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Steuer und Finanzen

Rückblick: Preisrallye an den Warenterminbörsen

© Rainer Sturm
von , am
30.01.2012

Die reinste Preisrallye lieferten sich die Kurse für Agrarrohtoffe in der vergangenen Woche. Hintergrund waren Russlands Getreideexporte, die Wettersituation und die Geldpolitik der USA.

An der Matif in Paris verliert der Weizen 2,50 Euro auf 200,25 Euro je Tonne. Der Raps legt 1,75 Euo zu. © Michael Grabscheit/pixelio.de
Sowohl an der Chicagoer Leitbörse CBOT als auch an der Euronext in Paris zogen die Notierungen für Weizen, Mais, den Sojakomplex beziehungsweise Raps an den vergangenen sechs Handelstagen bis zum Donnerstag dieser Woche stetig an. Erst am Freitag legten die Börsen wieder eine Atempause ein - fraglich ist auch die Nachhaltigkeit des Preisanstiegs. Dennoch sei laut US-Analysten der Soft Red Winter zurzeit der wettbewerbsfähigste Weizen am Weltmarkt, nicht zuletzt weil die Ankündigung der US-Notenbank Fed, das Zinsniveau bis 2014 bei oder nahe bei null zu lassen, die Anleger aus dem US-Dollar raus- und in andere Risken wie Rohstoffe reingehen ließ.

Wichtige Exporteure scheiden aus und zittern um ihre Ernten

Vom Wetterphänomen La Nina verursachte Dürre und Hitze bei den großen südamerikanischen Mais- und Sojaproduzenten Argentinien und Brasilien, bis zu 30% Ausfälle bei den Wintersaaten in der Ukraine nach der Herbsttrockenheit sowie um 15° Celsius unter dem langjährigen Durchschnitt liegende Fröste von minus 23° bis 30° Celsius im der südrussischen Kornkammer und im Nordkaukasus lassen die Börsianer weltweit um die Erträge der laufenden Mais- und Sojaernten auf der Südhalbkugel sowie um die Weizenerträge auf der Nordhalbkugel bei der kommenden Ernte 2012 zittern.
 
Die ukrainische Analyst ProAgro meinte am Donnerstag, die Ukraine werde sich nach der Rekordernte 2011 mit 56,7 Millionen Tonnen (Mio. t) im kommenden Sommer 2012 mit einer Ertragsaussicht von nur 40 Mio. t begnügen müssen. Dies dürfte das Weizenexportpotenzial des Landes - 2011/12 soll mit 7 Mio. t ein Drittel der Weizenernte von 21 Mio. t auf den Weltmarkt geworfen werden - in der nächsten Saison 2012/13 empfindlich treffen.
 
Gerüchte um neuerliche russische Exportbremse
 
Hat Argentinien zuletzt den Weizenweltmarkt mit aggressiven Geboten ordentlich aufgemischt und die Preise gedumpt, zogen sich die Exporteure vom Plata nun im Angesicht der ungewissen künftigen Versorgungslage schlagartig vom Weltmarkt zurück.
 
Ähnliches ist von Russland zu erwarten: Hat Moskau doch nach der üppigen Weizenernte 2011 mit 57 Mio. t die Devise ausgegeben, bei einem Exportziel von etwa 24 Mio. t die Bremse mit Exportzöllen anziehen zu wollen - bis Mitte dieser Woche waren, so Vizepremier Viktor Zubkov, jedoch schon 19,5 Mio. t erreicht.
 
 
Ukraine und Kasachstan: Weniger Exporte
 
Auch der Ukraine schien zuletzt die Luft bei den Exporten auszugehen: Fielen die Exportzahlen im Dezember 2011 gegenüber dem November schon von 2,29 auf 2,18 Mio. t, brachte man im Januar bis zum 25. des Monats nur mehr 775.000 t Getreide - zum Großteil auch nur Mais - außer Landes. Auch in der Ukraine und ebenso beim dritten großen der Schwarzmeer-Exporteure, Kasachstan, bremsen Logistikengpässe das Tempo. Außerdem scheinen die Kasachen Probleme mit ihrer Weizenqualität zu haben. Die staatliche ägyptische Getreideimportagentur GASC stieß nämlich kürzlich erst eine Schiffsladung kasachischen Weizens, weil darin unerlaubte Saaten gefunden worden seien.
 
Heftige Nachfrage am Weltmarkt trifft auf geringes Angebot
 
Dem Ausfall wichtiger Exporteure am Weltmarkt und dem Austrocknen der Angebotsliquidität steht aber gerade eine neue Welle von Importausschreibungen wichtiger Zuschussländer gegenüber: Mit dem Irak, Jordanien und Äthiopien, die zurzeit ihre Fühler nach Weizenlieferungen ausstrecken, liegt am Weltmarkt Kaufinteresse für bis zu 500.000 Tonnen in den kommenden Wochen am Tisch, das als nur schwer zu bedienen gilt.
 
EU und USA wittern ihre Chancen am Weltmarkt
 
All diese Umstände mit dem Ausscheiden des Mitbewerbs spielen den verbliebenen Big-Playern am Getreideweltmarkt, den USA, Kanada, Australien und der EU, in die Karten. Die Lagerhalter hier beginnen sich nun angesichts der gestiegenen Preise zu bewegen und Ware auf den Markt zu bringen. Den US-Exporteuren kommt dabei trotz gestiegener Preise der schwache US-Dollar zuhilfe, während die Euronext den für Ausfuhren aus Europa wettbewerbshemmenden härteren Euro einfach ignorierte und den US-Börsen folgte.
 
Die USA meldeten für die Woche bis 19.01. Weizenexporte von 604.700 t - 59% mehr als im Schnitt der vergangenen vier Wochen - und ebenso stolze 958.100 t Maisausfuhren.
 
Auch die EU, vor allem Frankreich, mischt mit: Besonders in Ägypten und Algerien haben französische Weizenausfuhren ihren festen Platz erobert.
 
EU: 2011/12 Netto-Maisimporteur
 
Die EU hält damit im laufenden Wirtschaftsjahr bei 7,9 Mio. t Weizenexport. Für Mais dagegen vergab die Kommission diese Woche Einfuhrlizenzen für 116.000 t, womit die EU nun einen Nettoimportsaldo von rund einer Million Tonnen aufweist.
 
Aber auch an Weizen besteht reges Importinteresse in der EU. Vorige Woche wurden zum zweiten Gebotstermin erneut größere Lizenzmengen für Weizen im Rahmen des Einfuhrkontingents nachgefragt. Die Kommission musste kürzen. Nach den Zuschlägen in der Woche zuvor standen für den Import von Weizen einfacher und mittlerer Qualität aus allen Drittländern außer Kanada und den USA noch knapp 189.000 t zur Verfügung. Da die Importeure Gebote über 288.000 t abgegeben hatten, setzte die Kommission einen Kürzungssatz von 65% fest. Mit den Zuschlägen dieser beiden Wochen über rund 1 Mio. t ist das Kontingent für das 1. Halbjahr 2012 ausgeschöpft. Erst im Juli können wieder Gebote abgegeben werden.
 
IGC: 2011/12 Rekordernten und Rekordverbrauch
 
Der Aufschwung der Märkte traf die Investoren an den Warenterminbörsen offensichtlich auch am falschen Fuß, da ja die fundamentalen Marktdaten weiterhin auf reichlich versorgte Weizenmärkte hindeuteten. So sprach der Internationale Getreiderat IGC in London in seinem Januarbericht vorige Woche davon, dass Rekordzahlen den globalen Getreidemarkt bestimmten.
Übereinstimmend heißt es bei IGC und USDA, dass die Erzeugung Rekordwerte erreicht. Im Gegensatz zu früheren Jahren wächst jedoch der Verbrauch ebenso schnell. Damit entstehen aus heutiger Sicht keine drückenden Überschüsse. Gleichwohl sind die Weizenbestände reichlich.
 
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