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Agrarfinanztagung 2019

Welthandel: Protektionismus und Ende der Globalisierung?

Agrarfinanztagung 2019
am
12.04.2019

Die globale Wirtschaft steht möglicherweise vor einem Jahrzehnt der De-Globalisierung. Das bedeutet massive Erschwernisse im Welthandel - auch mit Agrarprodukten.

Diese Entwicklung ist bereits gut beim Handelskonflikt zwischen China und den USA zu erkennen und wird sich wohl weiter fortsetzen.

Zu dieser Einschätzung kam der Chefvolkswirt der Commerzbank, Dr. Jörg Krämer, bei seiner Analyse der globalen Weltwirtschaft auf der Agrarfinanztagung des Deutschen Bauernverbandes (DBV) und der Landwirtschaftlichen Rentenbank am 11. April in Berlin.

Phase des Protektionismus

Globalisierung

Krämer bezeichnete die gegenwärtige globale Wirtschaftsentwicklung als Phase des Protektionismus. Für Deutschland erwartet der Chefvolkswirt der Commerzbank kurzfristig eine deutliche Abschwächung des Wachstums, wenn nicht gar eine Rezession.

Dabei sei für diese Entwicklung beileibe nicht nur US-Präsident Donald Trump verantwortlich. Die meisten Probleme würden auch ohne den amerikanischen Präsidenten bestehen und würden wohl auch ohne ihn weiter existieren. Die Ursachen für die gegenwärtigen Probleme sind laut Krämer deutlich komplexer: Zum einen wird die letzte Finanzkrise von den meisten Akteuren eindeutig als Marktversagen wahrgenommen. Das hat das Misstrauen in die globalen Märkte und den Welthandel deutlich verstärkt.

Außerdem gibt es gerade in den Industrieländern auch Verlierer der Globalisierung. Diese geben dann bei Wahlen ihre Stimme politischen Globalisierungs-Gegnern. Und nicht zuletzt spielt China - als einer der weltweit größten Wirtschaftsmächte - nach Krämers Einschätzung nicht nach den Regeln.

Das Reich der Mitte subventioniere in erheblichem Umfang große chinesische Unternehmen und verzerre damit massiv den Wettbewerb. Das verursache entsprechende Konflikte - wie etwa den Handelskrieg mit den USA. Der Volkswirt glaubt zudem, dass China derzeit „ideologischer“ ist als vor 20 Jahren. 

China zieht Deutschland mit nach unten

China Wirtschaftswachstum

Insbesondere für die deutsche Wirtschaftsdynamik ist nach Krämers Meinung die weitere Entwicklung im Handel mit China ausschlaggebend. Die derzeitigen wirtschaftlichen Probleme der Chinesen seien ganz offenbar der Hauptgrund für die aktuelle deutsche Wachstumsschwäche. China selbst versuche allerdings mit umfangreichen Konjunkturmaßnahmen und Steuersenkungen eine stärkere Rezession zu verhindern.

Deutschland hat im Moment aber auch noch andere Schwierigkeiten. Dazu gehört die Androhung von Strafzöllen auf europäische und damit vor allem deutsche Autoexporte in die USA, sollten die Europäer ihre Importzölle nicht auf US-Niveau senken. Hier sieht der Volkswirt ein großes Konfliktpotential für die deutsche Gesamtwirtschaft, denn in Deutschland hängt direkt und indirekt ein Drittel der industriellen Leistung an der Automobilwirtschaft.

Eine weitere Eskalation des Handelskonflikts China/USA erwartet Krämer derzeit zwar nicht - aber auch keine völlige Deeskalation. Der Konflikt wird weiter schwelen und sich auch auf den globalen Handel negativ auswirken.

Ein großes Problem für die Europäer ist zudem der Brexit. Hier rechnet Krämer trotz allem hin und her nicht mit einer weiteren Eskalation. Vielmehr erwartet er eine Verschiebung des Austrittstermins und den Abschluss eines Freihandelsabkommens. Das würde die Briten jedoch noch längere Zeit an die gemeinsamen europäischen Zollbestimmungen binden.
 

Rezession und unverändert niedrige Zinsen

Aufträge Wirtschaft

Krämer betont, dass Deutschlands derzeitige wirtschaftliche Schwäche ganz überwiegend von dem stark rückläufigen Export herrühre. Auch hier sei vor allem der schlechtere Absatz nach China verantwortlich. Die Auftragseingänge der deutschen Wirtschaft sind zuletzt um 6 Prozent gefallen. Bei ähnlichen Auftragsrückgängen kam es in der Vergangenheit meist zu einer Rezession.

Krämer glaubt jedoch, dass China aus der Nachfrageschwäche wieder herauskommt und damit auch den deutschen Export wieder ankurbeln könnte. Er machte das vor allem an der zuletzt wieder positiven Entwicklung des chinesischen Immobilienmarktes als wichtigem Wirtschaftsindikator fest.

Hinzu kommt, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Markt bis auf Weiteres mit sehr niedrigen Zinsen stützt. Das ist zwar schlecht für die Sparer, jedoch gut für die Unternehmen und die Kreditnehmer. Der Chef-Volkswirt geht davon aus, dass die Leitzinsen mindestens bis Ende 2019 so niedrig bleiben wie jetzt. Kramer hält angesichts der derzeitigen Wirtschaftsschwäche auch für 2020 eine Zinserhöhung für nicht wahrscheinlich.

Falls es in Europa dennoch eine Rezession geben sollte, rechnet er damit, dass die EZB erneut in großem Umfang Staatsanleihen aufkauft - insbesondere um die verschuldeten südeuropäischen Staaten zu stützen. Die offizielle (niedrige) Inflationsrate unter 2 Prozent würde das offenbar erlauben. Eine Zinsanhebung sei also weiterhin nicht Sicht.

Den Dollar sieht der Commerzbank-Experte im weiteren Jahresverlauf schwächer und damit günstig für europäische Exporte. Diese Prognosen sind natürlich nicht nur für die Industrie, sondern auch für die Agrarwirtschaft wichtig, denn die deutsche Landwirtschaft ist auf vielen Teilmärkten ein großer Exporteur. Letztlich hängen die Einkommen der deutschen Landwirte unmittelbar auch von den Absatzmöglichkeiten und Preisen am Weltmarkt ab.   

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