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Produktion und Förderung

Zweifel an weiterem Wachstum in der Tierhaltung

© Mühlhausen/landpixel
von , am
25.06.2013

Herrsching - Für fraglich hält die Direktorin des Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft, Prof. Hiltrud Nieberg, eine Fortführung des zuletzt zu beobachtenden Wachstums in der Nutztierhaltung in Deutschland.

Die BLG-Jahrestagung in Herrsching. © BBV LandSiedlung/Saur
Begrenzende Faktoren für eine weitere Ausdehnung seien steigende Pachtkosten sowie in einigen Regionen zunehmende Kosten für die Gülleentsorgung, sagte die Wissenschaftlerin bei der Jahrestagung des Bundesverbandes der gemeinnützigen Landgesellschaften (BLG) vergangene Woche in Herrsching.
 
Ihrer Einschätzung nach wird der gesellschaftliche Druck auf sehr große Tierbestände zunehmen, und zwar nicht nur in den Veredlungsregionen. Allerdings könnten umwelt- und tierschutzrechtliche Maßnahmen dazu führen, dass sich die Aufgabe von kleinen Tierbeständen weiter beschleunige, so die Institutsleiterin.

Neuausrichtung der Investitionsförderung

Der Staatssekretär vom Bundeslandwirtschaftsministerium, Dr. Robert Kloos, nannte als wichtige politische Aufgabe, die landwirtschaftliche Tierhaltung besser mit den gesellschaftlichen Anforderungen in Einklang zu bringen.
 
Hohe Erwartungen hat der Staatssekretär dabei an die Ende letzten Jahres beschlossene Neuausrichtung der einzelbetrieblichen Investitionsförderung.
Hier gehe es darum, einerseits den Wünschen der Gesellschaft nach mehr Tierschutz Rechnung zu tragen und andererseits die Betriebe auch künftig bei den notwendigen Entwicklungsprozessen wirksam zu unterstützen. Kloos: "So wie Deutschland heute ein führender Standort für Landtechnik ist, kann es auch ein führender Standort für eine besonders tiergerechte und ressourcenschonende und damit zukunftsweisende Landwirtschaft werden."

Komplexere Unternehmensstrukturen

Nach Auffassung von Institutsdirektorin Nieberg wird sich der Strukturwandel mit einem anhaltenden Rückgang der Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe und steigenden Betriebsgrößen fortsetzen. An diesem grundsätzlichen Trend werde auch die anstehende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nichts ändern.
 
Gleichwohl wird es der Agrarökonomin zufolge auch künftig ein Nebeneinander von kleinen und großen Betrieben sowie breit gefächerte Möglichkeiten zur Erzielung eines angemessenen Einkommens geben. Weiter zunehmen werden laut Nieberg die Verflechtungen zwischen den Betrieben und Unternehmen.
Stichworte dafür seien Kooperationen, Beteiligungen an anderen Betrieben, die Gründung eigener Dienstleistungsunternehmen oder auch der Aufbau neuer Unternehmenszweige. Im Ergebnis stünden komplexere Unternehmensstrukturen, so dass das klassische Bild eines landwirtschaftlichen Familienbetriebes immer weniger zutreffe. Die derzeitige Agrarstatistik spiegele damit die tatsächliche Einkommenslage der landwirtschaftlichen Unternehmen nur noch unzureichend wider.

Gesellschaftlicher Druck nimmt weiter zu

Agrarstaatssekretär Kloos wies darauf hin, dass regionale Konzentrationsprozesse in der Tierhaltung und ökonomisch notwendige Wachstumsschritte wegen ihrer Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt in weiten Teilen der Gesellschaft kritisch gesehen würden. Heute übliche Praktiken in der Tierhaltung, optimierte moderne Tierhaltungsverfahren, die sich an den aktuellen wirtschaftlichen aber auch wissenschaftlichen und technischen Rahmenbedingungen orientierten, würden von immer mehr Verbrauchern hinterfragt. Dies gelte insbesondere für nicht kurative Eingriffe am Tier, die Verwendung von Tierarzneimitteln oder auch der Einsatz von Futtermitteln aus Übersee.

Veränderungen mit der Landwirtschaft

In der Kritik stünden auch die "allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten optimierten Stallhaltungssysteme". Bund und Länder hätten sich vor diesem Hintergrund darauf verständigt, Stallbauinvestitionen nur noch zu fördern, wenn sie bestimmte, von den Ländern festgelegte Anforderungen in den Bereichen Umwelt- und Klimaschutz erfüllten und über die derzeit geltenden Standards hinaus einen Beitrag zum Tierschutz leisteten.
 
Kloos wies in diesem Zusammenhang Vorwürfe von Tierschützern zurück, die Standards seien zu wenig ambitioniert. Es sei wichtig, dass die Investitionsförderung nicht wegen zu hoher Anforderungen ins Leere läuft. "Wir wollen Veränderungen mit der Landwirtschaft", betonte der Spitzenbeamte.

Wachsende Spannungen

"Bau- und Erweiterung von Nutztierställen stehen im Agrarstrukturwandel synonym für wachsende Spannungen zwischen den unter hohen wirtschaftlichen Druck stehenden Landwirten und der sie umgebenden, sich immer weiter von der Landwirtschaft entfernenden Bevölkerung", erklärte der Vorstandsvorsitzende des BLG, Dr. Willy Boß. Der Konflikt finde nicht zuletzt seinen Niederschlag in der Änderung der Förderung der Landwirtschaft und ländlichen Räumen sowohl auf europäischer als auch nationaler Ebene. Abzuwarten bleibe, ob die veränderten Anforderungen in der Agrarinvestitionsförderung mit dem Stand der Forschung, einem belegten Mehrwert für das Tierwohl, der verfügbaren Technik, Akzeptanz, Praxistauglichkeit und Wirtschaftlichkeit in Einklang zu bringen seien.
Der BLG-Vorsitzende machte auf das umfangreiche Dienstleistungsangebot der Landgesellschaften aufmerksam, über die rund 50 Prozent der Stallneubauten in Deutschland abgewickelt werden. Das Angebot reiche von der Standortfindung über Planung, Genehmigungsmanagement und technische Betreuung bis zur Förderbetreuung von Investitionsmaßnahmen. Den Schwerpunkt bilde der Bau von Nutztierhaltungsanlagen, dabei vornehmlich von Milchviehställen.

Einkommenskombination bringt Stabilität

Die herausragende Bedeutung der Einkommenskombination für die bayerische Landwirtschaft stellte Leiter der Abteilung "Grundsatzfragen der Agrarpolitik" im Münchener Agrarressort, Konrad Schmidt, heraus. Seinen Angaben zufolge verfügen rund 61 Prozent der bayerischen Betriebe über zusätzliche Einkommensquellen; bei den Haupterwerbsbetrieben seien es sogar 70 Prozent. Die wichtigsten Bereiche seien Fotovoltaikanlagen, die Erzeugung und Bereitstellung von Festbrennstoffen wie Holz, Lohnunternehmen, Landschaftspflege, Hofläden sowie Ferienwohnungen.
 
Bei etwa einem Viertel der Betriebe sei der Einkommensanteil aus der "Nebentätigkeit" größer als der aus der landwirtschaftlichen Erzeugung. In knapp zwei Drittel der Fälle seien die Einkommensbeiträge in etwa gleich. Der Ministerialbeamte verwies auf eine Reihe von Nebeneffekten. Beispielsweise sei in Betrieben mit Einkommenskombination die Hofnachfolge überwiegend gesichert. Zudem seien Betriebe mit Einkommenskombination investitionsfreudiger als reine Landwirtschaftsbetriebe. Schmidt: "Vielfalt stabilisiert nicht nur Betriebe, sondern auch Regionen und ländliche Räume insgesamt."

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