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Landwirtschaft und Gesellschaft - Ein Kommentar

Was wäre, wenn Bauern so viel Geld verdienen wie Politiker?

Bauerndemonstration
am Mittwoch, 15.09.2021 - 09:37 (8 Kommentare)

Bauern produzieren Essen und verdienen damit wenig. Politiker produzieren Politik und verdienen damit viel.

einkommen landwirte.

Bauern sind systemrelevant. Sie stellen nämlich etwas her, was alle Menschen brauchen, jeden Tag: nämlich Essen. Dafür werden sie jedoch ziemlich schlecht bezahlt. Sieben Tage die Woche auf dem Feld und im Stall – nicht selten 10 Stunden und mehr am Tag – dafür gab es die letzten 10 Jahre im Schnitt knapp 32.000 Euro im Jahr. Im Jahr 2020 erwirtschaften die Bauern ihr bislang zweitbestes Einkommen, auch das waren aber nur 37.200 Euro.

Damit liegen die Landwirte beim Einkommen auf dem vorletzten Platz aller Berufsgruppen. Nur in der Gastronomie bekommen die Beschäftigen noch weniger: nämlich nur knapp 26.000 Euro. Allerdings kommt dort noch das Trinkgeld obendrauf – steuerfrei, dann ist es oft doppelt so viel, hab ich mir sagen lassen. Doch noch mal zurück zum Anfang: Was produzieren nun eigentlich Politiker? Natürlich Politik! Aber ist das auch systemrelevant und braucht man das jeden Tag? Und wie lange müssen sie eigentlich dafür arbeiten?

Nimmt man einmal die Agrarpolitik und die konkreten Beschlüsse und Gesetze der letzten Jahre, dann stellt sich Frage nach der Systemrelevanz schon ziemlich nachdrücklich. Die letzten Gesetze und Auflagen waren jedenfalls nicht für Landwirte gemacht. Und sie zeugen auch nicht unbedingt immer von Sachkenntnis in landwirtschaftlichen Fragen sondern reflektieren eher den politischem Zeitgeist: Düngeverordnung, Tierwohlauflagen, Stilllegungsauflagen, Insektenschutz und vieles mehr, haben den Bauern das Leben schwer gemacht. Und am Horizont sind schon die neuen noch strengeren Auflagen und Forderungen des Green Deal und der Taxonomie (Kreditvergabe) zu erkennen.

Zwar wird viel über das Sterben der kleinen Höfe gejammert –  gemacht wird jedoch genau das Gegenteil. Das sieht man deutlich, wenn man sich die Mühe macht und einmal in die landwirtschaftlichen Statistiken schaut. Das fängt bei der Stigmatisierung der Anbindehaltung an und hört bei den zusätzlichen Investitionen für die notwenigen Güllelager und Tierwohlställe nicht auf. Die Agrarpolitik befeuert jedenfalls den Strukturwandel und das Höfesterben, ob sie es sich nun eingesteht oder nicht.

Brot und Milch gibt es bei Aldi - und andere Fehlentwicklungen

Demonstranten vor dem Brandenburger Tor am 14. April 2021

Das Missverstehen zwischen Landwirtschaft und Politik ist groß – denn, wen wundert es, heute gibt es kaum noch Landwirte als Politiker und die, die Landwirtschaftspolitik machen sind ganz oft Menschen aus der großen Stadt. Diese Woche wollte eine deutsche Politikern einer bestimmten Partei im Europaparlament den noch aktiven Landwirten sogar verbieten über Fragen der Agrarpolitik abzustimmen. Da reibt man sich schon verwundert die Augen, denn dann dürften auch andere Berufsgruppen nicht über die sie berührenden Themen mitreden.

Ein Grund für das permanente Missverstehen der Landwirtschaft dürfte sein: Viele Politiker – auch Agrarpolitiker - haben kaum jemals einen Bauernhof von nahen gesehen, geschweige denn, einen Bauern bei der Arbeit begleitet. Das Brot und die Milch gibt es nämlich bei Aldi oder Kaufland und die Bauern sind eher mit den Klimasündern verwandt und werden eben nicht als systemrelevante Nahrungsmittelproduzenten gesehen. Da haben leider auch die Verwerfungen der Coronakrise wenig geholfen, um für die Gefahren unterbrochener Produktions- und Lieferketten zu sensibilisieren.

Doch dafür, dass die Politiker heute eigentlich wenig Politik mit langer Halbwertszeit produzieren, bekommen sie eine Menge Geld. Dafür braucht man nicht nur auf die Landwirtschaft schauen. Poltische Fehlentwicklungen und aufgelaufene Defizite sind auch anderswo zu erkennen: Beispiele sind die Infrastruktur, die weltweit höchsten Strompreise, der Verkehr oder auch die Schulen, nicht zu vergessen das Rentensystem und etliches mehr. Deutschland ist ein reiches Land, heißt ein politischer Slogan, wenn man unbedingt Geld ausgeben will – die Bauern geht es trotz vieler Arbeit und gern vergessener Systemrelevanz aber finanziell nicht besonders gut.

Knapp 17.000 im Monat und 200.000 Euro im Jahr

Einkommen Abgeordete.

Nun aber zum Einkommen, welches die (Agrar)Politiker für das was sie produzieren, bekommen: Im Bundestag erhalten die normalen Abgeordneten derzeit sogenannte Däten – die sich 2021 auf monatlich 10.013 Euro beliefen – vor 10 Jahren waren es erst 6.750 Euro – eine Steigerung von knapp 3.300 Euro bzw. fast 50 Prozent. Das ist aber immer noch nicht  alles.

Dazu kommt die sogenannte Aufwandsentschädigung, die 2021 bei 4.561 Euro lag und für die Bezahlung von Bürokosten außerhalb des Bundestages (Miete, Porto, Inventar, Literatur), Kosten für Unterkunft und Verpflegung sowie Fahrtkosten gedacht ist – aber nicht dafür ausgegeben werden muss. Für Mitarbeiter kann der Abgeordnete weitere 22.436 Euro im Monat ausgegeben werden.

Doch bleiben wir mal bei den ersten beiden Posten – dann kommen wir auf ein Einkommen von 16.763 Euro im Monat und 201.156 Euro im Jahr – ohne Sonderzahlungen und die immer wieder heiß diskutierten Nebenverdienste in der Wirtschaft. Oder der Abgeordnete produziert doch nicht so viel Politik und hat deshalb – anders als die meisten Landwirte -  neben seiner eigentlichen Arbeit noch etwas Zeit übrig – für Nebeneinkünfte.

Das zweitgrößte Parlament der Welt – wird noch größer

abgeordnete parlamente.

Im Augenblick sitzen 709 Abgeordnete im Bundestag. Das sind 111 mehr als es die Normalgröße von 598 eigentlich vorsieht. Davon sind gerade einmal 10 Landwirte – verteilt auf verschiedene Parteien. Damit hat Deutschland das zweitgrößte Parlament nach China – noch vor Nordkorea mit 687 Abgeordneten und deutlich vor Russland mit 450 und den USA mit 435 Abgeordneten.

Der Wahlrechtsexperte Robert Vehrkamp rechnet für den neuen Bundestag sogar mit bis zu 1000 Abgeordneten. Die Mehrausgaben für die zusätzlichen Abgeordnetendiäten – will ich an dieser Stelle lieber nicht ausrechnen.

Bei so vielen Abgeordneten, die so gut bezahlt werden, müsste eigentlich eine Menge guter (Agrar-)Politik produziert werden – am besten 7 Tage die Woche – 10 Stunden am Tag. Landwirte werden wohl leider auch im nächsten Parlament nicht viele dabei sein, eher noch weniger. Damit besteht auch wenig Hoffnung, dass die dann produzierte Agrarpolitik besser wird.  Eher im Gegenteil.

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