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Landwirtschaft und Gesellschaft

Ramschpreise für Lebensmittel: Die Bauern zahlen die Zeche

Gemüse.
am Donnerstag, 30.12.2021 - 11:56 (10 Kommentare)

Landwirtschaftsminister Özedmir ist gegen Ramschpreise. Doch wie hoch ist der wahre Preis für Lebensmittel und wer trägt die Kosten?

wochenmarkt.

Landwirtschaftsminister Özdemir hat Ramschpreise bei Lebensmitteln und in der Landwirtschaft kritisiert. „Es darf keine Ramschpreise für Lebensmittel mehr geben, sie treiben Bauernhöfe in den Ruin, verhindern mehr Tierwohl, befördern das Artensterben und belasten das Klima. Das will ich ändern“, sagte der Grünen-Politiker. Darüber hinaus strebt Özdemir eine Ausweitung des Ökolandbaus bis 2030 auf 30 Prozent an. Der Staat solle hierbei „seine Nachfragemacht nutzen“, sagte der neue Landwirtschaftsminister.

Der Lebensmittehändler Aldi teilte auf Anfrage der F.A.Z. mit, es sei Anspruch des Unternehmens, „den Kundinnen und Kunden zu jedem Zeitpunkt hohe Qualität zum bestmöglichen Preis anzubieten“. Die Aldi-Einkaufspreise „folgen grundsätzlich dem marktwirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage“. Aldi verwies zudem auf seine Maßnahmen zur Verbesserung des Tierwohls, die für die Zukunft geplant seien. Von 2025 an solle es Fleisch aus Haltungsform 1, also gewöhnliche Stallhaltung, nicht mehr geben.

Bereits vor einigen Monaten hatte es in Medien eine heftige Debatte über den wahren Preis von Lebensmitteln gegeben. Eine Studie hatte behauptet, dass die „wahren Kosten“ für Umwelt- und Klimaschäden sich in den Preisen für Lebensmitteln künftig wiederfinden müssen. Fakt ist jedoch: Zwar wollen die Bauern eigentlich auch gerne höhere Preise für ihre Produkte haben – doch was sich im ersten Moment ganz gut anhört, ist zumindest aus drei Gründen problematisch.

Erstens: Preise bilden sich nicht nach den Kosten, sondern sie messen Knappheiten – zumindest in einer Marktwirtschaft.

Zweitens: Auch in anderen Branchen und Wirtschaftsbereichen bestimmen nicht die vermeintlichen Kosten die Preise, sondern Angebot und Nachfrage – und ein möglichst fairer Wettbewerb.

Drittens: Auch gesellschaftlich ist es zumindest fragwürdig, den Erzeugern von Lebensmitteln einseitig den schwarzen Peter – also die Verantwortung – für die bestehenden ökologischen Probleme zuzuschieben. Aber eins nach dem anderen.

Sollen die Umwelt-Kosten den Preis bestimmen?

maisfeld.

Zunächst einmal zu den Fakten. Die Wirtschaftswissenschaftler der Universität Augsburg, Tobias Gaugler, Amelie Michalke und Maximilian Piper hatten in der Studie „How much is the dish? – Was kosten uns Lebensmittel wirklich?“ folgende These aufgestellt: Mit zunehmender Intensivierung der Produktion und als Deutschlands größter Flächenverbraucher stellt die Landwirtschaft einen enormen Belastungsfaktor für die Umwelt dar.

Weiter heißt es dort: „Umweltschäden finden aktuell aber keinen Eingang in den Lebensmittelpreis. Stattdessen fallen sie der Allgemeinheit und künftigen Generationen zur Last“. Und die Wissenschaftler haben ausgerechnet: „Bei tierischen Produkten fallen jeweils die höchsten in Preisaufschlägen ausgedrückten Folgekosten an, gefolgt von Milchprodukten und pflanzlichen Erzeugnissen.“ Und das Ergebnis von Gaugler und Michalke: Danach müssten konventionell-tierische Produkte auf Erzeugerebene etwa dreimal so teuer sein wie dies bisher der Fall ist.

Außerdem kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss: Die Fehlbepreisung ist bei konventionellen Produkten in allen Kategorien weitaus höher als bei biologischen Produkten. Gaugler und sein Team hatten im Auftrag des zur Rewe-Gruppe gehörenden Discounters Penny die „wahren Kosten" für insgesamt 16 Eigenmarken-Produkte der Handelskette berechnet. Dabei wurden neben den „normalen Herstellungskosten“ auch die Auswirkungen der bei der Produktion entstehenden Treibhausgase, die Folgekosten der Düngung, sowie den Energiebedarf berücksichtigt.

Das Resultat der Berechnungen: „Aus volkswirtschaftlicher Sicht handelt es sich um eine erhebliche Preis- und Marktverzerrung“, sagte der Augsburger Volkswirt Tobias Gaugler. Die Rewe-Gruppe hat das Problem der versteckten Kosten bei der Eröffnung eines neuen Nachhaltigkeitsmarktes seiner Discountkette Penny in Berlin thematisiert. Für je acht konventionell und öökologisch erzeugte Eigenmarken-Produkte will der Händler neben dem Verkaufspreis dort auch den „wahren Preis“ ausweisen.

Preise messen Knappheiten - nicht die Kosten

käsetheke.

Da fragt man sich zunächst wann die Hersteller von Autos, Computern, Handys oder Bekleidung endlich die wahren Kosten ausweisen. Der Wirtschaftswissenschafter Thomas Straubhaar stellt jedenfalls fest: „Im Kapitalismus bestimmen die Preise die Kosten. Im Kommunismus bestimmen die Kosten die Preise. Oder anders gesagt: In funktionierenden Marktwirtschaften bewegen Angebot und Nachfrage die Preise, und nicht etwa die Höhe der Kosten.“ Die Preise spiegeln als Knappheiten wider. Wo nicht Märkte, sondern Behörden die Wirtschaft lenken, müssen die Preise festgesetzt werden, so Straubhaar.

Weiter sagt der Ökonom: „Preise, die an den Kosten orientiert sind, haben einen fundamentalen Mangel. Wer weiß, dass er die Kosten auf die Kunden überwälzen kann, muss sich nicht ständig anstrengen, effizienter zu produzieren“. Diese Kostenpreise führen zu fehlendem Kostenbewusstsein, Verschwendung, Missachtung von Kundenwünschen und geringer Innovationsdynamik, waren die Argumente von Straubhaar für Wettbewerbspreise.

Ökonomen empfinden es in aller Regel nicht als Problem, dass sie die richtigen Preise nicht kennen. Es reicht ihnen nämlich, den Mechanismus der Preisbildung zu verstehen. Dann lassen sich entsprechende wettbewerbsrechtliche Regeln schaffen, in denen sich Preise so bilden, dass sie für die Gesellschaft insgesamt am besten sind.

In letzter Zeit scheint jedoch die Überzeugung vorzuherrschen, dass man die richtigen Preise kennt und gegebenenfalls mit gesetzlichen Vorgaben dafür sorgen muss, dass sie die richtige Höhe annehmen. Dieser Annahme scheint auch die Untersuchung von Gaugler und Kollegen zu folgen. Und offenbar auch Rewe und Penny.

Auch wenn der Kunde am Ende den normalen Preis zahlen muss, sieht der Rewe-Manager Stefan Magel in der Initiative des Einzelhändlers einen wichtigen Schritt zu mehr Nachhaltigkeit. "Wir müssen dazu kommen, die Folgekosten unseres Konsums sichtbar zu machen", meint er. Magel räumt jedoch ein: "Wir sind als Unternehmen in einem wettbewerbsintensiven Markt ohne Zweifel Teil des Problems." Er hoffe aber mit dem aktuellen Schritt Teil der Lösung werden zu können.

Wenn die Kunden positiv auf die doppelte Preisauszeichnung reagierten, dann könne er sich vorstellen, die Anzahl der gekennzeichneten Produkte weiter zu erhöhen und den Test auf weitere Märkte auszuweiten.

Verbraucher sollen anders kaufen - Bauern zahlen den Preis

rinder.

Die Folgen einer doppelten Bepreisung und der Zuweisung der Umweltkosten an die Landwirtschaft, könnten erhebliche Konsequenzen für Bauern haben - insbesondere für die bereits von Auflagen und explodierenden Kosten geplagten Tierhalter. Denn für die Landwirtschaft würden bei dem genannten Modell nicht einfach nur die Preise steigen. Auch die Kosten würden auf die Bauern umgewälzt. Auf diese Weise würde nicht nur das von allen poltischen Lagern bejammerte Höfesterben noch einmal richtig Fahrt aufnehmen, auch die ländlichen Räume würden sich erheblich verändern.

Aber offenbar wird das bei diesen Szenario durchaus in Kauf genommen. Die Autoren der Studie erwarten jedenfalls, dass die doppelte Preisauszeichnung auch das Einkaufsverhalten der Kunden verändern wird. Noch lieber wäre den Autoren der Studie jedoch, wenn die (errechneten) hohen Umweltfolgekosten schrittweise auf die Lebensmittelpreise aufgeschlagen würden – etwa durch die Besteuerung der CO2-Emissionen in der Landwirtschaft und ein Steuer für mineralischen Dünger.

„Die Preisanpassungen der Lebensmittelmärkte würden wahrscheinlich zu deutlichen Verschiebungen hin zu mehr pflanzlichen und mehr Bio-Produkten führen und gleichzeitig die Umweltschäden deutlich reduzieren", sagte die Mitautorin der Studie Amelie Michalke. Mit diesen Vorschlägen sind die Autoren der Studie allerdings schon sehr weit weg von der Marktwirtschaft und einer Preisfindung durch Wettbewerb.

Gaugler sagt dazu: „Wir haben bisher nur einen Teil der versteckten Kosten berücksichtigt, aber allein das zeigt schon, dass die Preise lügen - manche mehr und manche weniger“. Dieser These würden sicher viele Ökonomen widersprechen und auch viele Landwirte, die sich täglich im Wettbewerb behaupten müssen – und auch gerne höhere Preise für Ihre Produkte hätten.

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