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Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Energiekrise und Stromversorgung

Strompreise: 300 Prozent höhere Stromkosten - ist das erlaubt?

Stromtrasse.
am Dienstag, 02.11.2021 - 05:00 (3 Kommentare)

Einige Stromanbieter versuchen die explodierenden Einkaufspreise auf ihre Kunden abzuwälzen. Betroffen sind Verbraucher und Landwirte.

Strompreise,

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat erste Abmahnungen verschickt. Der Hintergrund: Die Großhandelspreise für Gas und Strom kletterten seit Monaten von Rekord zu Rekord. Am 1. November mussten Einkäufer beispielsweise bis zu 180 Euro je MWh ausgeben (siehe Grafik). Das ist das 6fache des Strompreises den Endverbraucher zuletzt zahlen mussten.

Viele kleinere Stromanbieter sitzen offenbar in der Falle. Sie haben sich ihre Einkaufpreise nicht an der Börse abgesichert – wie es die großen Stromunternehmen normalerweise tun. Jetzt müssen sie die extrem teuren Einkaufpreise im Großhandel zahlen.

Nun wollen sie diesem Dilemma auf dubiose Weise entkommen. So versuchen einige Anbieter ihre Bestandskunden, die meist sehr günstige Tarife haben, loszuwerden, indem sie diesen drastische Preiserhöhungen von bis zu 300 Prozent ankündigen – berichtete diese Woche etwa Focus Online.

Andere Unternehmen kündigen den Stromabnehmern ein Lieferstopp an, berichtete vor einigen Tagen auch die Tagesschau. Beides ist aus Sicht der Verbraucherzentrale NRW unrechtmäßig.

Horrende Preiserhöhungen wurden verschleiert

Stromzähler.

Beispiele für dieses Vorgehen sind unter anderem der Kölner Strom- und Gasanbieter Rheinische Elektrizitäts- und Gasversorgungsgesellschaft mit seiner Strommarke "immergrün". Oder auch die Elektrizitätswerke Düsseldorf AG – anders als der große Name suggeriert ein kleiner Discount-Anbieter der zuvor einmal Wunderwerk hieß.

Preiserhöhungen wurden den Kunden in der Regel per E-Mail zugestellt – so etwa auch bei Immergrün. Wie auch die Tageschau berichtete, wurde der eigentliche Grund des Anschreibens verschleiert. Die Kunden konnten nicht wirklich erkennen, worum es in dem Schreiben geht. Um das zu verstehen musste man sich erst in das Online-Kundenkonto einloggen. Erst dort stand dann, um wieviel die Strompreise erhöht werden.

Bei den Mails war oft nicht einmal erkennbar, dass es sich den eigenen Stromversorger handelt, der die Preiserhöhungen ankündigt. Wolfgang Schuldzinski, von der Verbraucherzentrale NRW, kritisierte das Vorgehen gegenüber der Tagesschau scharf: „Die Preiserhöhungen sind völlig intransparent und unzureichend kommuniziert worden. Wir haben das Unternehmen abgemahnt.“

Momentan herrsche angesichts der steigenden Beschaffungspreise jedoch erhebliche Unruhe am Strom- und Gasmarkt. Der Verbraucherzentrale seien bereits  „ähnlich gelagerte Fälle bekannt“. Mit der Abmahnung setze man „deshalb ein deutliches Signal an alle Strom- und Gasversorger, ihre Vertragszusagen gegenüber Verbrauchern einzuhalten“, hieß es.

Strompreise kurzerhand verdoppelt - auf fast 50 Cent

Und einige Stromunternehmen wollen deutlich mehr Geld von ihren Kunden. In einem Fall erhöhte der Anbieter den Arbeitspreis pro Kilowattstunde (kWh) in zwei Schritten innerhalb weniger Wochen von 27,2 Cent auf 49 Cent. Das ist fast eine Verdopplung des Strompreises für den Kunden.

Focus Online berichtete dieser Tage sogar über Preiserhöhungen von 300 Prozent. Seitens der Unternehmens wurde oftmals auf die explodierenden Einkaufpreise bzw. Großhandelspreise verwiesen (siehe Grafik) oder auch auf die rekordhohen Gaspreise. Immergrün hatte zwar mitgeteilt, die Preis-Erhöhung auf 49 Cent sei „nur“ bis zum 01.05.2022 geplant, sicher ist das aber auf keinen Fall, wenn man die Entwicklung am Strom- und Gasmarkt sieht.

Stromkunden, die aufgrund der unübersichtlichen Mitteilungen ihr Sonderkündigungsrecht übersehen haben – und das dürften nicht wenige sein -  zahlen, um beim Beispiel  Immergrün zu bleiben, in Zukunft  das Doppelte.

Unrechtmäßig ist aus Sicht von Verbraucherschützern auch ein kurzfristiger Belieferungsstopp ohne ausreichende Begründung. „Er setzt dem Ganzen die Krone auf", sagt die Verbraucherzentrale NRW gegenüber der Tagesschau. Der Grund: Eine ordentliche Kündigung der Verträge sei dem Unternehmen eigentlich nur zum Laufzeitende möglich. Dies sei aber in vielen Fällen nicht erreicht.

Kunden, die sich nun einen neuen – unter den derzeitigen Bedingungen wohl deutlich teureren Anbieter suchen müssen, sollten mögliche Schadensersatzansprüche prüfen und geltend machen, hieß es weiter.

Grundversorger übernimmt (eigentlich) Kunden

stromtrasse.

Ohne Strom und Gas muss in Deutschland aber niemand bleiben. Wer seinen seinen Anbieter verliert, fällt automatisch in die sogenannte Grundversorgung zurück. Der zuständige Grundversorger übernimmt dann automatisch den Kunden. Die Verbraucherzentralen raten allerdings dazu, "möglichst bald in einen günstigeren Tarif zu wechseln, da die Grundversorger preislich meist über dem Marktdurchschnitt liegen".

Wer derzeit auf Vergleichsportale wie Verivox geht, bemerkt zudem ein erheblich reduziertes Vergleichsangebot. Der Grund: Viele Anbieter haben vor dem Hintergrund der explodierenden Gas- und Strompreise die Neukunden-Werbung eingestellt. Der bekannteste Fall ist Eon, berichtet die Tageschau, immerhin einer der größten Energiekonzerne Deutschlands. Man müsse "die stark gestiegenen Beschaffungskosten" berücksichtigen, heißt es auf der Webseite des Unternehmens.

Andere große Versorger bieten ihre Tarife zumindest noch direkt an, aber nicht mehr über Portale. Verbraucherschützer erklären das Problem so: Fallen bei Pleiten oder Anbieterwechsel zu viele Kunden in die Grundversorgung zurück, könnten die Grundversorger selbst Probleme bekommen. Dann müssten diese ebenfalls die Preise erhöhen.

Diese Befürchtungen haben neben den Verbraucherzentralen auch einige Energieversorger. Das Problem ist nämlich: Viele Grundversorger haben nicht ausreichend „günstigen Strom“ für eine stark wachsende Zahl an Kunden eingekauft. Sie müssten dann also ebenfalls teurer zusätzlichen Strom zukaufen.

Mit Material von tagesschau, Verbraucherzentrale NRW, Verivox

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