener Bewertungssysteme in Form eines Vergleichs internationaler Ansätze zur Nachhaltigkeitsbeurteilung. Grenz machte deutlich, dass es noch nicht "das" kompakte System gebe, mit dem ganze Wertschöpfungsketten auf Nachhaltigkeit geprüft werden könnten. Wichtig sei jedoch, dass Indikator- und Kriteriensysteme unterstützend und nicht bevormundend eingesetzt werden sollten. Auf übergreifende Bewertungssysteme für landwirtschaftliche Betriebe wie die Response-Inducing Sustainability Evaluation (RISE), das KriterienSystem Nachhaltige Landwirtschaft (KSNL) oder das Zertifizierungssystem "Nachhaltige Landwirtschaft - zukunftsfähig" der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) ging Prof. Reiner Doluschitz von der Universität Hohenheim ein. Er wies darauf hin, dass solche Systeme bislang nur wenig Anwendung in der praktischen Landwirtschaft gefunden hätten.
 

Bewertungssysteme an der Schwelle zur Praxis

Prof. Eberhard von Borell von der Universität Halle- Wittenberg stellte das vom Bundeslandwirtschaftsministerium geförderte Forschungsprojekt "Tierwohllabel - Aufbau eines marktgerechten Tierwohlprogramms in der Schweinefleischkette" in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Von Borell sieht in einem angepassten Daten- und Wissensmanagement auf dem landwirtschaftlichen Betrieb, bei regionalen Organisationen sowie bei vor- und nachgelagerten Unternehmen die Voraussetzung für die Erfassung, Speicherung und Verarbeitung von Daten und Informationen. Mittlerweile stünden Bewertungs- und Managementsysteme an der Schwelle von der Wissenschaft zur Praxis. Entscheidend für die erfolgreiche Markteinführung eines Tierschutzlabels sind von Borell zufolge die Akzeptanz des Verbrauchers und die Wettbewerbsfähigkeit der beteiligten Betriebe gegenüber konventionellen Produktionsformen.
 
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