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Produktion und Förderung

Sollen 'Nebenerwerbslandwirte' auch künftig Direktzahlungen erhalten?

von , am
08.04.2011

Geht es nach dem Willen der EU-Kommission, sollen ab 2013 nur noch "aktive" Landwirte Direktzahlungen erhalten. agrarheute.com fragt drei Interviewpartner, wie sie das sehen.

Auch Nebenerwerbslandwirte haben einen Anspruch auf Direktzahlungen. Da waren sich unsere Gesprächspartner einig. © Mühlhausen/landpixel
Vielfalt landwirtschaftlicher Betriebe muss bleiben
 
Michael Busch, Agrarsoziale Gesellschaft e. V., 37073 Göttingen Niedersachsen
 
"Die Landwirtschaft erfüllt wichtige Aufgaben in der Gesellschaft. Sie produziert nicht nur gesunde Nahrungsmittel und wichtige Rohstoffe, sondern muss dabei auch den ökologischen Anforderungen dieser Produktion gerecht werden. Das sind die Pflege und Gestaltung der Kulturlandschaft, die Bereitstellung einwandfreien Trinkwassers, aber auch der Schutz von Flora und Fauna, das heißt die Erhaltung der Biodiversität. Diese Aufgaben werden sowohl von Haupterwerbsbetrieben als auch von Nebenerwerbslandwirten gleichermaßen erfüllt. Wenn Nebenerwerbslandwirte hier benachteiligt werden, könnte das zu einer verstärkten Aufgabe von Nebenerwerbsbetrieben führen. Dann ist zu befürchten, dass der Strukturwandel in der Landwirtschaft damit verschärft wird und die Vielfalt (nicht nur die Anzahl!) landwirtschaftlicher Betriebe nicht nur in Deutschland sondern in der gesamten EU damit reduziert wird.
 
Wichtige Voraussetzung für die Beibehaltung von Einkommenstransfers muss sein, dass sowohl Haupterwerb- als auch Nebenerwerbsbetriebe 'ihre Hausaufgaben erledigen' und tatsächlich gesunde Nahrung und Produkte erzeugen ohne unsere Umwelt (Boden, Wasser, Luft) und unsere Biosphäre zu beeinträchtigen oder zu zerstören. In diesem Zusammenhang sollten auch entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten für Nebenerwerbslandwirte unterstützt werden, die diese befähigen, sich entsprechend den Anforderungen an eine umweltgerechte Landbewirtschaftung zu verhalten." weiterlesen ...

Wo investiert wird, soll im Ermessen des Landwirts bleiben

Herbert Geißler, 85104 Pförring Bayern
 
"Ich halte davon gar nichts. Es kann nicht sein, dass gut wirtschaftende Betriebe bestraft werden, weil sie den Gewinn reinvestieren und nicht verkonsumieren. Ob er das Geld in die Landwirtschaft oder außerhalb investiert, sollte schon noch im Ermessen des Betriebsleiters liegen und nicht bei einer Institution, die entscheidet, ob bei der Rentabilität eine Wettbewerbsverzerrung durch Subventionskürzung eintritt. Viele Landwirte fördern durch Investition in Biogas oder PV die gewollte Energiewende oder schaffen bezahlbaren Wohnraum durch den Bau von Mietshäusern. Durch die Benachteiligung würden sie bestraft. Würden Gelder, die in Häuser investiert werden anstatt dessen in Ställe gesteckt, so gäbe es noch mehr Überproduktion im tierischen Bereich.
 
Zudem würden Nebenerwerbsbetriebe benachteiligt. Diese hätten zwei Möglichkeiten: einen Vollzeitjob suchen, mit der Folge, dass es gerade in benachteiligten Gegenden zusätzlichen Druck am Arbeitsmarkt gäbe, oder sie müssten mit aller Gewalt versuchen, den Betrieb mit allen Folgen auf Vollerwerb auszurichten. Dadurch gäbe es zusätzlichen Druck am Pachtmarkt. Des Weiteren würde jeder unternehmerische Versuch der Landwirtschaft abgewürgt. Die Landwirte wären auf Dauer wieder billiger Rohstofflieferanten, die von Fremden abhängig sind." weiterlesen ...

Ohne Landwirtschaft wären die Dörfer nur noch Schlafstätten

Elisabeth Brunkhorst, Wölpinghausen, 31556 Wiedenbrügge Niedersachsen
 
"Wenn die Direktzahlungen an Nebenerwerbsbetriebe wegfallen wächst in der Konsequenz das Risiko der ohnehin vom Aussterben bedrohten heimischen Landwirtschaft. Dabei ist diese Landwirtschaft der Herzschlag eines jeden Dorfes. Ohne die Betriebe im Nebenerwerb würden die Dörfer zunehmend zu Schlafstätten mit Geisterdorf-Charakter, in denen am Tag kein Leben und keine Gemeinschaft mehr zu finden wären. Es geht um die Wurzeln der Landkultur, die kleinen Betriebe müssen eine Chance zum Überleben haben. Sie gehören unverzichtbar zum Dorfleben wie die Kirchenglocke zur Kirche." weiterlesen ...


Angelika Sontheimer
Freie Agrarjournalistin

 

 
 
 

Sollen 'Nebenerwerbslandwirte' auch künftig Direktzahlungen erhalten?

Michael Busch, Agrarsoziale Gesellschaft e. V., 37073 Göttingen Niedersachsen

Keine Direktzahlungen an Nebenerwerbslandwirte mehr? Wir fragen den Agraringenieur Michael Busch aus Niedersachsen.


Untersuchungen zur Entwicklung ländlicher Räume
 
Mein Name ist Michael Busch, ich bin wissenschaftlicher Mitarbeiter der Agrarsozialen Gesellschaft e. V. und beschäftige ich mich mit der Organisation und Durchführung von Tagungen, Seminaren, Workshops und fachlichen Exkursionen, aber auch mit der Erarbeitung von Gutachten und empirischen Untersuchungen über die Landwirtschaft und die Entwicklung ländlicher Räume.

Vielfalt landwirtschaftlicher Betriebe muss bleiben

Die Landwirtschaft erfüllt wichtige Aufgaben in der Gesellschaft. Sie produziert nicht nur gesunde Nahrungsmittel und wichtige Rohstoffe, sondern muss dabei auch den ökologischen Anforderungen dieser Produktion gerecht werden. Das sind die Pflege und Gestaltung der Kulturlandschaft, die Bereitstellung einwandfreien Trinkwassers, aber auch der Schutz von Flora und Fauna, das heißt die Erhaltung der Biodiversität. Diese Aufgaben werden sowohl von Haupterwerbsbetrieben als auch von Nebenerwerbslandwirten gleichermaßen erfüllt. Wenn Nebenerwerbslandwirte hier benachteiligt werden, könnte das zu einer verstärkten Aufgabe von Nebenerwerbsbetrieben führen. Dann ist zu befürchten, dass der Strukturwandel in der Landwirtschaft damit verschärft wird und die Vielfalt (nicht nur die Anzahl!) landwirtschaftlicher Betriebe nicht nur in Deutschland sondern in der gesamten EU damit reduziert wird. Wichtige Voraussetzung für die Beibehaltung von Einkommenstransfers muss sein, dass sowohl Haupterwerb- als auch Nebenerwerbsbetriebe "ihre Hausaufgaben erledigen" und tatsächlich gesunde Nahrung und Produkte erzeugen ohne unsere Umwelt (Boden, Wasser, Luft) und unsere Biosphäre zu beeinträchtigen oder zu zerstören. In diesem Zusammenhang sollten auch entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten für Nebenerwerbslandwirte unterstützt werden, die diese befähigen, sich entsprechend den Anforderungen an eine umweltgerechte Landbewirtschaftung zu verhalten.

Nebenerwerb sichert Wirtschaftskraft im ländlichen Raum

Die Nebenerwerbslandwirtschaft erfüllt wichtige sozioökonomische Funktionen: sie erhält Arbeitsplätze im ländlichen Raum und ermöglicht vielfach eine Stabilisierung von Einkommensbedingungen für ländliche Familien. Sie ist prädestiniert für Einkommenskombinationen und stellt ein gutes Beispiel für die Multifunktionalität der Landwirtschaft und die Vielfalt an Produktionsweisen dar. Diese Vielfalt bereichert unsere Erwerbslandschaft und sichert Wirtschaftskraft im ländlichen Raum. Untersuchungen zeigen, dass die absolute Zahl der Betriebe zwar sinkt, der Anteil der Nebenerwerbsbetriebe in den letzten Jahren beständig gestiegen ist - er liegt deutlich über 50 Prozent. In einigen Regionen (beispielsweise in Mittelgebirgslagen) liegt der Anteil an Klein- und Nebenerwerbsbetrieben sogar bei bis zu 70 Prozent. Hier tragen diese Betriebe in besonderem Umfang zur Erhaltung der Landbewirtschaftung und zur Erhaltung und Pflege der Kulturlandschaft bei. Die Politik sollte also auch im Interesse der ländlichen Räume eine Benachteiligung der Nebenerwerbsbetriebe unbedingt vermeiden. 

Sollen 'Nebenerwerbslandwirte' auch künftig Direktzahlungen erhalten?


Keine Direktzahlungen an Nebenerwerbslandwirte mehr? Wir fragen den Landwirt Herbert Geißler aus Bayern.


Ackerbau und Masthähnchen in Oberbayern
 
Unser Betrieb liegt im nördlichen Oberbayern im Donautal. Wir haben 72 Hektar Ackerbau mit Zuckerrüben und Weizen und halten außerdem 38.500 Masthähnchen.

Wo investiert wird, soll im Ermessen des Landwirts bleiben

Ich halte davon gar nichts. Es kann nicht sein, dass gut wirtschaftende Betriebe bestraft werden, weil sie den Gewinn reinvestieren und nicht verkonsumieren. Ob er das Geld in die Landwirtschaft oder außerhalb investiert, sollte schon noch im Ermessen des Betriebsleiters liegen und nicht bei einer Institution, die entscheidet, ob bei der Rentabilität eine Wettbewerbsverzerrung durch Subventionskürzung eintritt. Viele Landwirte fördern durch Investition in Biogas oder PV die gewollte Energiewende oder schaffen bezahlbaren Wohnraum durch den Bau von Mietshäusern. Durch die Benachteiligung würden sie bestraft. Würden Gelder, die in Häuser investiert werden anstatt dessen in Ställe gesteckt, so gäbe es noch mehr Überproduktion im tierischen Bereich. Zudem würden Nebenerwerbsbetriebe benachteiligt. Diese hätten zwei Möglichkeiten: einen Vollzeitjob suchen, mit der Folge, dass es gerade in benachteiligten Gegenden zusätzlichen Druck am Arbeitsmarkt gäbe, oder sie müssten mit aller Gewalt versuchen den Betrieb mit allen Folgen auf Vollerwerb auszurichten. Dadurch gäbe es zusätzlichen Druck am Pachtmarkt. Des Weiteren würde jeder unternehmerische Versuch der Landwirtschaft abgewürgt. Die Landwirte wären auf Dauer wieder billiger Rohstofflieferanten, die von Fremden abhängig sind.

Nebenerwerbslandwirte sind Bestandteil der Dorfkultur

Neberwebsbetriebe sind ein wichtiger Bestandteil der Dorfkultur. Sie unterhalten Hofstellen und bringen einen wichtigen Beitrag zum dörflichen Leben.
 
Herbert Geißler
85104 Pförring Bayern 

Sollen 'Nebenerwerbslandwirte' auch künftig Direktzahlungen erhalten?

Elisabeth Brunkhorst, Wölpinghausen, 31556Wiedenbrügge Niedersachsen

Keine Direktzahlungen an Nebenerwerbslandwirte mehr? Wir fragen die LandFrau Elisabeth Brunkhorst aus Niedersachsen.


Bei den LandFrauen aktiv
 
Mein Name ist Elisabeth Brunkhorst, ich bin stellvertretende Kreisvorsitzende der LandFrauen in Schaumburg. Ich bin verheiratet, wir haben drei Kinder. Mein Mann bewirtschaftet einen landwirtschaftlichen Vollerwerbs-Betrieb mit Ackerbau und Schweinemast.

Ohne Landwirtschaft wären die Dörfer nur noch Schlafstätten

Wenn die Direktzahlungen an Nebenerwerbsbetriebe wegfallen, wächst in der Konsequenz das Risiko der ohnehin vom Aussterben bedrohten heimischen Landwirtschaft. Dabei ist diese Landwirtschaft der Herzschlag eines jeden Dorfes. Ohne die Betriebe im Nebenerwerb würden die Dörfer zunehmend zu Schlafstätten mit Geisterdorf-Charakter, in denen am Tag kein Leben und keine Gemeinschaft mehr zu finden wären. Es geht um die Wurzeln der Landkultur, die kleinen Betriebe müssen eine Chance zum Überleben haben. Sie gehören unverzichtbar zum Dorfleben wie die Kirchenglocke zur Kirche.

Sicherung der Existenz hat viele Möglichkeiten

Persönlich sehe ich zunächst auf die davon abhängigen Existenzen - ob Landwirte nebst Familien im Voll- oder Nebenerwerb versuchen zu überleben, ist dabei zweitrangig. Darüber hinaus sollten wir uns einmal ein Dorf ohne Betriebe im Nebenerwerb vor Augen halten: wo wären die lebensfroh gestalteten und durch ihre Produkte lebenserhaltenden Hofläden? Was wäre ohne "Ferien auf dem Bauernhof?" Die Touristen in der Region blieben weg. Wer pflegt die Landschaft, leistet damit einen Beitrag zu unserer einzigartigen ländlichen Kultur in Deutschland? Fotokalender ohne Rapsfelder und Ernteromantik. Landkultur ausschnittsweise im Zoo-Areal zu besichtigen. Steinige Radtouren in kargen Regionen und keine Kühe, die wiederkäuend auf der Wiese stehen. Wollen wir das? Ich möchte das nicht erleben. 
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