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Produktion und Förderung

Seuchenfälle: Sind wir gut aufgestellt?

© landpixel
von , am
17.08.2013

Tierseuchen stellen ein großes Risiko für Tierhalter dar. Derzeit ist die Afrikanische Schweinepest ein großes Thema. Dr. Ursula Gerdes von der Niedersächsischen Tierseuchenkasse gibt Antworten.

Dr. Ursula Gerdes ist seit Anfang diesen Jahres neue Geschäftsführerin der Niedersächsischen Tierseuchenkasse. © CDL
FrauDr. Gerdes, bereiten Ihnen die Meldungen über neue Ausbrüche der Afrikanischen Schweinepest Sorge, die uns in regelmäßigen Abständen aus Osteuropa und Russland erreichen?
 
Ja, das tun sie sehr wohl. Es ist schon beängstigend, mit welchem Tempo sich die Afrikanische Schweinepest von  Georgien kommend in Richtung Westen bewegt hat, nämlich jedes Jahr um etwa 350 Kilometer. Da kann man sich sehr leicht ausrechnen, wann sie bei uns angekommen sein müsste.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Hauptgefahren?

In den baltischen Staaten und Polen gab es jüngst die Überlegung, einen Wildzaun entlang der Grenzen zu ziehen, um Wildschweine am 'Grenzübertritt' zu hindern. Wildschweine sind sicher ein Übertragungsrisiko, insbesondere jedoch in bisher betroffenen Regionen, da die Kontaktmöglichkeiten der Wildschweine zu den Schweinehaltungen wegen der örtlichen Nähe und der Haltung im sprichwörtlichen Hinterhof sehr viel größer sind.
Ich sehe daneben zwei Hauptaspekte: zum einen die Transporte und der Personenverkehr aus Osteuropa oder Russland in Richtung Westen, beides hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Mit den Transporten können infizierte tierische Produkte und Speisereste nach Deutschland gelangen.
 
Worauf in der Fachpresse ja auch schon häufiger hingewiesen wurde ist, das zum anderen Jäger, die ohne Zweifel interessanten Möglichkeiten in unseren östlichen Nachbarländern gern und viel nutzen. Schweinehalter, die dort zur Jagd waren, sollten ihren Stall danach drei Tage nicht betreten, das Schweinepestvirus ist sehr leicht übertragbar, bereits wenig Blut infizierter Tiere reicht für eine Infektion aus.

Alle Wachsamkeit bietet keinen 100%igen Schutz gegen einen Seucheneinbruch. Wie sind wir für den Fall der Fälle gerüstet?

Wir sind gut gerüstet! Ich nenne dazu die beiden Eckpfeiler Früherkennung und Vorsorge. Wenn es zu einer Ansteckung gekommen ist, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Je eher es eine klare Diagnose gibt, umso größer die Chance‚ die Seuche schnell in den Griff zu bekommen. Und dies gilt umso mehr, je mehr Tiere in einer Region stehen. 'Glücklicherweise' - auch wenn das Wort hier eigentlich unpassend ist - zeigen die derzeit vorkommenden Varianten der Afrikanischen Schweinepest sehr deutliche Symptome, die Tiere bekommen sofort hohes Fieber, fressen nicht, liegen apathisch herum, zeigen Blutungen unter der Haut und nach drei Tagen verenden sie in der Regel. Typisch ist, dass nicht alle Tiere eines Bestandes, nicht einmal einer Bucht, sich infizieren müssen, es können auch nur Einzeltiere betroffen sein.
 
Der Erste, der möglichweise mit Symptomen konfrontiert wird, ist im Normalfall der Tierhalter. Mein Appell an unsere Landwirte ist deshalb auch, immer wachsam zu sein.
Das Gesagte zum Thema Früherkennung gilt natürlich nicht nur für die Afrikanische Schweinepest, sondern ebenso für die Vogelgrippe, die klassische Schweinepest oder die Maul- und Klauenseuche. Bei der Vogelgrippe im Landkreis Osnabrück in diesem Frühjahr sind wir meiner Einschätzung nach zum Beispiel so glimpflich davongekommen, weil sie wirklich früh erkannt wurde und sehr schnell reagiert werden konnte.

Und wie sieht der Eckpfeiler "Vorsorge" bei uns konkret aus?

Die EU hat die 'Daumenschrauben' bezüglich der Tierseuchenbekämpfung schon nach der Maul- und Klauenseuche in Großbritannien, Irland, Frankreich und den Niederlanden 2001 und dann nach dem verheerenden Vogelgrippezug in den Niederlanden 2003 deutlich angezogen. In den Niederlanden wurden 2003 33 Millionen Stück Geflügel oder ein Drittel des Gesamtbestandes im Land getötet. Da stehen riesige Kosten im Raum. Der Vogelgrippeeinfall im Landkreis Cloppenburg 2008/2009 kostete beispielsweise ca. 15 Millionen Euro - bei 47 getöteten Beständen.
 
Die Kofinanzierung der EU hierfür steht und fällt damit, ob das betroffene Land die Sache im Griff hat, sprich, die Diagnostik, die angeordneten Tötungsmaßnahmen und die Schadensmeldungen dazu innerhalb einer befristeten Zeit abgearbeitet sind. Schafft das Land das nicht, bleiben wir, salopp gesagt, auf den Kosten sitzen. Und wir finanzieren die Kosten für die Entschädigungen, Tötungen und Beseitigungen zu 50 Prozent aus Geldern der Tierhalter.
 
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